Zeitung Heute : Karrieren planen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Seien wir ehrlich: Natürlich machen wir uns jetzt schon Gedanken über die berufliche Zukunft unserer Zwillinge. Wir kommen gar nicht drum herum, wenn Eltern, Schwiegereltern, Freunde regelmäßig ihrer Fantasie freien Lauf lassen und sich ausmalen, was aus Jan und Josefine einmal werden wird. Ich nicke dann immer nur beifällig und denke mir: Vielleicht, könnte doch sein … Und dann geht es mit mir selber durch. Plötzlich wirbeln die beiden auf Kufen umeinander, Jan im Stretchanzug, Josefine im Glitterkostümchen, das perfekte Eiskunstlaufpaar. Nein, das lieber doch nicht, dann eher als gemischtes Doppel auf dem Tenniscourt, Josefine mit beinharter Rückhand, Jan unschlagbar am Netz. Auch diese Vision verflüchtigt sich meist schnell. Am hartnäckigsten hält sich dafür das Bild der beiden am Piano. Die Musikermähne hat Jan schließlich schon und Josefine das musikalische Talent.

Vielleicht ist das Grund, warum wir Jan und Josefine sogleich im Musikgarten angemeldet haben. Schließlich wurden auch die berühmten Labeque-Schwestern frühzeitig auf den Klavierschemel gehoben, und das legendäre Pianistinnen-Duo Güher und Süher Pekinel gab bereits im zarten Alter von sechs Jahren sein erstes Konzert. Grauenvoll, werden Sie jetzt sagen, die armen Kinder! Dabei ist der Musikgarten wirklich harmlos. Ein wenig enttäuscht war ich schon, als in der ersten Stunde keine Mini-Geigen verteilt wurden oder die Kleinen wenigstens das Klavier traktieren durften. Statt dessen sangen wir „Ri-Ra-Rutsch, wir fahren mit der Kutsch“ oder wackelten zu „Himpelchen und Dimpelchen“ mit unseren Daumen. Aber auch das will gelernt sein: schneller, langsamer, lauter, leiser.

Instrumente gibt es im Musikgarten trotzdem: Klanghölzer, Schellen, Trommeln und Xylophon. Das ist dann immer der Höhepunkt, wenn die Musiklehrerin den Schrank öffnet und jedes Kind sich sein Instrument abholen darf. Sogar Jan und Josefine als die Jüngsten stehen dann an, auch wenn sie nicht immer recht wissen, wie sie es anstellen sollen. So ist Jan nicht davon abzubringen, die Trommel als übergroßen Hut zu benutzen und begeistert „Guckguck – da!“ zu kreischen. Auch Josefine will bis heute nicht verstehen, dass zwei Klanghölzer reichen. Stattdessen rafft sie jedes Mal ein halbes Dutzend zusammen, das wir Eltern ihr wieder mühsam zu entringen versuchen.

Jedenfalls sind wir alle nach der Musikstunde jedes Mal ziemlich geschafft. Mir kommen dann immer Zweifel an der glorreichen Zukunft meiner musikalischen Wunderkinder. Wäre da nicht Josefine, die stets mit den Hüften wippt, sobald irgendwo ein paar Takte Musik zu hören sind. Dazu ballt sie eine Hand zur Faust und boxt rhythmisch wie eine Rocklady in die Luft. Jan gibt dazu den Sonnyboy und schüttelt die blonden Locken. Vielleicht, denke ich dann immer, könnte doch sein … reicht es wenigstens zu Cindy & Bert.

Der Musikgarten der Schöneberger Leo-Kestenberg-Musikschule beginnt für Kinder im Alter von achtzehn Monaten. Zu finden ist er in der Grunewaldstraße 6/7 und ist erreichbar unter der Telefonnummer 75606967.

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