Zeitung Heute : Karolinas Qual

Tagelang wurde die Dreijährige so grässlich misshandelt, bis sie starb. Ein Gericht fragt fassungslos: warum?

Jörg Schindler[Memmingen]

Am 7. Januar 2004 veröffentlicht das Landeskriminalamt Bayern ein Bild. Es zeigt den kahl rasierten Kopf eines Kleinkindes, die linke Schädelhälfte unnatürlich verformt, die Augen tief in schwarzen Höhlen vergraben, den kleinen Mund wie zur Anklage geöffnet. Es ist das Bild einer Kinderleiche, aber es zeigt nur die Hälfte der Wahrheit. Der Kopf wurde am Computer aufwändig retuschiert, den tatsächlichen Anblick des toten Mädchens habe man niemandem zumuten können, sagt ein Polizeisprecher. Im gesamten Präsidium gebe es „keinen, der so etwas schon einmal gesehen hat“.

Seit vier Wochen nun müht sich das Landgericht im schwäbischen Memmingen, die Umstände aufzuklären, unter denen die dreijährige Karolina zu Tode kam. Es ist ein in jeder Hinsicht quälender Prozess. Auf der Anklagebank sitzen: Zaneta C., 26-jährige Nackttänzerin und Animierdame aus Polen, und Mehmet A., ein 31-jähriger Türke, aufgewachsen in der süddeutschen Provinz. Sie ist die Mutter des toten Kindes. Er war für 56 unheilvolle Tage ihr Lebensgefährte. Sie sitzen drei Stühle voneinander entfernt und würdigen sich keines einzigen Blickes. Beide haben genug mit sich selbst zu tun. Die Anklage lautet auf Mord. Ende des Monats soll das Urteil gesprochen werden.

Was geschah vor 15 Monaten am Ortsrand von Biberachzell? In den ersten Tagen des vergangenen Jahres, an deren Ende ein sterbendes Mädchen in einer Kliniktoilette lag. Ganz so, als habe man es dort wegwerfen wollen. Was bringt Menschen dazu, ein wehrloses Kind nicht nur zu töten, sondern über Tage hinweg zu quälen, bis es nicht einmal mehr röcheln kann? Der Prozess in Memmingen, er bleibt in dieser Frage merkwürdig vage. Was geschah, ist weitgehend geklärt. Warum es geschah, wird womöglich unerklärt bleiben.

Folgt man der Staatsanwaltschaft, dann begann das langsame Sterben der kleinen Karolina am Neujahrstag des Jahres 2004. Um das „Bastardkind“, das seine Freundin Zaneta mit einem Zuhälter gezeugt hatte, loszuwerden, habe Mehmet A. die Dreijährige an jenem Tag mit einem Holzstab geschlagen und sie anschließend ohne Licht und bei Minustemperaturen in die „kalte Kammer“ der gemeinsamen Wohnung gesperrt. Fortan hatte das Mädchen keine ruhige Minute mehr. Mal schleuderte A. Karolina gegen die Wand, mal zerschmettterte er das Telefon auf ihrem Kopf, mal duschte er sie mit über 50 Grad heißem Wasser ab. Sei es, dass ihn die „dünne Stimme“ des Mädchens nervte, sei es, dass sie beim Essen auf den Boden krümelte: Jedes noch so kleine „Vergehen“ des Kindes wurde mit einer brutalen Strafe geahndet. Die Plastikdeckel seiner Methadonflaschen erhitzte der drogenkranke A., um sie dem Mädchen ins Fleisch zu bohren. Die Brandblasen löste er ab, um auf die wunden Stellen zusätzlich noch Wärmecreme zu schmieren.

Nie jedoch, behauptet A.s Anwalt Georg Zengerle, habe sein Mandant dabei die Absicht gehabt, Karolina zu töten. Zerrüttet durch seine langjährige Drogensucht und insgesamt 16 Therapien in der geschlossenen Anstalt, abgestumpft zudem durch „exzessiven Konsum gewalthaltiger Medien“ habe A. sich nicht mehr unter Kontrolle gehabt. Nach seinen „Ausrastern“, so Zengerle, habe er dem Mädchen immer wieder liebevoll „Pflege- und Rettungsmaßnahmen“ angedeihen lassen, habe sie massiert und bandagiert, ihr einmal sogar „eine extra große Portion Kartoffeln“ gekauft, weil sie „so gerne Pommes frites mochte“. Und allen Ernstes fügt der Anwalt hinzu, A. habe die Dreijährige „grundsätzlich als Familienmitglied akzeptiert“. Das offenbar so sehr, dass er nach vier Tagen und drei Nächten, als sich das Kind kaum noch auf den Beinen halten konnte, erneut zuschlug. Diesmal stand Karolina nicht mehr auf.

Mehmet A. ist weitgehend geständig. Der bullige Angeklagte mit dem pomadisierten Haar hat vor Gericht Schläge und Peitschenhiebe zugegeben. „Ich bin halt irgendwie explodiert“, hat er gesagt. Er hat auch zugegeben, dass er und Zaneta C. am 5. Januar die halb tote Karolina in eine Sporttasche steckten, um sie in der Stiftungsklinik Weißenhorn abzulegen, wo das Kind einen Tag später starb. Eines jedoch bestreitet A., dem ein Gutachter „schwere seelische Abartigkeit“ attestiert hat, vehement: dass er die Schuld am Tod des Mädchens allein trägt.

Tatsächlich war Zaneta C. während der endlosen Exzesse gegen ihre Tochter immer zugegen. Aber hat sie auch selbst die Hand erhoben, wie Mehmet A. nicht müde wird zu betonen? Hat sie Karolina den Mund zugehalten, damit ihre Schreie nicht zu hören waren? Hat auch sie ihre Tochter mit geschmolzenem Plastik verbrannt? Welche Rolle spielt die Mutter in diesem Fall, der seinesgleichen sucht?

Zaneta C. ist eine schöne Frau. Sie legt auch jetzt noch, nach mehr als einem Jahr Untersuchungshaft, auffälligen Wert auf ihre Erscheinung. Sie pflegt auf hohen Absätzen in den Gerichtssaal zu stöckeln, das schwarze Haar zum Zopf gebunden, die sichelförmigen Brauen akkurat gezupft. Sie starrt über Stunden stur ins Leere, um den Mund einen Ausdruck, den man als Geringschätzung deuten könnte – oder als Langeweile.

Zaneta C. ist nach dem Tod ihrer Tochter noch einmal in die Wohnung in Biberachzell zurückgekehrt. Sie hat der Polizei dort gezeigt, wo sich welche Brutalität ereignet hat. Sie hat es so emotionslos geschildert, wie man Fremden einen Weg erklärt. Wenn ihr polnischer Dolmetscher Beweisanträge übersetzt, in denen es um dauerhafte Bewusstlosigkeit geht, um Venenrisse im Hirn und um „finale Schläge“, dann schaut sie, als ginge sie das alles nichts an. Nur hin und wieder entgleist ihr die immer gleiche Miene. Dann fährt sie hoch, schleudert ihrem Ex ein „Du Monster!“ ins Gesicht oder einem Zeugen „Du Bastard“. Dann weint sie oder jammert: „Mein Herz platzt.“

Was ist echt? Was Inszenierung? Wer ist diese Frau, die ihr Kind nicht gerettet hat, obwohl sie mindestens zwei Mal nachweislich die Gelegenheit dazu gehabt hätte? Das erste Mal, als der Freund für einen halben Tag aus dem Haus ist zum Einkaufen, da hätte sie jederzeit abhauen können, das zweite Mal, als die beiden zur Nachbarin gehen, um zu telefonieren, denn den Apparat hatte Mehmet ja auf Karolinas Kopf zerschmettert. Da hätte sie um Hilfe bitten können. Am Dienstag – einem der letzten Verhandlungstage – ging es in Memmingen wieder um die Schuld der Zaneta C. Auf Unzurechnungsfähigkeit wird sie sich nicht berufen können. Zwar habe sie versucht, sich als schwer krank darzustellen, berichtete ein Gutachter. Dafür jedoch gebe es „keine Anhaltspunkte“. Auch sei sie ihrem Ex-Freund A. nie hörig gewesen. Was also trieb sie an? Auch nach vier Wochen Prozessdauer gibt die 26-Jährige nur Rätsel auf – und keine Antworten.

Klar scheint, dass Zaneta C. nie eine gute Mutter war. Bereits zwei Monate nach Karolinas Geburt gab sie das Kind einer Freundin in die Obhut, um nach Deutschland zu fahren, Geld verdienen. Monatelang blieb sie verschwunden, tauchte nur hin und wieder an Wochenenden auf, um Karolina zu sehen. Auch als sie letztlich gemeinsam mit ihrer Tochter in Deutschland lebte, schien sie hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Etliche Männer hatte sie, mal für wenige Wochen, mal für ein paar Monate. Viele davon Gestrandete wie sie selbst, Schläger, Kleinkriminelle, Drogensüchtige – solche wie Mehmet A.

Zeugen schildern die Polin als aggressive Frau, die sich auch Schlägereien mit Männern lieferte und trank bis zur Besinnungslosigkeit. Immer wieder habe sie auch ihre Tochter geschlagen oder abgeschoben, zu Freunden, zu den Großeltern im nahen Dillingen, zu Bekannten. Karolina, dieses kleine Mädchen mit den blonden Locken, das nur drei Jahre und 29 Tage alt werden durfte, habe „keine einzige gute Stunde gehabt“, sagte ein Zeuge. Zaneta C. stierte dabei ins Ungefähre.

Hätte man die Tragödie verhindern können? Einmal vielleicht. Es war Anfang 2002, als ein Nachbar von Zaneta C.s Eltern das Jugendamt einschaltete. Seit Wochen, so der Mann, schreie in der Wohnung ein Kind so erbärmlich, „dass für mich eine Grenze überschritten war“. Tatsächlich schaute kurz darauf eine Beamtin vorbei. Karolina traf sie nicht an. Aber ihre Großeltern. Alles in Ordnung, beteuerten die, dem Kind gehe es gut. Es werde „behandelt wie eine Prinzessin“.

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