Zeitung Heute : Karadzic gefasst – Europa jubelt

Serbien nimmt mutmaßlichen Kriegsverbrecher fest Brüssel spricht von wichtigem Schritt auf dem Weg in die EU Ex-General Mladic verhandelt offenbar über Prozess in Belgrad

Berlin - Die Verhaftung des seit vielen Jahren als Kriegsverbrecher gesuchten Serben Radovan Karadzic ist weltweit mit großer Freude und Genugtuung begrüßt worden. „Endlich, endlich! 13 Jahre!“, jubelte Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner, dessen Land derzeit die EU-Präsidentschaft innehat. Der frühere US-Vermittler im Bosnienkrieg, Richard Holbrooke, sagte: „Einer der schlechtesten Männer der Welt, der Osama bin Laden Europas, ist endlich gefasst worden.“ Zugleich wurde die Hoffnung laut, dass Serbien nun zügig Fortschritte in Richtung Europäische Union machen wird.

Der Ex-Präsident der bosnischen Serben, der unter anderem die Verantwortung für das Massaker von Srebrenica mit 8000 ermordeten Muslimen tragen soll, wurde nach Regierungsangaben in einem Belgrader Vorort festgenommen. Dagegen erklärte sein Anwalt Sveta Vujacic, der 63-Jährige sei bereits am Freitag in einem Bus festgenommen und festgehalten worden, bis er am Montag dem Untersuchungsrichter vorgeführt worden sei.

Karadzic wurde 1995 des Völkermordes beschuldigt, 1998 tauchte er unter. Er hatte in einer Privatklinik als Spezialist für Alternativmedizin gearbeitet, teilte der serbische Verantwortliche für die Zusammenarbeit mit dem Haager Kriegsverbrechertribunal, Rasim Ljajic, am Dienstag mit. Er präsentierte dazu ein Foto, auf dem ein dünner Mann mit langen Haaren, einem weißen Bart und Brille zu sehen ist. Karadzic soll im Stadtteil Neu-Belgrad mit falschen Dokumenten unter dem Namen Dragan Dabic gelebt haben. Der Ankläger des serbischen Kriegsverbrechertribunals, Vladimir Vukcevic, sagte, Karadzic sei „glücklich und frei in der Stadt umhergelaufen“. Seine Entdeckung nach dem jahrelangen Versteckspiel war offenbar ein Zufall: Die Sicherheitskräfte waren eigentlich auf der Suche nach dem früheren Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, hieß es in Belgrad. In der serbischen Hauptstadt wurde mit einer raschen Überstellung an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gerechnet. In Justizkreisen hieß es allerdings, Karadzic werde noch mindestens drei Tage in Serbien bleiben, da seine Anwälte gegen die Auslieferung vorgehen wollten.

In der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, die von den Truppen der bosnischen Serben unter Karadzic und Mladic 43 Monate lang belagert worden war, wurde die Nachricht mit Freude aufgenommen. Zahlreiche Bewohner strömten auf die Straßen und feierten die Festnahme des Mannes, der für den Tod von 11 000 ihrer Mitbewohner verantwortlich sein soll.

Karadzics Festnahme erfolgte am Vorabend einer Tagung der EU-Außenminister, auf der über eine engere Kooperation mit Serbien beraten werden sollte. Die EU fordert dafür eine „vollständige Zusammenarbeit“ Serbiens mit dem Strafgerichtshof in Den Haag. Berlin sieht in der Festnahme ein Zeichen für den Weg Serbiens nach Europa. Kanzlerin Angela Merkel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Politiker der Opposition hoben zugleich den Mut der serbischen Führung hervor. Präsident Boris Tadic hatte am Montag die Festnahme bekannt gegeben.

Merkel bezeichnete die Festnahme von Karadzic als „historischen Augenblick“ sowie „gute Nachricht für den gesamten Balkan“. „Die Opfer dürfen wissen: Massive Menschenrechtsverletzungen bleiben nicht ungestraft“, betonte Merkel in Berlin. Die Kanzlerin hob zugleich hervor, Tadic habe „mit diesem mutigen Schritt die europäische Berufung Serbiens unterstrichen.“ Steinmeier wertete die Festnahme Karadzics als „Meilenstein“ in den Beziehungen zwischen Serbien und der EU.

Nach Informationen des Tagesspiegels hatten amerikanische und westeuropäische Geheimdienste Karadzic schon länger im Blick. Die Dienste wollten sicherstellen, dass der Kriegsverbrecher greifbar bleibt, auch wenn er versuchen sollte, unterzutauchen. Ähnlich behalten die westlichen Geheimdienste Mladic im Visier. Er hat sich offenbar mit der Weitergabe von Informationen über Karadzics Bewegungen einen Aufschub vor der eigenen Festnahme erkauft, die jedoch nach Ansicht internationaler Sicherheitskreise demnächst ansteht. Der Fall Mladic erscheint aber komplizierter, da der Ex-General über gute Beziehungen zu Militär und Geheimdienst in Serbien verfüge. Wie es heißt, versuche Mladic, in Verhandlungen mit der Regierung zu erreichen, vor ein serbisches Gericht gestellt zu werden, um der Auslieferung nach Den Haag zu entgehen. Tsp/fan

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