Zeitung Heute : Kartoffelsalat für die neue Mitte

Der Tagesspiegel

Von Helmut Böttiger

Ein altes bundesdeutsches Gerücht besagt, Schriftsteller seien links. Oder zumindest für die SPD. In den letzten Jahren ist da aber einiges durcheinandergeraten, deswegen kurbelt Kanzler Schröder den Dialog mit Schriftstellern wieder an. Es gab gemeinsame Abendessen im Kanzleramt, und die geladenen Künstler wissen übereinstimmend zu berichten, dass der Kanzler „gut zuhören“ könne. Junge Autoren verzehren nach presseöffentlichen Lesungen mit dem Kanzler an improvisierten Stehtischchen Würstchen mit Kartoffelsalat. Ist diese neue Gesprächskultur mit den Zeiten Willy Brandts zu vergleichen, als Geist und Macht in Deutschland eine vorübergehende Liaison eingingen?

Dass sich in den frühen Jahren der Bundesrepublik die Schriftsteller fast selbstverständlich für die SPD aussprachen, hat viel mit der „Gruppe 47“ zu tun. Diese Schriftstellervereinigung kam in der Öffentlichkeit des Adenauer-Staats kaum vor, seine Repräsentanten hießen Georg Britting, Werner Bergengruen oder Gertrud von le Fort – ältere Herrschaften, bestenfalls stille, innere Emigranten. Um den Gründer der „Gruppe 47“, Hans Werner Richter, scharten sich dagegen die Angehörigen der „Flakhelfer-Generation“: Sie waren in jungen Jahren noch zum Krieg eingezogen worden und propagierten nun eine „Kahlschlag-Literatur“. Der internationalen Moderne, wie auch den älteren Emigranten, standen sie skeptisch gegenüber. Der gemeinsame Nenner war deutsch, jung und sozialdemokratisch, der schnoddrige, sachliche Ton der Kriegsteilnehmer ging einher mit eindeutigen Stellungnahmen gegen Wiederbewaffung und Atombombe.

Der liest ja wie Goebbels

Dass ein mehrsprachiger Lyriker wie Paul Celan bei der „Gruppe 47“ auf heftigste Kritik stieß, ist von daher zu erklären: der Ausspruch „der liest ja wie Goebbels!“ wird Hans Werner Richter selbst zugeschrieben. In der „Gruppe 47“ mendelte sich sozialdemokratisches Literaturverständnis heraus: realistisch und engagiert. In den 60er Jahren war aus der Schriftstellervereinigung eine Institution der demokratischen Öffentlichkeit geworden. Die „Gruppe 47“ wandte sich gegen die Erstarrung des Adenauerstaats, und führende Vertreter wie Günter Grass, Martin Walser oder Hans Magnus Enzensberger plädierten für den jungen Hoffnungsträger der SPD, Willy Brandt. Die Bundestagswahl 1965 stellte den Kulminationspunkt dar: Ein „Wahlkontor deutscher Schriftsteller“ wurde gegründet. Günter Herburger hat einmal zusammengetragen, welche Sprüche den Schriftstellern dabei so einfielen: „Der Frau treu bleiben – die Partei wechseln“, „SPD, gute Fee, CDU, blöde Kuh“. Als Willy Brandt dann 1969 endlich Kanzler wurde, war der Höhepunkt in der Liaison zwischen Literatur und Sozialdemokratie bereits überschritten. Viele Schriftsteller siedelten sich mittlerweile links von der SPD an. Das Jahr 1972 allerdings, die Zeit des fehlgeschlagenen konstruktiven Misstrauensvotums der CDU gegen Willy Brandt und seines anschließenden überwältigenden Wahlsieges, steht für einen in der deutschen Geschichte einmaligen Zusammenklang von Geist und Macht: Autoren wie Grass, Böll oder auch Max Frisch sprachen auf SPD-Parteitagen. Die Fronten waren völlig klar: Es gab noch eindeutig links und rechts, und kein ernstzunehmender Schriftsteller war auf der Seite der spießigen, restaurativen CDU vorstellbar.

Schon vor den langen, zermürbenden Jahren Helmut Kohls war das Engagement der Literaten jedoch zerfallen. Der Moment der Utopie, der Entgrenzung schien auf die kurze Ära Brandt beschränkt zu sein. Im intellektuellen Milieu begegnete man gesellschaftspolitischen Entwürfen zunehmend mit Argwohn. Parolen wie „politischer Alarmismus“ oder „Kulturpessimismus“ entstanden, die sich gegen die ehedem tonangebende Kulturkritik wandten, und die Luhmannschen Systemkreisläufe begannen. Der Herold des neuen, flexiblen Zynismus wurde Enzensberger. Grass hingegen, der bei seinen Leisten blieb, entwickelte sich immer mehr zum Auslaufmodell, ohne dass es ihm selbst sonderlich bewusst wurde.

Parteipolitisches Engagement ist heute für die jüngeren Schriftsteller kaum vorstellbar. Es gibt nichts, was auch nur im Ansatz mit der „Gruppe 47“ vergleichbar wäre. Die Offensive Schröders ist also taktischer Natur, ein geschicktes Zitieren der früheren Verbindung von Sozialdemokratie und Literatur. Als Gallionsfigur auf der Brücke zwischen den Zeiten kann Günter Grass dienen. Ihm blieb nicht nur die erste Lesung im neuen repräsentativen Bundeskanzleramt vorbehalten, er fungiert überhaupt als elder statesman der Literatur, und der Nobelpreis hat seinen Repräsentationswert enorm gesteigert.

Pragmatische Eintracht

Die Inszenierungs-Kunst Schröders unterscheidet sich grundlegend vom demokratischen Pathos Brandts, doch diese Unterscheidung wird augenzwinkernd mitinszeniert. Den Schriftstellern bleibt es vorbehalten, sich mehr oder weniger raffiniert der Rolle des Hofnarren zu entziehen. Das role-model für die Schröder-Fassung des politischen Schriftstellers liefert vielleicht Peter Schneider, der seinerseits die Inszenierung des Typus Schriftsteller auf diversen Podien und in diversen Medien perfektioniert hat. Im Gespräch mit Schröder in der Freien Volksbühne, organisiert von den Berliner Festspielen, bekannte Schneider, der schon 1968 auf der Höhe der Zeit war, jetzt, er sei damals „kein Demokrat“ gewesen. In dieser pragmatischen Eintracht können in der Schröder-Ära Geist und Macht teilweise wieder parallel laufen: das Geschichtsspiel der Generation nach Brandt und Grass.

Bei der ersten Lesung im Bundeskanzleramt erhielt Schröder Beifall, als er Grass das Weinglas nachtrug, das dieser am Pult vergessen hatte. Wochen später, beim Gespräch mit Peter Schneider, erhob sich Schröder ähnlich effektvoll, um Schneider Wasser nachzuschenken. Der Schriftsteller wird scheinbar hofiert. Er muss nur aufpassen, dass er sich nicht ganz wie am Hofe fühlt.

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