Zeitung Heute : Karl suchen

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Christine Lang

Seit einigen Wochen klingelt es morgens um neun Uhr des öfteren an meiner Tür - nicht nur unter der Woche, sondern auch am Wochenende. Das ist dann eine Freundin, die mit schöner Regelmäßigkeit nach einer langen Nacht feststellen muss, dass sie zwar einen Hausschlüssel in ihrer Tasche hat, der aber leider nicht ihr eigener ist. Einmal hatte sie sogar nicht einmal mehr ihre Tasche… Ich muss ihr dann den Ersatzschlüssel aus dem Fenster zuwerfen und bis zum späten Nachmittag auf die Geschichten aus der Nacht warten.

Es ist erstaunlich: Seitdem ihr Freund sie verlassen und sie auch noch ihren Medienbranchen-Job verloren hat, geht Kathrin fast jede Nacht bis in die Morgenstunden aus. Nicht dass das verwundern würde - Menschen, die sich in einer solchen Lebenslage befinden, neigen ja zu so einem Lebenswandel. Ich frage mich nur, wie tut sie so viele tolle Partys auf, die bis in den Vormittag gehen?

Wenn dann ihr später Anruf kommt, wird meine Vermutung, dass sich vielleicht schon ein Nachfolger für den Exfreund gefunden hat, nicht bestätigt. Wo war sie dann? Dann erzählt sie mir von einer superguten, superexzessiven Partynacht, dass ich das unangenehme Gefühl bekomme, die Nacht meines Lebens verpasst zu haben. Kathrin erzählt von einer sensationellen „deep“-Party in einem verwinkelten Bunker in einem Park und davon, dass der Weg zur Party alleine kaum zu finden war, dass man aber zu bestimmten Zeiten von einem Treffpunkt abgeholt wurde. Sie erzählt begeistert von einem ihrer Lieblingsclubs, dem „Golden Gate“ an der Jannowitzbrücke, und davon, wen sie dort alles getroffen hat. Oder sie erzählt vom neuen festen Club der Querilla-Leute in Mitte, der bisher - wie der Name schon andeutet - ein Underground-Club mit wechselnden Orten war. Oder von der Kachelbar, ein typischer „Mitte-Laden“, Nähe Veteranenpark… und so geht es immer weiter.

Mir fällt die Kinnlade herunter, woher weiß sie überhaupt von all diesen Partys? Kathrin war in den letzten Jahren nun wirklich nicht in der Nachtlebenszene. Und dann erzählt sie mir, dass sie auf der Mailingliste von Karl ist.

Karl habe ich selber auch mal auf einer Party kennen gelernt. Der Typ ist bemerkenswert: er sammelt und versendet alle möglichen Infos über Partys, strengstens aufgeteilt in Kategorien von Underground und Overground, und natürlich bekommen nur ausgewählte Leute diese Mailingliste.

Sie möchten auch zu diesen Leuten gehören? Ich weiß aber nicht, wo Sie Karl treffen könnten, und ob er Sie auf die Liste setzt. Vielleicht ist er ja heute im „Magnet Club“, jedenfalls habe ich ihn das letzte Mal bei einem Konzert von Laub dort gesehen. Abgesehen davon, ist Karl natürlich nicht der einzige Grund, heute dorthin zu gehen. Schließlich feiert Berlins wichtigstes Label „Kitty Yo“ seine „Internet Relaunch Party“ - und der Kitty Yo-Newsletter ist ja auch nicht der schlechteste.

Freitag ab 21 Uhr: „Magnet Club“, Greifswalder Strasse 212. Kitty-Yo.com Relaunch Party mit DJ Martin Frese, Constanze Brockmann; Live: Laub & Comatose

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