Karriere-Labyrinth : Frauen auf dem harten Weg zur Macht

Der Weg zur Spitze der Karriereleiter ist, gerade für Frauen, von komplexen Hindernissen geprägt. Führungspositionen werden weiterhin häufig von Männern besetzt. Warum eigentlich?

Alice Eagly
Verschlungene Wege zu einem erstrebenswerten Ziel: Labyrinthe warten an jeder Ecke mit neuen Herausforderungen auf, doch es gibt immer einen Weg zur Mitte. Frauen, die in die Führungsetage wollen, geht das ganz ähnlich.
Verschlungene Wege zu einem erstrebenswerten Ziel: Labyrinthe warten an jeder Ecke mit neuen Herausforderungen auf, doch es gibt...Foto: picture-alliance / ZB/euroluftbi

Frauen in den höchsten Machtpositionen bleiben eine Seltenheit, trotz der tiefgreifenden Veränderungen, die ihr Status erfahren hat. In den meisten westlichen Ländern erlangen mehr Frauen als Männer einen Universitätsabschluss. Sie haben ihren Anteil an der arbeitenden Bevölkerung gesteigert und beachtliche Gehaltszuwächse verzeichnet. Dennoch gibt es auf den obersten Führungsebenen in Politik und Wirtschaft immer noch wenige Frauen. Und auch in niedrigeren leitenden Positionen sind sie – gemessen an den verfügbaren qualifizierten Anwärtern – unterproportional vertreten. Bei gleicher Qualifikation machen sie langsamer Karriere als Männer, und sie verschwinden aus anspruchsvollen Arbeitsbereichen an vielen Stationen auf dem Weg zu den Toppositionen.

Woher kommt dieses Defizit an Macht und Einfluss? Seit der Begriff der gläsernen Decke („glass ceiling“) im Jahr 1986 im Wall Street Journal auftauchte, wurde dieses Konzept der unsichtbaren Barriere auf den oberen Ebenen gern zur Erklärung verwendet. Die Metapher hat ihre Erklärungskraft inzwischen allerdings eingebüßt, denn es ist deutlich geworden, dass die Hürden auf dem Weg der Frauen nicht aus einer einzigen festen Barriere bestehen.

Angesichts der Bestrebungen für Chancengleichheit in vielen Ländern mag es unwahrscheinlich wirken, dass Diskriminierung Teil des Problems sein soll. Sie ist es aber immer noch. Um die Entstehung von Diskriminierung zu verstehen, müssen wir die zugrunde liegende Psychologie näher betrachten. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen unbewusst und automatisch unterschiedliche Assoziationen in Bezug auf Männer und Frauen haben, die in der Gegenwart von Einzelpersonen wirksam werden. Diese Stereotypen charakterisieren Frauen als warm, nett und rücksichtsvoll, Männer als zielgerichtet, kompetent und konkurrenzorientiert. Da das Bild von Führungspersonen dem Bild von Männern ähnlicher ist als dem von Frauen, entsteht die Annahme, dass Frauen im Allgemeinen für Führungsaufgaben weniger geeignet sind. Kaum jemand ist sich bewusst, dass die Einschätzung von Einzelpersonen vom eigenen Bild der Geschlechter derart beeinflusst wird. Diese Stereotypen machen es Frauen schwerer als Männern, Führungspositionen einzunehmen. Wollen Sie die Karriereleiter erklimmen, müssen sie mit ihren Leistungen die Erwartungen sogar noch übertreffen.

Doch genau das ist für Frauen ungleich komplizierter: Sie sollen einerseits warm und nett sein, als Führungsperson jedoch energisch und durchsetzungsfähig. Dadurch entsteht eine Zwickmühle. Frauen, die einen starken Führungsstil an den Tag legen, mögen als kompetent gelten – ihnen fehlt es jedoch an Zuspruch und Einfluss, weil sie als nicht warm genug empfunden werden. Frauen, die eher einen unterstützenden Führungsstil pflegen, werden unter Umständen geringgeschätzt – ihnen mangelt es an Einfluss, da sie nicht als durchsetzungsfähig und kompetent genug angesehen werden.

Manche Frauen finden einen angemessenen, effektiven Mittelweg und überwinden diese Hürden. Wie aber sieht Führung in Frauenhand aus? Die Unterschiede zu Männern sind zwar nicht groß, doch die Forschung zum Thema hat gezeigt, dass Frauen einen Führungsstil mit mehr Demokratie und Teilhabe bevorzugen, Männer dagegen eher einen autokratischen, hierarchisch strukturierten. Frauen gehen mit gutem Beispiel voran, motivieren, betreuen und unterstützen ihre Mitarbeiter und fördern deren Kreativität. Zur Motivation setzen sie – im Gegensatz zu Männern – eher auf Belohnung und weniger auf Sanktionen.

Die gute Nachricht für Frauen: Diese für sie typischeren Aspekte des Führens stimmen eher mit modernen Konzepten von gutem Managerverhalten überein und scheinen auch effektiver zu sein. Weibliche Führungsstile können außerdem einige Hürden der besagten Zwickmühle überwinden, da sie Entschlossenheit und Kompetenz mit Wärme und motivierender Betreuung verbinden.

Die Forschung zeichnet insgesamt ein gemischtes Bild der Frauen. Obwohl sie weit mehr Zugang zu Führungspositionen haben als jemals zuvor, haben sie immer noch mit Diskriminierung zu kämpfen. Trotz der deutlich gestiegenen Akzeptanz von Frauen als Führungspersonen bleibt eine gewisse Skepsis, und viele sagen, dass sie lieber einen Chef als eine Chefin hätten. Weitere Hürden entstehen durch Normen und Gepflogenheiten innerhalb von Unternehmen und Institutionen – zum Beispiel durch die Erwartung, dass karriereorientierte Mitarbeiter bis spät in den Abend arbeiten – was wiederum schwer mit Familienverpflichtungen vereinbar ist.

Was wäre eine angemessene, zeitgemäße Metapher für die Situation, in der sich Frauen befinden, die eine Führungsposition anstreben? Ich habe die Metapher des Labyrinths vorgeschlagen. Sie vermittelt das Bild einer komplexen Reise zu einem erstrebenswerten Ziel. Auf dem Weg durch ein Labyrinth sind Beharrlichkeit und die Auflösung rätselhafter Begebenheiten nötig. Labyrinthe können vorhersehbare und unvorhergesehene Hindernisse bieten, doch es gibt einen Weg zur Mitte. In diesem Sinne stehen Frauen nicht mehr vor festen Barrieren, sondern vor Hindernissen, die oft durch intelligentes Analysieren und wohlbedachtes Verhandeln überwunden werden können.

Aus dem Englischen von Stephan Rothschuh. Alice Eagly ist Professor of Psychology, James Padilla Chair of Arts and Sciences und Faculty Fellow am Institute for Policy Research der Northwestern University.

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