Kartoffeln : Ein Rezept für alle

Die Unesco hat 2008 zum internationalen Jahr der Kartoffel erklärt. Warum ist die Kartoffel so wichtig?

Dagmar Dehmer

Die Kartoffel weltweit:

Angesichts einer rasant wachsenden Weltbevölkerung gewinnt die Kartoffel als Grundnahrungsmittel neue Bedeutung. Die Bevölkerungsprognose der Unesco geht davon aus, dass pro Jahr 100 Millionen Menschen auf der Erde hinzukommen. 95 Prozent dieser Menschen werden in Entwicklungsländern geboren, wo es schon heute an Ackerland und Wasser fehlt.

Beim Kampf gegen den Hunger hat die Kartoffel im Vergleich zu anderen Grundnahrungsmitteln wie Mais, Reis, Weizen und Gerste einen entscheidenden Vorteil – wie die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hervorhebt, die weltweit Entwicklungsprojekte umsetzt. Die Kartoffel verbrauche weniger Fläche, um Menschen zu ernähren. „Gemessen am Kalorienbedarf der Deutschen lassen sich mit einem Hektar Kartoffelanbaufläche mehr als 22 Menschen ein Jahr lang ernähren. Bei gleicher Anbaufläche sättigt Getreide gerade mal neun Menschen“, heißt es in der Ausstellung „Kartoffelwelt“ der GTZ, die auf der „Grünen Woche“ in Berlin zu sehen ist. Außerdem gedeihen Kartoffeln auch unter extremen klimatischen Bedingungen, in Wüstengebieten genauso wie in Hochlagen von bis zu 4300 Metern. So werden sie auch in mehr als 100 Ländern angebaut. Im Jahr 2006 betrug die Weltkartoffelproduktion 314,37 Millionen Tonnen, davon wurden je rund die Hälfte in Entwicklungsländern und in Industriestaaten erzeugt (siehe Grafik). Auch bei der Kartoffelproduktion ist China Weltspitze: 2006 brachte das Land 70,3 Millionen Tonnen Kartoffeln auf den Markt. Allerdings ist die Ausbeute in China mit 14,35 Tonnen pro Hektar relativ gering, das gilt auch für den Konsum von 39,78 Kilogramm pro Kopf und Jahr. In den USA holen die Farmer im Durchschnitt 43 Tonnen Kartoffeln pro Hektar heraus. Die USA stehen mit 19,7 Millionen Tonnen Kartoffeln im Jahr 2006 auf Platz vier der Weltproduzentenliste, gefolgt von der Ukraine. Platz zwei und drei belegen Russland und Indien.

Während in den Entwicklungsländern Kartoffeln vor allem frisch konsumiert werden, bevorzugen Verbraucher in Industrieländern die verarbeitete Kartoffel, also zum Beispiel Pommes Frites. In dieser Form können die Knollen ihre ernährungsphysiologischen Eigenschaften – viele Proteine, hoher Vitamin-C-Anteil und wenig Fett – aber kaum ausspielen.

Die Kartoffel in Deutschland: Hierzulande wurden im Jahr 2006 auf 274 300 Hektar rund zehn Millionen Tonnen Kartoffeln produziert. Die Produktivität lag bei 36,5 Tonnen pro Hektar und damit deutlich im oberen Bereich des Möglichen. Deutschland ist einer der wichtigsten Exporteure von Kartoffeln – 2005 waren es 6,5 Millionen Tonnen, davon 3,3 Millionen Tonnen als Stärke. Rund 650 000 Tonnen werden in Deutschland jährlich für die Stärkeproduktion genutzt, ein Grundprodukt für die Kosmetik- und Papierindustrie.

Die Kartoffel, die gar keine ist: Die Kartoffel ist rund 8000 Jahre alt und stammt aus Peru, wo sie an den Ufern des Titicacasees wuchs. 3000 Jahre jünger ist die Süßkartoffel, die trotz des Namens eigentlich gar keine Kartoffel ist. Während die Kartoffel ein Wolfsmilchgewächs ist, gehört die Süßkartoffel zur Familie der Winden. Sie kommt nach Informationen des Internationalen Kartoffelzentrums in Peru vermutlich aus Zentralamerika und wird heutzutage vor allem in Asien angebaut und verzehrt.

Die Süßkartoffel steht bei den Grundnahrungsmitteln in der Bedeutung auf Platz sieben. Weltweit werden jährlich 133 Millionen Tonnen Süßkartoffeln produziert, 90 Prozent davon allein in China. Allerdings wird in Asien etwa die Hälfte an Tiere verfüttert. In Afrika hingegen sind die rund sieben Millionen Tonnen Jahresproduktion direkt für den menschlichen Konsum gedacht. In Ostafrika hat die Süßkartoffel den Namen „Cilera Abana“ (das bedeutet „Beschützerin der Kinder“), denn sie ist dort für viele Menschen überlebenswichtig.

Die gefährdete Kartoffel: Für „Linda“ kämpfen Umweltverbände, Verbraucherschützer und der frühere Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert. Die Europlant Pflanzenzucht GmbH wollte ihre Kartoffelsorte „Linda“ 2005 – nach 30 Jahren – vom Markt nehmen. Denn der Sortenschutz läuft aus und dann könnten auch andere Landwirte „Linda“ anbauen. Der Biobauer Karsten Ellenberg beantragte daher eine Wiederzulassung von „Linda“. Entschieden wird darüber in diesem Jahr.

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