Zeitung Heute : Kassandras Untergang

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Klaus Schneider – so heißen viele. Ein Allerweltsname, den Regisseur István Szabó in seinem 1988 gedrehten Film „Hanussen“ der Titelfigur gegeben hat. Eigentlich hieß der berühmte Illusionskünstler, der sich seit 1918 Erik Jan Hanussen nannte, Hermann Steinschneider – eine biografische Ungenauigkeit des Drehbuchs, die nur wenigen im Publikum aufgefallen sein dürfte, aber doch bezeichnend ist für Szabós Anliegen: Dokumentarische Präzision war nicht sein Ziel, vielmehr das Porträt einer Epoche am Beispiel eines bizarren, ambivalenten, ja zwielichtigen Zeitgenossen.

Auch in anderen Details hielt Szabó, der am Drehbuch mitschrieb, sich nicht an Hanussens Biografie: Dass dieser im Film nicht in einer Berliner Kaserne erschossen wird, sondern im Wald, mag dem Bemühen um eine besonders effektvolle Umsetzung des historischen Stoffes geschuldet sein. Weitaus einschneidender ist aber der Entschluss, Hanussens jüdische Herkunft zu verschweigen – vielleicht ein Versuch, die facettenreiche Figur klarer zu gestalten. Widersprüche in ihrem Charakter bleiben ja auch so genug.

Das Bemühen, ein Zeitporträt zu entwerfen, prägte schon die beiden anderen Filme des Ungarn Szabó, die mit „Hanussen“ eine Trilogie bilden: „Oberst Redl“ (1985) über den österreichischen Generalstabsoffizier Alfred Redl, der für Russland spionierte und nach seiner Aufdeckung 1913 zum Selbstmord gezwungen wurde, und „Mephisto“ (1981), die Verfilmung des KlausMann-Romans über Gustaf Gründgens und seinen Aufstieg in der NS-Zeit. Schon diese Filme waren liebevoll ausgestattete, opulente Zeitbilder einer Gesellschaft vor dem Untergang, viel KuK-Dekadenz im ersten Fall, im zweiten das Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre mit Chansons, Clubs und Charleston, ein Tanz auf dem Vulkan, und im Untergrund glimmt schon die Lunte, marschieren die NS–Kolonnen. Historienfilme mit deutlicher Botschaft – und mit einem erstaunlich subtilen Hauptdarsteller.

Denn die Rolle des Hanussen, wie auch die des Oberst Redl und des Gustaf Gründgens, hat Klaus Maria Brandauer übernommen. Doch übernommen ist zu wenig: Brandauer ist Hanussen, der Hypnotiseur und Hellseher, der mit dämonischem Funkeln in den Augen sein Publikum an der Nase herumführt und privat der schwache, opportunistische Karrierist bleibt. Er ist der von Visionen Getriebene, der die Hellsichtigkeit auch als Strafe begreift – es ergeht ihm wie Kassandra, der auch keiner glauben wollte: Umsonst fleht Hanussen seine jüdischen Freunde, darunter den Psychologen und Freund Bruno Bettelheim, an, das Land zu verlassen. Von ihm hatte er Psychologie gelernt, und mehr Psychologie als Sternendeuterei ist auch seine Kunst. Es gehörte nicht viel dazu, im wirtschaftskrisengeplagten Berlin einen Umsturz vorherzusehen. Doch die Vorhersagen waren zu genau, um nicht darüber rätseln zu lassen, ob sie wirklich nur den Zeitgeist trafen. Über Hanussens übersinnliche Fähigkeiten diskutiert man im Internet in Astrologiekreisen noch heute. ac/til

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