Zeitung Heute : Karambolagen im Supermarkt

Der ägyptische Videokünstler und Regisseur Wael Shawky erhält den Schering Kunstpreis.

Wael Shawky in Aktion. Während eines Künstleraufenthalts in Cittadelarte im italienischen Biella inszenierte der ägyptische Künstler mit Hilfe 200 Jahre alter piemontesischer Marionetten die Geschichte der Kreuzzüge im 11. Jahrhundert neu. Sie spielt bei ihm in digitalen Landschaften, die auf Aufnahmen authentischer Kriegsschauplätze beruhen. Foto: © Wael Shawky
Wael Shawky in Aktion. Während eines Künstleraufenthalts in Cittadelarte im italienischen Biella inszenierte der ägyptische...

Auf der Biennale di Venezia im vergangenen Jahr wurde es deutlich: Ägypten, das Land, in dem die arabische Revolution ihren ersten großen Sieg feiern konnte und ein plutokratischer Premierminister gerade erfolgreich aus dem Amt gejagt worden war, suchte damals noch nach seiner künstlerischen Stimme. In jenem ersten Sommer, der 2011 auf den ägyptischen Frühling folgte, lieh ein junger Künstler sie seinem Land. Zugleich war es eine posthume Würdigung, denn der 33-jährige Ahmed Basiony hatte sich künstlerisch kaum artikulieren können, als er von der Soldateska Mubaraks bei einer Demonstration auf dem Tahir-Platz in Kairo erschossen worden war. Wohl niemand, der in den Giardini von dieser Tragik unberührt geblieben war, die damit im ägyptischen Pavillon ihre Darstellung fand.

Und doch besitzt Ägypten längst diese starke künstlerische Stimme. Wael Shawky gehört sie. Der in Alexandria lebende Videokünstler und Regisseur repräsentiert sein Land seit vielen Jahren immer wieder auf großen internationalen Ausstellungen. Der vergangene Sommer aber gehörte in Venedig der Freude und Trauer angesichts eines hochdramatischen Moments in der aktuellen Zeitgeschichte Ägyptens. Nun kehrt die Aufmerksamkeit wieder zu einem Künstler zurück, der lange schon Bilder gefunden hat für die kulturellen Zerwürfnisse seiner Heimat, die Widersprüche zwischen Nahem Osten und Europa, die religiösen Spannungen.

Insofern bedeutet die Verleihung des mit 10 000 Euro dotierten Kunstpreises der Schering Stiftung 2011 an Wael Shawky ein ganz besonderes Signal. Die Jury – bestehend aus Horst Bredekamp von der Humboldt-Universität und zugleich Mitglied des Schering-Stiftungsrates, der Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev sowie den drei Kuratoren Elena Filipovic (WIELS, Brüssel), Susanne Pfeffer (Kunst-Werke Berlin) und Rein Wolfs (Kunsthalle Fridericianum, Kassel) – wählte den 41-Jährigen aus einer Shortlist aus, für die 15 internationale Ausstellungsmacher Vorschläge gemacht hatten. Die Begründung der Jury für ihren Kandidaten lautete: „Wael Shawky beeindruckt in der konsequenten Entwicklung seines filmischen Werks durch eine außergewöhnliche Präzision: Seine Re-Performances historischer und politischer Ereignisse eröffnen ungewöhnliche Perspektiven, die weit über die Reflektion ägyptischer Gesellschaftsstrukturen hinausgehen. Technisch und handwerklich brillant schafft er Bilder von einer unmittelbaren Überzeugungskraft.“

Dabei dürfte die Jury vor allem den 2010 entstandenen Film „Kabarett Kreuzzüge: Die Horrorschau-Datei“ im Sinn gehabt haben, der auch anlässlich der Verleihung des Kunstpreises an Wael Shawky im August im Rahmen einer Ausstellung in den Kunst-Werken zu sehen sein wird. Während eines Künstleraufenthalts in Cittadelarte im italienischen Biella inszenierte Shawky mit Hilfe 200 Jahre alter piemontesischer Marionetten die Geschichte der Kreuzzüge im 11. Jahrhundert neu. Sie spielt bei ihm in digitalen Landschaften, die auf Aufnahmen authentischer Kriegsschauplätze beruhen. Auf diese Weise entsteht eine surreale Atmosphäre – in der Schwebe zwischen historischen Ereignissen und höchst aktuellen Entwicklungen.

Richard Löwenherz und Sultan Saladin stehen in den „Kabarett Kreuzzügen“ nach fast tausend Jahren einander wieder gegenüber. Shawky entwickelte die Handlung auf der Grundlage von Amin Maaloufs 1986 erschienenem Buch „Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht“. Dabei ändern sich die Zuschreibungen von Opfer und Täter, von Gut und Böse. Ob Christen, Moslems, Könige, Kalifen, Päpste, Märtyrer oder Heilige – sie alle hängen an Fäden und sind Ausführende einer höheren Macht. Lange vor den Ausbrüchen religiöser Gewalt jüngster Gegenwart hatte der in Frankreich lebende libanesische Historiker Maalouf als eigentlichen Hintergrund für die mittelalterlichen Gräueltaten in vermeintlich göttlichem Auftrag sozioökonomische Verwerfungen ausgemacht. Den Kreuzrittern ging es weniger um die Befreiung des Heiligen Grabes als um die Erschließung neuer Ressourcen für ein darniederliegendes Europa, wie Maalouf durch das Studium bislang wenig konsultierter arabischer Quellen herausgefunden hatte.

Mit seiner Methode des Re-Enactment, die augenöffnend für jeden Betrachter wirkt, war Shawky schon einmal in Berlin zu Gast: vor fünf Jahren beim Festival „Meeting Points“ im Hebbel am Ufer. Damals zeigte der Künstler im Centre Culturel Français seine Video-Installation „Telematch Sadat“, für die er Kinder jene Militärparade von 1981 in der Wüste nachstellen ließ, bei welcher der ägyptische Präsident Sadat ermordet worden war. Ein Racheakt, denn Sadat galt wegen des Friedensabkommens mit Israel bei den Islamisten als Verräter. In dem Film marschieren die Zehn- bis Zwölfjährigen mit Spielzeuggewehren über Schutt und Sand. Sie geben mit stolzgeschwellter Brust das Spiel ihrer eigenen Vergangenheit und Zukunft, das da heißt: Krieg, Gewalt und religiöser Hass. Auf Sadat folgte übrigens sein Vizepräsident General Hosni Mubarak, den erst die Arabellion dreißig Jahre später aus dem Amt fegte.

„Telematch Sadat“ ist Teil einer Serie, deren Titel auf eine Fernseh-Spielshow zurückgeht, die in den siebziger Jahren in Deutschland produziert und in zahllosen Ländern von Sri Lanka bis Uruguay ausgestrahlt worden war. Darin treten die Mannschaften zweier Städte zu den verrücktesten Wettkämpfen gegeneinander an. Dieses spielerische Moment, das eine ernsthafte Konkurrenz nur knapp überdeckt, sowie der Einsatz von Persiflage, grotesker Verkleidung und Übertreibung, um die Härte der Wirklichkeit erträglicher zu machen, sind auch bei Shawky wiederkehrende Elemente. Die Serie beginnt 2007 mit der Folge „Telematch Market“. Sie spielt in einem leeren Supermarkt – schon damals mit Kindern als Hauptdarstellern. Diesmal kurven sie mit ihren Mini-Lastern, die auch bei „Telematch Sadat“ zum Einsatz kommen, zwischen Warenregalen herum. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen. Shawky stellt hier Bezüge zwischen dem Supermarkt und seinem zunehmend von Konsumverhalten geprägten Land her, einem wachsendem Militarismus und dem Verkehrschaos auf Kairos Straßen.

Den Supermarkt als Spielstätte und Metapher des Kapitalismus hatte der junge Filmemacher, der in Alexandria und in Philadelphia studiert hat, 2004 zum ersten Mal in Istanbul für sich entdeckt. Dort trat er selbst vor die Kamera und deklamierte inmitten der Gemüseabteilung die 18. Sure des Koran, in der es um das Verhältnis von Wissen und Macht geht. In den folgenden Jahren wiederholte er diese Auftritte in Amsterdam und Hamburg. Der Clash der Kulturen, die gesellschaftlichen Umbrüche, religiöse Konfrontationen – sie finden sich überall. Wael Shawky stellt sie nur auf eine andere Bühne.

Ab 26. August 2012 kann man sich in den KW Institute for Contemporary Art einen Eindruck davon verschaffen.

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