Zeitung Heute : Kasparow gegen den Rest der Welt

H.MERSCHMANN

D.ENSIKAT . Der erste Zug ist gemacht: weißer Bauer von e2 auf e4. Keine ungewöhnliche Eröffnung eines Schachspiels - wohl aber die Eröffnung eines ungewöhnlichen Schachspieles: Der russische Schach-Weltmeister Garri Kasparow hat die ganze Welt herausgefordert. Soweit diese vernetzt ist. Seit Montag tobt der Kampf des Giganten gegen die schachspielende Internet-Gemeinde.Und das funktioniert so: Kasparow macht einen Zug - möglicherweise auf einem ganz unvirtuellen, hölzernen Schachbrett. Dieser Zug wird im Internet veröffentlicht ( www.zone.com/kasparow ). Auf derselben Seite, auf der Kasparows Zug erscheint, kann nun ein jeder seinen Vorschlag für die Erwiderung abgeben. Wer sich noch nicht so ganz sicher ist, wie man gegen einen Weltmeister spielt, kann sich an derselben Stelle den Rat von Schachexperten holen (Im Augenblick tendieren sie mehrheitlich zur sizilianischen Verteidigung: c7-c5).Eine Gruppe junger Schach-Experten, die das Spiel im Internet leitet, führt dann jeweils den Zug aus, der von den Spielern im Netz die meisten Stimmen erhält. "Ich lade jedermann auf der Welt ein, gegen mich zu spielen", sagte Kasparow in New York. Er erwarte ein anspruchsvolles Spiel. Wahrscheinlich werde er sich irgendwann einen bisher unbekannten Zug einfallen lassen müssen, um zu gewinnen. Kasparow und seine Gegner in aller Welt sollen jeweils 24 Stunden Bedenkzeit für einen Zug haben.Nach Angaben von Microsoft, Sponsor des Spiels, ist mit Hunderttausenden Gegenspielern zu rechnen. Das Interesse von mehreren Millionen Menschen erregten bereits zwei Computerpartien des Weltmeisters. Damals spielte Kasparow jedoch nicht über viele Rechner, sondern gegen einen: Der IBM-Schachcomputer "Deep Blue" verlor 1996, besiegte jedoch den Weltmeister ein Jahr später.Schon HAL, der launische Computer aus Arthur C. Clarkes Bestseller "2001 - Odysee im Weltall", hatte eine Schachpartie gegen den Raumschiffkommandeur gewonnen und damit die Befehlsgewalt über den Sternenkreuzer erlangt. Der Science-Fiction-Autor Clarke erwies sich mit seinem weitsichtigen Blick in die Zukunft der Computertechnologie als Meister und Prophet. Längst ist aus der Fiktion Realität geworden, hat der Computer das "Spiel der Könige" erobert.Schachspiele mit Computerbeteiligung werden nicht nur auf allerhöchster Ebene oder in den Niederungen häuslicher Einsamkeit mit dem Schachcomputer aus dem Kaufhaus gespielt. In der vergangenen Woche fand in Paderborn die Neunte Computerschach-Weltmeisterschaft statt.Tiefe Stille herrscht im Turniersaal des Heinz-Nixdorf-Museums ( www.hnf.de ). Nur die Klimaanlage rauscht. Die Zuschauer geben keinen Mucks von sich. Unter großen Kopfhörern versteckt, verfolgen sie die spannenden Schlußpartien. Dreißig Computerprogramme aus elf Ländern sind gegeneinander angetreten und haben ihre Elektronengehirne gewaltig rauchen lassen. Jetzt findet das Finale statt: der Mensch-Maschine-Wettbewerb. Die fünf besten Schachprogramme treten gegen fünf leibhaftige Großmeister der Schachzunft an.Für eine Überraschung sorgte zuvor die Siegerehrung der Software. Niemand hatte erwartet, daß ein noch recht junges Schachprogramm gleich drei Siegestrophäen einheimsen sollte: Stephan Meyer-Kahlens "Shredder", ein seit 1995 entwickeltes Programm. Der Informatiker strich damit neben dem Preis der "World Computer Chess Championship 99" und dem für das beste PC-Programm mit nur einem Prozessor auch die "Shannon-Trophy", einen Wanderpokal in Andenken an den Informationstheoretiker Claude Shannon, ein. Den zweiten Platz errechnete sich das Schachprogramm "Ferret" von Bruce Moreland und den dritten die populäre Software "Fritz", von Frans Morsch und der Hamburger Firma ChessBase.An fünf langen Tischen sitzen sich die internationalen Großmeister (IGM) auf der einen und die Computer-Operateure auf der anderen Seite gegenüber. Links und rechts der Bühne sind Leinwände gespannt, auf denen per Videoprojektion die hölzernen Spielbretter übertragen beziehungsweise als Computersimulation angezeigt werden. Über Kopfhörer können die Kommentare des deutschen GM Thomas Luther verfolgt werden. Er hat die Weltmeisterschaft die ganze Woche über fachkundig begleitet.Zwei Stunden sind für die ersten 40 Züge angesetzt, schon nach etwa einer Stunde zwei Spiele entschieden. Loek van Wely kann sich gegen die Software "Junior" durchsetzen, dagegen das Schachprogramm "Fritz", hinter dem vier mal 500 MHz Parallel-Power steckt, gegen Ivan Sokolov. Im Duell Mensch gegen Maschine steht es patt. Die übrigen Spiele laufen noch: Raphael Vaganian gegen "Ferret", Boris Alterman gegen "Cilkchess" und Christopher Lutz gegen den Sieger "Shredder". Die Unterschiede könnten kaum größer sein: Während "Cilkchess" über das Internet mit einem Großrechner im amerikanischen Massachusetts verbunden ist, den 240 Prozessoren à 250 Mhz auf Trab halten, läuft "Shredder" mit nur einem, wenngleich sehr schnell schlagenden Herzstück. Das soll aber nichts heißen. Ähnlich wie "Ferret", der immerhin bis zu 700 000 Stellungen pro Sekunde bei einer "Tiefe" von 13-15 Zügen vorausrechnen kann, zählt "Shredder" zu den flinken Programmen.Nicht erst seit dem IBM-Sieg gegen Kasparow vor zwei Jahren gelten Computerprogramme in der Schachwelt als seriös. Manche Großmeister halten sie zwar immer noch für elektronische Sklaven, derer sich nur minderbegabte Spieler bedienen. Ihr Renommee steigt dennoch weiter an. Der Mathematiker Prof. Ingo Althöfer von der Universität Jena verfolgt seit vielen Jahren die Entwicklung des computerunterstützten Schachs. Er ist ein großer Befürworter der digitalen Beihilfe zu Matt und Remis. Althöfer plädiert für Schachprogramme als Analysehilfe im Fernschach oder beim sogenannten "Advanced Chess" - solange nur Fairplay herrscht und die Spieler ihre Hilfsmittel offenlegen. Der Leistungszuwachs sei beträchtlich.Die Stärke der Computer liegt vor allem im blitzschnellen Zugriff auf Datenbanken - die des Menschen dagegen in seiner Intuition. In Paderborn siegte letztendlich die Rechen-Power gegen die Intuition: drei Spiele gewannen die Maschinen, zwei die Großmeister. Doch im Grunde geht hier schon jeder davon aus, daß der Mensch etwas geschaffen hat, das besser ist, als er selbst.Seine Niederlage gegen "Deep Blue" mochte Garri Kasparow nie so richtig eingestehen - noch heute bezichtigt er IBM der Manipulation. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Kasparow nun lieber gegen hunderttausende von Menschen spielt als gegen einen Computer. Auch wenn die Gegner vor Monitoren sitzen. Die Spielentscheidung wird gegen Ende des Sommers erwartet.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben