Zeitung Heute : Karneval ohne Katerstimmung

Am Rosenmontag drückt im Büro so mancher Chef ein Auge zu. Doch übertreiben sollte man es nicht

Andreas Heimann

Wer Karneval feiert, lässt gerne mal Fünfe gerade sein. Faschingsverweigerern geht diese Ausgelassenheit allerdings eher auf die Nerven. Gerade am Arbeitsplatz kann das für Ärger sorgen. Und falls am oder rund um den Rosenmontag gemeinsam ein Fass aufgemacht werden soll, so muss das zumindest abgestimmt und gut geplant werden, damit sich Konflikte von vornherein vermeiden lassen.

„Karneval ist die fünfte Jahreszeit“, sagt die Psychologin Hildegard Belardi aus Bergisch Gladbach. „Da gelten andere Spielregeln.“ Doch was bei Umzügen und Partys okay ist, kann am Arbeitsplatz zum Problem werden. „Wenn Mitarbeiter am Rosenmontag im Büro Sekt trinken, kann man schon mal ein Auge zudrücken“, sagt Konfliktberater Werner Schienle aus Stuttgart. „Wichtig ist, dass sich das in Grenzen hält.“

Eine Grenze ist eindeutig: die Arbeitsfähigkeit. Wer so feiern will, dass er sich in dem Punkt nicht sicher ist, muss Rosenmontag eben frei nehmen. „Grundsätzlich gelten dabei ähnliche Regeln wie bei Geburtstagsfeiern im Betrieb“, sagt Martina Perreng, Expertin für Arbeitsrecht beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Berlin. Im Zweifelsfall sollte der Arbeitgeber gefragt werden. Aber alles, was den betriebsüblichen Rahmen nicht sprengt, ist auch im Karneval okay.

Einen Anspruch auf Karnevalsstimmung am Arbeitsplatz gibt es jedoch nicht: „Karneval ist Privatsache“, sagt Martina Perreng. „Der Arbeitgeber kann zulassen, dass jemand Rosenmontag im Kostüm kommt – er kann es aber auch verbieten.“ Das gleiche gilt für Weiberfastnacht: Wenn der Arbeitgeber untersagt, dass im Betrieb Krawatten abgeschnitten werden, dann darf er das auch.

Zumindest an Main und Rhein haben viele Arbeitnehmer an den tollen Tagen sowieso frei. „Mit den meisten Arbeitgebern dort sollte sich das regeln lassen“, sagt Schienle. „Wer für Karneval Urlaub nehmen will, sollte das aber rechtzeitig planen.“ Das gilt vor allem dann, wenn nicht alle, die gerne feiern würden, auch frei bekommen können. In solchen Fällen findet Schienle es am fairsten, strikt nach der Reihenfolge vorzugehen: Wer sich zuerst meldet, bekommt auch frei.

Noch etwas anders ist die Sachlage, wenn im Betrieb ganz offiziell Karneval gefeiert wird oder zumindest die Kollegen einzelner Abteilungen abends eine Party steigen lassen. Betriebsfeiern haben immer ihre eigenen Spielregeln und ihre eigene Dynamik. „Im Karneval gilt das noch viel mehr“, sagt Schienle. Faschingsfeiern bieten die Möglichkeit, in ein Kostüm zu schlüpfen und für kurze Zeit ein anderer zu sein. Die graue Maus aus der Personalverwaltung kann als Sexbombe auftreten, der schüchterne Hausmeister den Zorro geben. Aber das ist kein Grund, über die Stränge zu schlagen: „Im Karneval wird zwar mehr toleriert als sonst“, sagt der Konfliktberater. „Aber wer deutlich mehr trinkt als gut ist und sich dann daneben benimmt, fällt seinem Vorgesetzten garantiert nicht positiv auf.“

Auch Vorgesetzte selbst sollten im Zweifelsfall Zurückhaltung üben und der Versuchung widerstehen, auf dem Tisch zu tanzen. Die Chancen, damit die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, stehen zwar nicht schlecht. Doch die Zahl der Kollegen, die Trinkfestigkeit und Feierlaune für unverzichtbare Soft Skills halten, ist dann doch eher rückläufig. (dpa)

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben