Zeitung Heute : Kassenzettel abheften

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

Ist an dieser Stelle schon erwähnt worden, dass Paul beim Einkaufen etwas schwierig ist? Dass er mitunter nicht mehr weiß, wo der Supermarkt ist, ein anderes Mal die Hälfte vergisst und Wechselgeld als eine zu vernachlässigende Größe im Familienbudget betrachtet? Selbst dann, wenn ein Kleinsteinkauf mit einem Großschein bezahlt werden muss? Wurde wohl alles schon erwähnt, aber sicher noch nicht, dass diese Schusseligkeit des Pubertisten seit einigen Wochen sehr erfreulich ist, ja, dass der Vater sogar ausgesprochen dankbar ist, weil Paul nicht weiß, was Kassenzettel sind und zu welchem Zwecke er sie heimtragen soll.

Woher der plötzliche Sinneswandel des Vaters kommt? Nun, Paul leistet mit seiner beharrlichen Weigerung, Bons vom Einkauf mit nach Hause zu bringen, aktiven Widerstand gegen die Bürokratisierung des bürgerlichen Haushaltes. Das kostet zwar, aber alles hat eben seinen Preis.

„Paul“, hatte die Mutter neulich gesagt, „wenn du jetzt Wasser holen gehst, bitte, bitte, denke doch diesmal an den Kassenbon.“ Die Mutter, muss man in diesem Zusammenhang wissen, achtet nämlich auf den Cent, und seitdem Supermärkte und Discounter Plastikflaschen und Blechdosen nur noch gegen Pfand verkaufen, sind Kassenbons Cent wert, in Familien mit Pubertisten viele Cent sogar, weil so ein Pubertist ja wegtrinkt, man glaubt es kaum. Paul hatte den Zettel aber wieder vergessen, „mhngmanney“, gesagt nach dem mütterlichen Tadel, und der Vater sich still gefreut. Weil nämlich die Wohnung auch ohne Pauls Kassenzettel langsam das Aussehen einer sortierten Müllhalde annimmt und der Vater am Abend, wenn eigentlich die Zeit ist für Buch und roten Wein, Archivarbeiten zu erledigen hat. Es gibt jetzt eine Tüte, in der werden Dosen und Flaschen gesammelt, die bei Penny gekauft wurden, eine andere Tüte beinhaltet das Sortiment von Plus, eine dritte widmet sich Reichelt, der Aldisammler hängt noch etwas schlaff am Nagel, füllt sich aber auch, weil der Verlust, der durch Pauls Vergesslichkeit entsteht, ja irgendwo wieder reingeholt werden muss. Der Vater ist gerade dabei, eine Kartei aufzubauen, unter Aw werden dann die Bons einsortiert, die den Pfand für Wasserflaschen (w) ausweisen, die bei Aldi (A) gekauft wurden. Oder Rb: Bier (b) von Reichelt; Pa: Pennys Apfelsaft. Und so weiter.

Das Kürzel N.N. sollte noch erklärt werden: nomen nescio, natürlich, „den Namen weiß ich nicht“. Hier sammelt der Vater die noch nicht irgendeiner Dose oder Plastikflasche zuzuordnenden Zettel ein. Und die, deren Herkunftsort unbekannt sind oder weit entfernt liegen. Wenn man weiß, dass aus den sieben Millionen Tonnen Blech, die in den neunziger Jahren auf US-Mülldeponien gesammelt wurden, 316 000 Boeing 737 gebaut hätten werden können, kann man ja nicht einfach zur althergebrachten Müllentsorgung schreiten. Der Vater hatte Paul diese Zahlen genannt. Der aber hatte nur mit den Schultern gezuckt und angedeutet, dass er für das korrekte Dosenpfandbewusstsein auch in Zukunft nicht garantieren könne. Der Vater, voller Gram über den Zettelhaufen gebeugt, war darüber sehr dankbar. Helmut Schümann

Getränke in der guten alten Pfandflasche kaufen .

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!