Zeitung Heute : Kapuzinermönch online: "Der Server im Himmel fällt niemals aus"

Kurt Sagatz

Zum Computerunterricht muss man die Schüler nicht bitten. Den Weg finden sie allein, weiß Gerhard Lenz. Das gilt für diesen Mittwoch besonders, denn auf dem Programm seiner Klasse steht heute Chatten. Erstmals hat der Kapuzinermönch Paulus Terwitte eine Schulklasse in seinen Chatraum eingeladen. In zwei Gruppen können die Schüler der 6b der Katholischen Schule St. Alfons aus Marienfelde jeweils eine halbe Stunde Fragen an Bruder Paulus richten.

Der Kapuzinermönch der Frankfurter Liebfrauen-Gemeinde hat es im Internet zu einiger Bekanntheit gebracht. Jeden Tag nimmt er die Aufmacher-Schlagzeile der "Bild"-Zeitung zum Anlass, sich dazu seine eigenen Gedanken zu machen - quasi der christliche Blick auf das Weltgeschehen. Bruder Paulus weiß, worauf es im Netz ankommt: "Bild ist ein Massenblatt. Wenn ein Mönch die Schlagzeilen kommentiert, interessiert das die Leute." Wie auch den persönlichen Kontakt, wenn nicht zu Gott, dann doch immerhin zu Bruder Paulus, der jeden Sonntagabend in seinen Chatraum einlädt.Seine Erfahrung mit dem neuen Medium merkt man ihm an. Fragen über Fragen tippen die Schüler in ihre Tastaturen. Schließlich haben sie sich gut vorbereitet und zuvor bereits an der virtuellen Besichtigungstour durch das Kloster teilgenommen. "Wann sind Sie Kapuziner geworden?" "Beten Sie vor dem Schlafengehen?" "Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?" "Hatten Sie auch einmal eine Freundin?" So schnell, wie die Schüler fragen, kann er nicht antworten, nimmt sich einzelne Fragen heraus und beantwortet diese lieber ausführlich. Dass seine Eltern es lieber gesehen hätten, wenn er Arzt geworden wäre, er aber keinen Beruf des Geldes wegen ergreifen wollte. Dass der inzwischen 41-Jährige auch in seiner Jugend lieber in die Kirche als in die Disco gegangen sei, dass es auch im Kloster Fernseher gebe - sogar zwei, damit kein Streit zwischen den Mönchen aufkommt.

Vor lauter Fragen auf dem Monitor fällt es einigen schwer, überhaupt die Antworten wahrzunehmen, den Erzählungen des fernen Bruders virtuell zu lauschen. Einige wollen mit Smileys oder groß geschriebenen Fragen die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Andere versuchen, durch Wiederholung ihre Fragen beantwortet zu bekommen. Doch bei 15 Schülern ist die halbe Stunde schnell rum.

Im Umgang mit dem Computer sind die Marienfelder Schüler, die bis auf wenige Ausnahmen der katholischen Kirche angehören, geübt. Bereits in der zweiten Klasse beginnt der PC-Unterricht. Mit rund 60 Rechnern, die über ein Hausnetzwerk miteinander verbunden sind, ist die Ausstattung der Schule recht gut, zumal die Grundschule mit 376 Schülern verhältnismäßig überschaubar ist. Die meisten Rechner wurden gespendet oder der Schule gegen ein geringes Entgelt überlassen. Zudem engagierten sich einige computerbegeisterte Väter beim Aufbau des Netzwerkes und der Einrichtung der beiden Computerräume.

Den Umgang mit dem Computer als weitere Kulturtechnik zu lehren, ist in den letzten Jahren an allen Schulen ein wichtiges Thema geworden. Neben den eher technischen Fähigkeiten soll das richtige Verhalten im World Wide Web vermittelt werden. Sich niemals mit richtigem Namen in einem offenen Chatraum anmelden, nie die eigene E-Mail-Adresse oder die Telefonnummer bekannt zu geben, das alles gehört zu den Regeln, die auf dem Lehrplan zum Thema Neue Medien stehen. Denn so friedlich wie im virtuellen Kloster geht es im übrigen Web längst nicht zu.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!