Zeitung Heute : Karli den Großen entdecken

Ingo Wolff

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Leonie wird im nächsten Jahr sechs. Da muss man sich langsam auf die Schule vorbereiten. Und da uns Geschichte von all den Fächern am langweiligsten in Erinnerung blieb, wollen wir ihr die Vergangenheit lebendig gestalten. Immerhin hat die Fünfjährige als gesamtdeutsches Kind selbst eine besondere Geschichte – auch wenn Vater und Mutter die persönliche Wiedervereinigung längst wieder gelöst haben.

Die Mutter war also mit ihr am Einheitstag am Brandenburger Tor. Der Grund war nicht so sehr die Einheitsfeier selbst als vielmehr das Riesenrad vor dem Tor, auf das Leonie unbedingt wollte. Das Fest hat auf sie jedoch einen riesigen Eindruck gemacht. Anschließend fragte sie ihre Playmobil-Figuren: „Bist du aus Ost- oder aus West-Berlin?“ Ich, der neben ihr saß, bezog die Frage auf mich und antwortete brav: „Ich komme aus West-Berlin, aber deine Mama …“ Leonie konterte schnell: „Papaaa, das ist doch nur ein Spiel!“

Auch das zweite historische Ereignis hat die Mutter eingeleitet. Mit einer historischen Ausstellung in Magdeburg über das frühe deutsche Kaiserreich. Nun sind bei Leonie Ritter, Prinzessinnen und Könige gerade angesagt. Ich hielt das Ganze dennoch für übertrieben. Aber der allabendliche Anruf bei Leonie belehrte mich eines Besseren. „Was habt ihr denn heute gemacht?“ – „Papa, ich habe eine Krone von Karl dem Dritten gesehen. Mit Diamanten drin. Der wurde in Aachen zum König.“ Ich war verblüfft, wandte aber ein: „Der hieß Karl der Große.“ Leonie: „Dann wurde Karl der Große eben mit drei gekrönt. In Aaaachen.“ Erst da wurde mir klar, woher ihre Begeisterung kam. Bei den Reiterspielen im Sommer in Aachen hieß das Pferdemaskottchen Karli und sollte an Karl den Großen und seine Krönung in Aachen erinnern. Ich sagte: „Stimmt, jetzt weißt du auch, warum das Pferd Karli hieß.“ Worauf sie ihr Geschichtsbild verfestigte: „Ja, das war nur ein Verkleidung, und da war Karl der Große drin.“

Schöne Kronen von anderen Königen und Prinzessinnen sieht man auch im Deutschen Historischen Museum, täglich von 10 bis 18 Uhr.

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