Zeitung Heute : Karriere

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Als ich die olympische Goldmedaille gewonnen habe, falle ich tot um. Vielleicht habe ich zu viel trainiert, vielleicht habe ich zu viele Pillen geschluckt. Jedenfalls ist mein Leben jetzt vorbei, nach gerade mal 20 Jahren. Um mich herum sitzen meine besten Freunde. Sie bedauern mich – ihre Spielfiguren hatten ein besseres Schicksal.

Draußen dämmert es, ich werfe meine Figur um, gieße Wodka nach und schaue auf mein Leben zurück, das ich gerade auf dem Spielbrett namens DDR hinter mich gebracht habe: In der Schule bin ich nicht aufgefallen, ich hatte Jugendweihe und die höchste Schwimmstufe. Schon beim ersten Besuch im Jugendklub habe ich eine Freundin gefunden, mit der Heirat ging es schnell. Dann etliche Trainingslager, viel mehr passierte nicht mehr. Ich blicke hinüber zu den Figuren der anderen. Irina hat eine Parteikarriere eingeschlagen, sie ist gerade dabei, zu studieren und einen Russen zu verführen. Der Autokauf ist nur noch eine Frage von Monaten. Benjamin dagegen hat den soliden Weg des Arbeiters gewählt. Seiner Großfamilie will er eine Laube bauen, vor ihm liegen glückliche Jahre.

Während die anderen um den Sieg spielen (der darin besteht, mit Geld und Beziehungen möglichst viele der knappen Konsumgüter zu erwerben), denke ich nach: Was wäre aus uns geworden, in der DDR? Was, wenn die Mauer nicht gefallen wäre, als wir 14 waren? Wäre ich in die Partei eingetreten, um Karriere zu machen? Mitmachen oder nicht, Angebote des Staates ausschlagen oder nicht, die Meinung sagen oder nicht – das waren die Fragen meiner Eltern, sie waren oft Thema am Küchentisch. In den meisten Fällen haben meine Eltern richtig entschieden, glaube ich.

Auf dem Spielbrett bewegen sich die Figuren langsam auf die Rente zu. Irina hat die Partei kein Glück gebracht, sie geriet in eine Identitätskrise, und mit Kindern wurde es auch nichts. Benjamin dagegen hat fleißig gearbeitet und sich viele Konsumgüter organisiert. Die Großfamilie bringt ihm bei der Abrechnung zusätzliche Punkte. Vielleicht sollte ich meinen Eltern auch so ein Spiel schenken, denke ich, und gehe ins Bett.

„Es geht seinen Gang“, im wohlsortierten Spielwarenhandel.

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