Zeitung Heute : Karotten schnitzen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Es führt kein Weg daran vorbei: In dieser Jahreszeit setzt man sich unweigerlich mit dem Thema Essen auseinander. Die einen fasten aus religiösen Gründen, die anderen halten Diät, um in Sachen Sinnlichkeit wieder voll mithalten zu können: Abnehmen ist das Gebot der Stunde. Das scheint von Jahr zu Jahr dringlicher zu werden. Denn so wie in Ländern der Dritten Welt die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft, wird hier die Kluft zwischen Dick und Dünn immer größer. Auf der einen Seite die manischen FitnessFreaks, die ohne ihr Training praktisch nicht mehr leben können. Die Muskelmänner und -frauen, die so gern ihren durchgestylten Körper zur Schau tragen, und zwar das ganze Jahr über. Dazu die Superfigurbewussten, die vielleicht nicht im Training den Sinn des Lebens erblicken, sich aber immer nah am Rande einer Essstörung entlanghangeln. Auf der anderen Seite gibt es die traurigen Studien, die mit wachsender Dringlichkeit darauf hinweisen, dass viele Kinder immer dicker werden und die Erwachsenen eben auch.

Daran ändern auch alle weithin publizierten neuen Erkenntnisse über moderne Ernährungsweisen nichts. Zeitschriften wie „Brigitte“ können sich ohne Ende verdient machen mit guten Ratschlägen und noch besseren Rezepten: Der Trend ist nicht aufzuhalten. Es gibt einfach zu viele Fettmacher allüberall.

Dabei wäre es so einfach, ein paar Schritte in die vernünftige Richtung zu tun. Das Problem mit den gesunden, empfohlenen Nahrungsmitteln besteht nämlich vor allem in ihrer schwereren Erreichbarkeit. Zum ungesunden Leben gehören ja oft ein hoher Stresspegel und ein überfüllter Terminkalender. Was macht man, wenn man wenig Zeit hat? Man isst, was leicht und schnell zu haben und unkompliziert zu handhaben ist. Tafel Schokolade, Hamburger, Kuchenstückchen etc. Dabei sagt einem jede, aber auch jede Publikation über gesundes Essen, dass man mindestens fünf Mal am Tag Obst und Gemüse zu sich nehmen soll. Das Problem ist nur: Solche Sachen springen einen nicht mundfertig an. Sicher, die Angebote von kleinen, ambulanten Obstsalaten sind zahlreicher geworden, aber vegetarisches Fastfood klingt immer noch wie ein Widerspruch in sich. Weil natürlich zum Gesundessen auch eine gewisse Langsamkeit dazu gehört.

Dabei wäre das schnelle Gemüse eine Innovation, die man nur unterstützen könnte. In amerikanischen Supermärkten gibt es das vielfach schon. Abgepackte Kästchen mit Karotten- oder Selleriestangen zum Naschen, Gemüsecocktails in Dessertschälchen. Eigentlich eine tolle Marktlücke. Bis irgendein kluger Mensch die auch hierzulande ausfüllt, bleibt nur die Selbsthilfe. Heute ist Sonntag, der Tag der Langsamkeit. Warum also nicht ein paar Portionen Sellerie oder Karotten schnitzen und sie im Laufe der Woche anstelle von Schokolade knabbern? Vielleicht wird man das nicht auf alle Zeit durchhalten, aber jetzt ist nun mal die Jahreszeit, guten Vorsätzen eine Chance zu geben. Vielleicht kommt ja tatsächlich noch mal ein tüchtiger Unternehmer drauf, einem solche Übungen zu ersparen und vorgefertigte Gemüsesnacks anzubieten. So nach dem Motto: Tue Gutes und verdiene Geld damit.

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