Zeitung Heute : Karl Max Einhäupl: "Wir suchen wie Detektive nach Krankheiten"

Heike Zappe Sven Oliver Lohmann

Der Schlag kommt sehr sanft. Das Hämmerchen trifft das Bein der Patientin kurz unterhalb des Knies. Das Bein zuckt etwas nach oben. Der Mann im weißen Kittel legt der Frau die Hand auf den Arm. "Das war jetzt ein bisschen schlimm", sagt er und lächelt die Patientin an. Dann richtet er sich auf, verschränkt die Arme, blickt einen Studenten an und fragt: "Woran erinnert sie die Hand der Patientin?" Der Student beugt sich zögerlich nach vorne, antwortet aber nicht. "Es sieht aus wie eine Affenhand", sagt der Mann und während er sich wieder an die Frau wendet: "Das war uncharmant, aber didaktisch sinnvoll."

Der Mann, der hier auf einer seiner Stationen eine Visite macht, ist nicht nur Arzt. Zugleich ist Einhäupl Professor an der Medizinischen Fakultät Charité der Humboldt-Universität, dort Direktor der Klinik für Neurologie mit 80 akademischen Mitarbeitern, vielen Schwestern und Pflegern auf neun Stationen in Mitte und Wedding. Seit ein paar Monaten ist er zudem einer der einflussreichsten Wissenschaftler in Deutschland: Einhäupl wurde zum Vorsitzenden des Wissenschaftsrats gewählt.

Geboren wurde Karl Max Einhäupl 1947 als ältester Sohn eines Architekten. "Mein Vater hoffte, dass ich sein Unternehmen übernehme. Auch für mich war das klar", erzählt er. "Aber dann fühlte ich mich zur Medizin hingezogen. Das hat natürlich keine gute Stimmung zu Hause gebracht." Schon vor seinem Studium machte Einhäupl Nachtwachen und arbeitete in Rettungsstellen. "Ich habe da auch ein paar Mark verdient, aber darum ging es nicht", sagt er und fügt hinzu: "Es war in diesem Alter der große Wunsch zu helfen und zu heilen. Der Medizinberuf hat, wenn man über ein soziales Engagement verfügt, zumindest glauben gemacht, dass man als Arzt dieses Engagement in irgendeiner Form einlösen kann." Ihn reizte auch die Wissenschaft. "Medizin ist eine sehr forschungsintensive Angelegenheit. Man hat das Gefühl, immer an der Spitze der Wissenschaft zu stehen."

Einhäupl bittet eine ältere Patientin, ihre Arme auszustrecken und abwechselnd die Nase mit den Zeigefingern zu berühren. Sie trifft die Nase nicht genau. Einhäupl flüstert ihr zu: "Noch mal." Während dessen stellt ein Student die Patientin vor. Einhäupl simuliert mit ganzem Körpereinsatz verschiedene Krankheitsbilder, so auch watschelnd einen Hüftschaden, und fragt seine Kollegen nach ihren Einschätzungen. "Haben Sie diese Untersuchung schon gemacht?" Die Frage gilt dem Studenten. Ungeduldig wippt Einhäupl mit dem Fuß. Der Student schüttelt den Kopf. Der Professor hebt eine Augenbraue und sieht ihn prüfend an. Dann verabschiedet er sich höflich von der Patientin und geht. Ärzte und Studenten folgen ihm.

Der Klinikdirektor macht bei den Visiten keine großen Auftritte. Er versucht niemanden bloß zu stellen, verlangt aber vor allem einen korrekten Umgang mit den Patienten. "Das ist ein Sinn meiner regelmäßigen Visiten", sagt er. "Wenn ich merke, dass an einer Stelle nicht die Qualität gebracht wird, die wir als Standard haben, mache ich Druck. In gewisser Weise muss man die Patienten und ihre Angehörigen auch als Kunden betrachten. Die Patienten dürfen sich auf jeden Fall mehr herausnehmen als wir."

Schon früh war der Mediziner von der Neurologie fasziniert. "Für das Gehirn interessieren sich die Menschen schon, seit Medizin überhaupt ein Thema ist. Aber die Neurologie war bis vor 20 Jahren eher eine beschreibende Disziplin. Viel tun konnte der Neurologe nicht." Dies hat sich durch die Einführung moderner Bild gebender Verfahren geändert: das Computertomogramm und später das Magnetresonanztomogramm (MRT). Hinzu kommen die neuen molekularbiologischen Möglichkeiten. "Dadurch hat das Fach einen unheimlichen Schub bekommen", erläutert Einhäupl. Man versteht das Gehirn besser. Es ist möglich, Emotionen sichtbar zu machen und zu lokalisieren, in welchen Gehirnregionen bestimmte Denkprozesse stattfinden. "Wir haben mittlerweile Therapiemöglichkeiten für Krankheiten, die noch vor Jahrzehnten als unheilbar galten." Aber es bleibt noch viel zu erforschen. Was den Wissenschaftler treibt, ist "einem Gedanken nachzugehen, einem nicht bekannten Phänomen auf den Grund zu gehen. Wobei es den Patienten nicht interessiert, wie oder warum wir zu der Diagnose kommen. Ihm geht es darum, dass es ihm wieder besser geht. Diese Herausforderung ist eine prickelnde Sache. Wir suchen wie Detektive nach Krankheiten."

Atmosphäre für neue Ideen

Die neurologische Forschung an der Charité genießt internationalen Ruf. "Hier in Berlin hat sich ein neurowissenschaftlicher Schwerpunkt gebildet." Es gibt Partner am Max-Delbrück-Centrum in Berlin-Buch. "Dass Wissenschaftler hierher kommen, um sich von uns etwas zeigen zu lassen", so Einhäupl, "dass meine Mitarbeiter eingeladen werden zu internationalen Symposien oder als Autoren von internationalen Journalen. Darin sehe ich meine Aufgabe: Ich kann dafür sorgen, dass die Atmosphäre entsteht, in der etwas Großartiges gedeiht."

Nach der Visite in einem der Krankenzimmer versammelt der Chefarzt seine Kollegen. Eine der Patientinnen, diagnostizieren die Neurologen, hat eine unheilbare Krankheit. Wie macht man sie mit dieser Tatsache vertraut? Der Umgang mit diesem Thema ist immer schwierig, und die angehenden Mediziner werden während ihres Studiums zu wenig darauf vorbereitet. Wie viel Wahrheit verträgt der Mensch? "Man muss den Patienten so aufklären, dass man ihn nicht belügt. Und man muss ihm eine Hoffnung lassen. Und man muss ihm auch das Recht geben, nicht alles zu wissen", rät Einhäupl seinen Studenten. "Die Patienten haben mitunter apokalyptische Vorstellungen."

Nach Studium und Promotion verließ Einhäupl die Klinik und ging als niedergelassener Arzt in eine Praxis. "Doch ich hatte erkannt, dass ich die akademische Auseinandersetzung in einer Universität sehr vermisste", sagt er heute. "Ich brauche diese Herausforderung, Neues zu entdecken und Neues zu entwickeln." Die zwei Jahre empfindet Einhäupl trotzdem als wertvoll. "Damals habe ich gelernt, dass ich ohne den Hintergrund einer großen Klinik Patienten gut behandeln kann", erinnert er sich. Bis 1993 lehrte Einhäupl an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Anschließend wechselte er nach Berlin. Die Eingewöhnung fiel ihm anfangs schwer. "Die Bayern haben diese italienische Lebensart", meint er. Doch mittlerweile möchte er aus Berlin nicht mehr weg.

Seine Mitarbeiter, ob Stationsschwester, Oberarzt oder Sekretärin, charakterisieren ihn als diplomatisch, auch ehrgeizig, fordernd und kritisch. Claudia Döge arbeitet seit drei Jahren als Assistenzärztin auf der Station im Hochhaus: "Ohne Kritik wird man nicht besser. Man muss nur lernen, damit umzugehen." Auch Walli Monden, die "Seele der Station", wie Einhäupl sie vorstellt, klagt nicht. "Man kann mit ihm reden, und er lässt sich auch von den Schwestern etwas sagen", berichtet die Stationsschwester. "Außerdem ist er sehr gut zu den Patienten." Oberarzt Guy Arnold, schon seit den Münchner Tagen in Einhäupls Team, schätzt seinen Chef vor allem als Wissenschaftler: "Der Professor fragt sich: Was sind die Probleme der Neurologie und wie kann ich sie lösen? Dann überlegt er sich: Was haben Krankheiten, wie zum Beispiel Schlaganfall, Parkinson und die Demenzen, gemeinsam und was muss ich herausfinden, um den Patienten zu helfen?" Einhäupl stellt eine Diagnose und fragt gleichzeitig: "Wenn es diese Krankheit nicht ist, welche könnte es dann sein?"

Der Patient auf der Station 20 ist mit seiner Behandlung sehr zufrieden. "Wenn man etwas nicht versteht, kann man jederzeit fragen, alle sind sehr freundlich." Obwohl Einhäupl immer in Zeitnot ist, steht er für Patientengespräche zur Verfügung. Ein Privatpatient ist eigens aus Kanada angereist. Der Neurologe nimmt sich fast eine Stunde Zeit, denn im Gespräch kann man vieles klären, was am Telefon nicht ohne weiteres möglich ist.

Der Fußboden seines Büros ist zur Hälfte mit sorgfältig gestapelten Papieren bedeckt. Daneben reihen sich Aktenordner. Als beinahe einziger Schmuck an den Wänden hängen die Porträts seiner 11, 14, und 17 Jahre alten Söhne. Nur der älteste hat sich vom Vater bereits über die Besonderheiten des Arztberufes erzählen lassen. Seine Frau war früher ebenfalls Ärztin. Seit dem Umzug nach Berlin arbeitet sie jedoch als Übersetzerin vom Englischen ins Deutsche.

Seine Sekretärin Britt Anders war am Anfang ein wenig besorgt, als sie hörte, dass ihr Chef Vorsitzender des Wissenschaftsrates wird. "Wir dachten, wir verlieren jetzt den Arzt", sagt sie. "Ich hatte zu Beginn auch ein wenig diese Sorge, aber es ist nicht so", bekräftigt Einhäupl. "Denn ich kann nicht mal eben für ein, zwei oder drei Jahre aus der Klinik aussteigen. Die Entwicklung schreitet zu schnell voran. Was heute noch in der Forschung diskutiert wird, kann in drei Jahren schon Standard sein."

Junge Forscher früher fördern

An der Arbeit im Wissenschaftsrat reizt ihn vor allem die Möglichkeit, etwas gestalten zu können und den eigenen Horizont zu erweitern. "Durch den Wissenschaftsrat", so der neue Vorsitzende, "wurden bisher viele wichtige Reformen für einen Wandel in unserem Bildungs- und Wissenschaftssystem auf den Weg gebracht."

Auch Einhäupl möchte Grundsätzliches anschieben: "Die jungen Wissenschaftler müssen früher selbstständig werden, und sie müssen auch zeitiger mit eigenen Ressourcen ausgestattet werden." Zwar zwingt ihn der Vorsitz in diesem Beratergremium schon jetzt, neue Prioritäten zu setzen, doch Einhäupl gibt zu: "Ich lehre sehr gern - dafür bin ich auch hier. Das, was ich Tausenden von Studenten beibringe, ist auch das Erbe, das ich hinterlasse."

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