Zeitung Heute : Karge(s) Aussichten

Von den rund 10 500 erfassten Denkmälern Brandenburgs wurden bislang nur 30 Prozent auf Vordermann gebracht. Für die weitere Restaurierung gibt es immer weniger Mittel

Marion Hartig

Sie lernen sich 1919 in Berlin kennen, der Fabrikbesitzer Herrmann und der für seine expressionistischen Ideen bekannte Architekt Mendelsohn. Die „Chemie“ zwischen beiden scheint zu stimmen – der Fabrikbesitzer lässt den Architekten südlich der Stadt, in Luckenwalde, eine Arbeitersiedlung, eine Fabrikhalle, schließlich die Hutfabrik Friedrich Steinberg, Herrmann & Co entwerfen.

Der Hallenkomplex mit einem überdimensionalen Hut auf dem Dach als Lüftungsanlage wird später als herausragendes Denkmal der Industriebaukunst gehandelt und in die Liste der national bedeutenden Denkmäler aufgenommen, berichtet der Landeskonservator von Brandenburg Detlef Karg. Der Mann mit dem weißen Haar sitzt etwa 20 Kilometer nordöstlich von Luckenwalde entfernt in seinem großen Büro in Wünsdorf und blickt aus dem Fenster. Sein Job ist es, Bauten, wie die von Mendelsohn, für die Nachwelt zu erhalten. Es scheint als könnte Karg vom blauen Himmel und den rosafarbenen Kasernengebäuden ringsum die vielen Geschichten über die brandenburgischen Denkmäler ablesen.

Drohender Verfall

10 500 Denkmäler insgesamt hat das Landesamt für Denkmalpflege erfasst, Kloster und Kirchen, Parks und Gärten, Industriebauten und Stadtviertel. Darunter 1100 Dorfkirchen und 500 Schlösser und Gutshäuser. „Das ist nicht mehr als ein Drittel der Objekte, die wir noch in Brandenburg vermuten“, schätzt der Landeskonservator. Rund 30 Prozent der bisher gelisteten Objekte seien mittlerweile auf Vordermann gebracht worden, fast die Hälfte der Bauten allerdings müsse dringend saniert werden, sonst drohe der Verfall.

Was nicht immer bekannt ist: Viele der Denkmäler sind für Besucher geöffnet. Ausstellungen in Schlössern, Klöstern und Fabriken erzählen von der Historie des Ortes, erklärt Karg. Man könne durch gestaltete Parklandschaften spazieren, sich restaurierte Klostergärten ansehen oder sanierte Stadtteile. „Je mehr Brandenburger und Touristen das kulturelle Erbe für sich entdecken, je mehr Geld klingelt auch in der Landeskasse“, weiß der Konservator und hofft auf reges Interesse. Hier schließt sich der Kreis. Denn eine volle Landeskasse kommt letztendlich auch wieder der Denkmalpflege zugute.

Ein großer Teil der Fördermittel floss nach der Wende in die Sanierung von Sakralbauten. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte St. Marienkirche in Frankfurt (Oder) zum Beispiel bekam ein neues Dach. Jetzt geht es in der Backsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert mit feineren Arbeiten weiter. Derzeit werden drei kostbare, vor zwei Jahren aus Petersburg zurückgeführte, mittelalterlich bemalte Fenster restauriert. Jedes besteht aus 111 rund 30 Zentimeter langen Scheiben. Eine Ausstellung im Chor der Kirche erklärt die Glaskunst und gibt einen Eindruck davon, wie die Kirche mit den neuen Fenstern einmal aussehen wird. 210 000 Euro kostet das Restaurieren eines Fensters. Zwei sind finanziert, für das dritte reichen die bisher gesammelten Fördermittel und Sponsorengelder nicht aus. Neue Spender werden gesucht.

Für Denkmalschützer fängt das 21. Jahrhundert nicht besonders rosig an, findet der Landeskonservator. Im letzten Jahr kappte der Bund das Förderprogramm „Dach und Fach“. 23 Kirchen und Klöster in Brandenburg sind davon betroffen. „Die Dächer sind offen und es fließt kein Geld mehr“, schimpft Karg, „das ist schlimmer, als hätte man die Bauten in ihrem alten Zustand belassen.“ Mehr denn je steckt das Landesamt in einer finanziellen Krise. Andere Bundesländer haben noch ihre Denkmalfonds, mit denen sie die wegfallende Bundesförderung auffangen können. Brandenburg aber musste einen mit 20 Millionen Mark bis 1994 recht gut ausgestatteten Fonds in die Gemeindefinanzierung einbringen und verfügt so kaum über eigene Mittel. Und das hat Konsequenzen. Private Eigentümer sind oft nicht mehr in der Lage, Denkmäler in Schuss zu bringen. Die Anzahl der Anträge auf Abriss steigt stetig an. Karg hofft nun auf die nahende brandenburgische Gesetzesnovelle, die Landesmittel wie früher in einer Art Fonds bündeln und Mittel für den Denkmalschutz bereitstellen soll.

Ein weiteres Phänomen hinterlässt in der Kulturlandschaft seine Spuren: die demografische Entwicklung Brandenburgs. Junge Menschen suchen sich im Westen Arbeit, die Dörfer und Städte überaltern, in manchen Orten steht jedes vierte Haus leer. Ganze Stadtstrukturen seien dadurch in Frage gestellt. „Es wird mehr leer gezogen als abgerissen werden kann“. Dabei sei die Talsohle noch nicht erreicht. Der Landeskonservator sieht die Politik in der Pflicht, umzudenken, Orte zu stabilisieren und den Bewohnern unter die Arme zu greifen, sich und ihrer Heimat eine neue Identität zu geben. Wertgeschätzte Denkmäler könnten in diesem Prozess eine entscheidende Rolle spielen.

Integrierte Baukultur

Eine große Chance für den Denkmalschutz, der auch mit kleinen Fördertöpfen machbar ist, sieht der Landeskonservator in der Umnutzung von zeithistorischen Bauten. Selbst wenn damit in die Denkmalsubstanz eingegriffen wird, ist er dafür. „Viele historische Bauten könnten sonst nicht erhalten" werden. Da wäge man besser ab, auf was sich bei einem Denkmal verzichten lasse. Als gelungenes Beispiel für eine Umnutzung fällt Karg die Stadtpfarrkirche St. Marien in Müncheberg ein.

Das im 13. Jahrhundert errichtete, mehrfach umgebaute Gebäude mit gotischer Halle erhielt einen modernen, architektonisch einzigartigen Einbau, in dem eine Stadtbibliothek, ein Sitzungssaal, Büros, Sanitärräume und eine Küche untergebracht sind. Wie ein Schiffsrumpf schmiegt sich das implantierte Haus an die Nordwand des Kirchenschiffs. Dennoch bleibt die Raumwirkung der gotischen Kirche und die mittelalterliche Substanz des Gebäudes erhalten.

Die Wände des überdachten und beheizbaren Raumes erzählen von der Geschichte des Gebäudes. Genutzt und verwaltet wird das Gotteshaus von Kirche, Förderverein und Stadt, die zu diesem Zweck eine Betreibergesellschaft gegründet haben. Ein Musterbeispiel für integrierte Baukultur, findet der Landeskonservator.

Auch das Zukunftskonzept für die Hutfabrik in Luckenwalde unterstützt Karg. Bis zum 15. Mai können sich Besucher vor Ort eine Ausstellung zur Geschichte der Anlage ansehen. Dann soll der lange Zeit leer stehende und schon als Domizil für eine Go-Kart-Bahn angedachte Hallenkomplex von ihrem neuem Besitzer aus Berlin zu einer Recyclingfabrik umgebaut werden – im Sinne eines Denkmalschutzes, der für kleine Veränderungen durchaus offen ist.

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