Zeitung Heute : Karibischen Walzer tanzen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Marius Meller

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Der Neu-Berliner wird erst jetzt, nach einem Jahr in der großen Stadt, zum richtigen Neu-Berliner. Im Grunde war er bisher nur ein Anwärter auf den Status des Neu-Berliners. Denn nun zieht erstens seine Lebenspartnerin in die große Stadt, die hier endlich einen Job gefunden hat (Osttarif), und zweitens seine Büchersammlung. In einer neuen Wohnung werden sie zu dritt leben können – der Neu-Berliner, seine Lebenspartnerin und seine Büchersammlung. Bislang besuchte der Neu-Berliner – sparsam zur Untermiete und möbliert, aber ohne Bücher wohnend – Lebenspartnerin und Büchersammlung alle zwei Wochen in seiner idyllischen süddeutschen Heimat. Ohne Lebenspartnerin und ohne Büchersammlung war er in der großen Stadt nur zu Besuch. Das wird sich jetzt ändern.

Und muss gefeiert werden. In einer Seitenstraße des Alexanderplatzes sitzen der Neu-Berliner und seine Lebenspartnerin in der Stammkneipe des Neu-Berliners, rekapitulieren ein Jahr Wochenendbeziehung und trinken auf die neue Epoche. Der Neu-Berliner macht seiner Lebenspartnerin eine Liebeserklärung und bedankt sich für ein Jahr Zitate suchen. Denn oft musste der Neu-Berliner, wenn er einsam in seinem möblierten Zimmer in der großen Stadt saß und brütete, mitten in der Nacht bei seiner Lebenspartnerin in der süddeutschen Idylle anrufen und sie nach einem Zitat suchen lassen. Die Lebenspartnerin ist eine perfekte Zitate-Finderin. Der Neu-Berliner musste ihr nur sagen: Das gelbe Nietzsche-Buch, erstes Drittel, links oben, ein Zitat mit „Laubfrösche des Geistes“. Fünf Minuten später kam der Rückruf mit dem Laubfrösche-Zitat. Nie hat sich die Lebenspartnerin beschwert, wenn sie mitten in der Nacht Zitate suchen musste.

Der Neu-Berliner und seine Lebenspartnerin wollen noch schnell einen Blick in die neue, noch leere Wohnung werfen und dabei die Zeit messen, die man zu Fuß von der Stammkneipe bis dorthin braucht. Auf dem Weg durch die menschenleere Karl-Liebknecht-Straße hören sie plötzlich Musik. Sie überqueren die vielspurige Straße und lokalisieren die Geräuschquelle. Aus einem schwarzen Golf auf der Parkspur mit weit geöffneten Türen und vielen Hertha-Aufklebern erklingt laut eine karibische Melodie, merkwürdiger Weise im Dreivierteltakt. Davor tanzt ein Liebespaar Walzer. Als sie vorbeigehen wollen, fordert das Liebespaar erwartungsgemäß zum Mittanzen auf. Der Neu-Berliner und seine Lebenspartnerin begeben sich in Grundstellung, wiegen sich kurz im Takt, um den Rhythmus zu finden, und beginnen ebenfalls Walzer zu tanzen, sehr zu Freude des Liebespaars. Das Paar befindet sich eindeutig in derjenigen Phase der Liebe, in der man zu seinem Glück Zuschauer braucht.

Der Neu-Berliner ist froh, dass er damals einen Tanzkurs mitgemacht hat, mit fünfzehn, als er nur Augen für die pummelige Petra B. hatte, mit der es sich beim Walzertanzen so gut beschleunigen ließ, damals, als auch die Sache mit dem Büchersammeln begann.

Die Parkspur Karl-Liebknecht-Straße, ungefähr Ecke Wadzeckstraße, eignet sich hervorragend zum mitternächtlichen Walzertanzen.

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