Zeitung Heute : Karl-Marx-Allee: Vom Denkmal zum "trink mal"

Harald Olkus

"Solch ein Gewimmel möcht ich sehn, auf freiem Grund mit freiem Volke stehn!" In Stein gehauen steht Goethes Vision aus dem zweiten Teil desFaust am rechten Turmhaus, das mit seinem Zwillingsbau den Eingang zum Strausberger Platz bildet. Hinter seinem Rondell beginnt der prächtigste Boulevard, den die ehemalige DDR zu bieten hatte, die Karl-Marx-Allee.

Als Stalinallee - Baubeginn war 1952 - wurde die Straße zum Vorzeigeobjekt des jungen sozialistischen Staates. DDR-Star-Architekt Herrmann Henselmann sollte ein Ensemble schaffen, das den Aufbau in Ost-Berlin versinnbildlichte und große repräsentative Wohnungen für verdiente Genossen zu bieten hatte. Architektonisch sollte sich Henselmann im Auftrag des Magistrats am Leitbild des sowjetischen Städtebaus orientieren und einen Gegenentwurf bilden zum "westdeutschen Konstruktivismus", der seinerseits ein weiterentwickelter Re-Import der Bauhaus-Ideen aus den USA war.

Im Juni 1953 marschierten dann Bauarbeiter durch die Stalinallee und protestierten gegen das überhöhte Plansoll. Der Aufstand erfasste schnell die ganze Stadt und wurde schließlich mit Panzern der sowjetischen Besatzungsmacht blutig niedergeschlagen. Doch Aufmarschgebiet blieb die Stalinallee trotzdem - zuletzt diente sie diesem Zweck am 40. Jahrestag der DDR. In den fünfziger und sechziger Jahren war die 1961 in Karl-Marx-Allee umbenannte Straße ein belebter Boulevard. Das 600 Quadratmeter große Café Warschau und seine Schwestern Café Budapest und Café Bukarest zum Beispiel gehörten damals zu den schicksten Adressen in Ost-Berlin.

Im Gegensatz zu anderen Repräsentativbauten der DDR blieben die 14 Gebäude im Moskauer Zuckerbäckerstil nach der Wende nicht nur erhalten, sondern wurden sogar saniert. Mit einer Gesamtinvestition von rund einer Milliarde Mark sollte der verblichene Glanz des Prachtboulevards wieder hergestellt werden. Denn die Fassaden der "Arbeiterpaläste" waren nicht nur von den Abgasen der Trabis rußgeschwärzt, auch die Keramikkacheln aus Meißen waren größtenteils abgefallen.

In ungewohnter Einmütigkeit hatten Architekten, Kunsthistoriker und Stadtplaner nach der Wende gleichermaßen für eine Sanierung und Wiederbelebung des in den fünfziger Jahren als "Aktivistenritze" und "Straße des Irrtums" und "Rote Sackgasse" beschimpften Ensembles plädiert. Doch das nicht nur vom sozialistischen Erbauer, sondern auch vom kapitalistischen Sanierer gewünschte Gewimmel auf dem Boulevard bleibt seither aus. Zwar sind die sanierten Wohnungen bis auf wenige Ausnahmen wieder bezogen - entweder von den Altmietern oder jungem Publikum, das die "Arbeiterpaläste" einfach schrill findet.

Doch trotz verschiedener Anläufe hat die Karl-Marx-Allee nicht wieder die Anziehungskraft erreicht, die sie zu DDR-Zeiten hatte. Deshalb hat die Munte Projektentwicklungsgesellschaft - sie ist Miteigentümerin von sechs der 14 Gebäude - die Immobilienfirma Aengevelt beauftragt, ein Konzept auszuarbeiten, wie die Einzelhandelsflächen besser vermarktet werden können. Denn 40 Prozent der rund 40 000 Quadratmeter Gewerbeflächen in den Erdgeschossen des Ensembles stehen leer.

Zu hohe Mieten nach der Wende, die stattliche Länge des Baudenkmals von insgesamt 2,3 Kilometern, der starke Verkehr der Ausfallstraße nach Osten und die unhandliche Breite von 70 bis 90 Metern wollen nicht so recht die Atmosphäre einer Fußgängerzone aufkommen lassen. Große Einkaufszentren unweit beider Enden des Boulevards sprechen ebenfalls gegen ein breit angelegtes Einzelhandelskonzept. "Der Kaufhof am Alexanderplatz und das Ring Center in der Frankfurter Allee ziehen zu viel Kaufkraft ab", sagt Thomas Kailer, Leiter des Bereichs Einzelhandel bei Aengevelt Immobilien. Für die Nahversorgung werde die weniger attraktive Südseite des Komplexes weiterhin eine Rolle spielen, so Kailer. Schließlich wohnen rund 65 000 Friedrichshainer im direkten Umfeld der Karl-Marx-Allee. Allerdings sei bei der jetzigen Vermietung der Läden keinerlei Konzept zu erkennen, moniert der Makler. Die neuen Mieter sollen besser ausgewählt werden.

Aengevelt hat die Straße deshalb in einzelne Themen-Bereiche aufgeteilt, unter denen die Mieter künftig zusammengefasst werden sollen. Am Strausberger Platz sind es Handel und Service, am Frankfurter Tor eher Banken und Angebote rund um Küchen. Für die attraktive Nordseite zwischen Frankfurter Tor und Straße der Pariser Kommune hat die Immobilienfirma andere Pläne. Mit seinen breiten Gehwegen, kleinen Plätzen, Baumreihen und Sonne von früh bis spät sei dieser Teil des Boulevards für eine Freizeit- und Gastronomie-Nutzung geradezu prädestiniert, meint man bei Aengevelt. Deshalb soll dieser Bereich zum "längsten Tresen Berlins" werden.

Bereits jetzt sind dort acht Lokale versammelt, insgesamt 15 sollen es werden. Bei der Auswahl will man sich Zeit lassen und Betreiber finden, die sich gegenseitig ergänzen. Am derzeit entkernten Café Warschau sei zum Beispiel eine Brauerei interessiert, die den ehemaligen Caféhaus-Charakter wieder aufnehmen will. Hier können dann die Touristen aussteigen und einkehren. Bislang bewundern sie die architektonische Sehenswürdigkeit meist nur durch das Busfenster.

Das Interesse potenzieller Mieter am neuen Konzept sei groß, sagt Kailer. Das Immobilienunternehmen hätte Anfragen für drei Mal mehr Flächen als vorhanden sind. Dennoch sei es eine "langfristige Aufgabe", meint Kailer. Von Ende 2002 an, so hofft er, wird sich die Straße bereits "deutlich belebt" haben und denkt dabei an den Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg und die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain.

Auch im Szene-Lokal Café Ehrenburg, das mitten in der anvisierten Kneipenmeile liegt, würde man sich über etwas mehr Leben auf dem einstigen Pracht-Boulevard freuen. "Abends wird es doch sehr ruhig hier", sagt Kellnerin Kirsten Gollin. Sie arbeitet nicht nur in der Karl-Marx-Allee, sondern wohnt auch dort. Ob sich auch die anderen Anwohner, "fast durchweg ältere Herrschaften", wie die Kellnerin nachdenklich meint, über das nächtliche Gewimmel vor ihren Fenstern freuen werden, bezweifelt sie allerdings.

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