Zeitung Heute : Karussell fahren

Britta Wauer

Wie eine Ost-Berlinerin die Stadt erleben kann

Neulich ließ mich ein Freund per E-Mail wissen, dass er sauer auf mich sei. Zum Glück wollte er nicht gleich die Freundschaft kündigen, sondern bot eine Wiedergutmachung an: gemeinsam Kettenkarussell fahren.

Ich fand es eine hinreißende Idee. Kettenkarussells hielt ich für romantische Vergnügungen, harmlos, unschuldig und kindgerecht. Der Freund hatte längst ein konkretes Objekt vor Augen: „Es gibt eines gegenüber dem Lustgarten, und ich suche dringend eine Mitfahrerin wie dich“, schrieb er. Ich machte mir keine weiteren Gedanken.

Aber als ich von der Museumsinsel kam und hinüber auf den bunten Weihnachtsmarkt blickte, erkannte ich den Irrtum: Das Kettenkarussell war riesig und drehte sich so schnell, dass mir schon vom Anblick schwindlig wurde. Ich erklärte noch in 200 Meter Abstand, dass ich nie mit diesem Flugobjekt unterwegs sein würde, was mein Begleiter ignorierte und mich mit sich schleifte.

Als wir ankamen, stoppte das Karussell. Ein Mann winkte mir zu, während er sich aus seinem Kettensitz schälte. Er rief: „Go ahead! It’s a good ride!“ Ein Junge im Sitz vor ihm lächelte selig. Er war vielleicht sechs Jahre alt. Jemand teilte uns mit, dass der Kleine bereits drei Runden hinter sich hatte. Er machte ein Honigkuchengesicht und sah aus, als wäre er auf Drogen. Sein Anblick überzeugte mich, das wollte ich auch!

Als ich Platz genommen hatte und sich das Karussell zu drehen begann, wusste ich, dass ich den Ausflug nur mit Not überleben würde. Für meine Mitfahrer aber war es ein großer Spaß: Sie schwebten auf den Lustgarten zu, dann am Palast vorbei und auf der anderen Seite sogar über der Spree. Vor mir kuschelte sich ein Paar in einen Doppelsitz. Mein Begleiter drehte sich nach allen Seiten. Nur ich war leicht verkrampft. Beim Aussteigen half mir der Betreiber auf die wegknickenden Beine, seine Worte waren ein kleiner Trost. Er sagte, er habe schon gestandene Männer erlebt, groß wie Schränke, die das Karussell heulend verlassen hätten.

Berliner Weihnachtsmarkt bis 22. Dezember Schlossplatz, täglich 13-21 Uhr, freitags und sonnabends bis 22 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr.

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