Zeitung Heute : Kassandra und ihr Kritiker

Ob es zum Krieg im Irak käme, hänge allein von Saddam Hussein ab, behauptete George W. Bush noch im März 2003. Dabei war er längst beschlossen. Der Enthüllungsjournalist Bob Woodward hat herausgefunden, wer ihn schon Jahre zuvor wie besessen betrieben hat: US-Vizepräsident Dick Cheney.

Malte Lehming[Washington]

Von Malte Lehming,

Washington

Es ist die Nachweihnachtszeit im Jahr 2002. George W. Bush, der amerikanische Präsident hat sich, wie er es gerne tut, auf seine Ranch in Crawford, Texas, zurückgezogen. Es geht ihm nicht gut. Er ist genervt. Selbst die Feiern im Weißen Haus zur Geburt des Heilands haben den gläubigen Christen nicht aufmuntern können. „Ich fühlte mich gestresst“, sagt er. „Mein Kiefermuskel war verspannt. Und das lag nicht allein daran, dass ich gelächelt und viele Hände geschüttelt hatte.“

Der Grund für die Anspannung war ein alter Bekannter der Familie – Saddam Hussein. Erneut waren die UN-Waffeninspektoren in den Irak gelassen worden. Aber diesmal fanden sie nichts, keine verbotenen Rüstungsgüter, keine Massenvernichtungswaffen. Bereitwillig wurde den Inspektoren alles gezeigt. Iraker lächelten in Kameras und versicherten: Wir haben nichts. Vorsichtig erleichtert reagierte die Welt. Bush dagegen war besorgt, ja ärgerlich. Er hatte Geheimdienstinformationen, denen zufolge die Iraker hinter dem Rücken der Inspektoren recht agil seien und Dinge hin und her bewegen würden. Außerdem würde Hans Blix, der oberste UN-Inspektor, weder alles berichten, was er herausfindet, noch alles tun, was ihm aufgetragen wird. Einige Mitglieder von Bushs Kriegskabinett waren ohnehin davon überzeugt, dass Blix ein Lügner sei.

Wenige Tage nach Neujahr 2003 bespricht sich Bush auf seiner Ranch mit Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. „Wie ist das bloß möglich?“, fragt er sie, „Saddam wird stärker. Wie lange glaubt er, dass er das machen kann? Ein Jahr? Ich kann das nicht. Die Vereinigten Staaten können nicht in dieser Position des militärischen Aufmarsches verharren, während Saddam seine Spiele mit den Inspektoren treibt.“ Rice ermuntert ihn, hart zu bleiben. „Sie müssen ihre Drohung durchziehen.“ Falls es ernst werde, müsse er mit der Entscheidung leben. „Die Zeit ist nicht auf unserer Seite“, erwidert Bush. „Wahrscheinlich müssen wir in den Krieg ziehen.“ Für Rice war das der Moment der Entscheidung.

Bob Woodward, der wohl bekannteste amerikanische Journalist, hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt „Plan of Attack“ und erzählt die Vorgeschichte des Irakkrieges. Das Buch erscheint an diesem Montag, am Sonntag veröffentlichte die „Washington Post“ erste Passagen daraus. Woodward hatte als Reporter jener Zeitung den Watergate-Skandal aufgedeckt, seither ist er eine Instanz. Er hat Zugang zu den Mächtigen wie kein anderer, obwohl die amtierende Regierung ein extremes Geheimhaltungsbedürfnis hat. Nichts darf aus der „Festung Bush“, wie das Magazin „The New Yorker“ im Januar schrieb, nach außen dringen. Alle Informationen werden kontrolliert. Jede der spärlichen Pressekonferenzen des Präsidenten wird einstudiert. Das Misstrauen gegenüber den Medien ist groß.

Woodward ist die Ausnahme. Ihm werden viele offene Gespräche gewährt. Das hat zwei Gründe. Erstens die Angst. Weil Woodward den Ruf hat, dass ihm keine Tür verschlossen steht, glauben viele Politiker, keine andere Wahl zu haben, als ebenfalls mit ihm zusammenzuarbeiten. Nur dadurch können sie sicherstellen, dass auch ihre Version der Wahrheit berücksichtigt wird und nicht nur die ihrer Widersacher. Wer ein Interview mit Woodward ablehnt, steht im Verdacht, etwas verbergen zu wollen. Zweitens die Fairness. Woodward wertet nicht, er rekonstruiert. Aus den Akten, die er einsieht, und den Interviews, die er führt, formt er die Wirklichkeit nach. Seine Arbeit gleicht der des neutralen Historikers. Weder sein Buch über den ersten Golfkrieg noch das über den Afghanistankrieg waren regierungskritisch.

Trotzdem sorgen die Veröffentlichungen stets für Wirbel. Denn Woodward ist auch ein Genie. Er weiß, wie die Medien funktionieren. Er kann sich darauf verlassen, dass die Fakten, die er zusammenträgt, ein turbulentes Eigenleben führen. Das Werten, Empören und Skandalisieren überlässt er bereitwillig den anderen. Das „verbrennt“ ihn nicht. Honorig und zuverlässig: Aus diesen Attributen soll sein Image bestehen.

Brisant und pikant: Das ist „Plan of Attack“. Wenige Tage nach seinem Treffen mit Rice unterrichtet Bush Verteidigungsminister Donald Rumsfeld von seiner Entscheidung. „Wir müssen das tun, befürchte ich“, sagt der Präsident. Am 11. Januar lädt Vizepräsident Dick Cheney den Botschafter von Saudi-Arabien, Prinz Bandar bin Sultan, ins Weiße Haus ein. Auch er wird über die Kriegspläne informiert. Bandar ist skeptisch. Was passiert mit Saddam? Wird er womöglich wieder, wie beim ersten Golfkrieg, im Sattel bleiben? Cheney antwortet: „Sobald wir loslegen, ist Saddam erledigt.“

Wer ist zu dieser Zeit eingeweiht? Neben Bush, Cheney und Rice sind es Rumsfeld, mehrere Militärs und selbst ein Ausländer wie Prinz Bandar. Bloß einer nicht – Außenminister Colin Powell. Der wird erst zwei Tage später, am 13. Januar, informiert. Zwölf Minuten dauert das Treffen mit Bush im Oval Office. Powell, der als Einziger im Kabinett selbst schon mal im Krieg war, warnt den Präsidenten. „Verstehen Sie die Konsequenzen?“ Vor allem befürchtet Powell die Zeit nach dem Regimesturz. Doch Bush macht klar, dass er nicht diskutieren, sondern Powell lediglich in Kenntnis setzen will. Der verspürt ein Dilemma. Da sind einerseits die Vorbehalte gegen den Krieg, andererseits seine Loyalität zum Präsidenten. Schließlich entscheidet er sich. „Sind Sie auf meiner Seite?“, fragt Bush. „Ich werde mein Bestes tun“, sagt Powell.

Hätte Powell anders entscheiden, wegen des Krieges seinen Job quittieren sollen? Das ist nur eine von vielen Fragen, die ab heute die amerikanische Öffentlichkeit beherrschen werden. Schon Ende 2001 hat Bush den Irakkrieg planen lassen, steht in Woodwards Buch. Dennoch behauptete der Präsident steif und fest bis ins Jahr 2003 hinein: „Ich habe keine Kriegspläne auf meinem Tisch.“ Und noch im März versicherte Bush: Ob es zum Krieg komme, hänge allein vom Verhalten Saddam Husseins ab.

Was die Pläne betrifft: Condoleezza Rice hat nun gestern im Fernsehen zugegeben, dass Bush sehr wohl schon im November 2001 über einen Krieg im Irak nachdachte.

Am spannendsten allerdings sind Woodwards Aufzeichnungen über das Zerwürfnis zwischen Cheney und Powell. Der erste Golfkrieg hatte sie zusammengeschweißt, trug jedoch den Keim der Animositäten schon in sich. Cheney war Verteidigungsminister, Powell der Generalstabschef. Cheney wirkte im Hintergrund, Powell erntete den Ruhm. Das verzeiht ihm Cheney bis heute nicht.

Cheney war im Kabinett die gewichtigste Stimme für den Krieg, er sei von einem wahren „Fieber“ befallen gewesen, eine „mächtige Dampfwalze“, wie es bei Woodward heißt, der Powells Gedanken über den Vizepräsidenten so beschreibt: „Er beobachtete an Cheney eine traurige Verwandlung.“ Aus dem kühlen Strategen sei ein Besessener mit einer „ungesunden Fixierung“ geworden. In nahezu jedem Gespräch habe er Al Qaida mit dem Irak verknüpfen wollen. Selbst „obskure Geheimdienstfetzen“ habe er benutzt. „Powell war der Ansicht, dass Cheney… Unsicherheiten und Unklarheiten als Fakten präsentierte. Das war so ziemlich die schlimmste Anklage, die Powell gegen den Vizepräsidenten erheben konnte.“

Diese Passagen werden mit Sicherheit eine Debatte wieder aufleben lassen, die seit Monaten schwelt. Wie lange ist Cheney noch tragbar? Der Mann verkörpert gewissermaßen alle negativen Attribute der Bush-Regierung. Die Nähe zum großen Kapital: Als Chef der Firma Halliburton hat Cheney einst 44 Millionen Dollar verdient, heute gehört sie zu jenen Unternehmen, die lukrative Exklusivverträge für den Wiederaufbau des Irak erhalten haben. Die Geheimhaltung: In dieser Beziehung gilt Cheney als Großmeister. Die Präventivkriege: Die Anschläge vom 11. September 2001 haben aus Cheney die Kassandra Washingtons gemacht.

Das Magazin „Newsweek“ brachte im November 2003 eine Titelgeschichte mit der Überschrift: „Cheney’s Long Path to War“ – Cheneys langer Weg zum Krieg. Darin wird nachgezeichnet, welcher Tricks und Manöver sich der Vizepräsident bediente, um sein Ziel, den Sturz Saddams, zu erreichen. Die CIA wurde instrumentalisiert, das Außenministerium ausgeschaltet, eine „Parallelregierung“ etabliert, die das „eigentliche Machtzentrum“ war. Cheneys Verbündete war eine Gruppe von Neokonservativen, von denen einige im Pentagon saßen. Laut Woodward bildeten diese Leute, nach Ansicht Powells, ein „Gestapo-Büro“.

Mit solch derben Zitaten dürfte der Kabinettskrieg eröffnet sein. Immer mehr Amerikaner zweifeln am Sinn des Irakkrieges. Ihr Ideal ist Gary Cooper in „High Noon“, der nur als letztes Mittel zur Waffe greift. Das Motto „erst schießen, dann fragen“ ist nicht mehrheitsfähig. Nach den Vorhaltungen von Ex-Finanzminister Paul O’Neill und der harschen Kritik des Ex-Terrorexperten Richard Clarke ist nun offiziell auch Powell, via Woodward, ins Lager der Kriegsskeptiker gewechselt. Die Einheit bröckelt. Ins Visier der Öffentlichkeit gerät der Vizepräsident. Im Weißen Haus heißt es: „Dieser Mann ist unkündbar.“ Doch dann bleibt nur einer, an dem die Verantwortung haften bleibt – der Präsident persönlich.

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