Zeitung Heute : "Katastrophale Verhältnisse" (Interview)

Der TÜV-Siegel auf Neubauten steht in der Dis

Experten: Wenig Neubauten unterliegen Qualitätskontrolle - Immer mehr Eigenheime mit Baumängeln

Die Gesprächspartner sind Wolfgang Queißer, Bauingenieur beim Verband Privater Bauherren, Rüdiger Kunz, Vertriebsleiter beim Technischen Überwachungsverein Berlin-Brandenburg (TÜV), Joachim Bücker, TÜV-Prokurist, und Jürgen Thielemann, erster Vorsitzender vom Bauherren-Schutzbund.

Der TÜV-Siegel auf Neubauten steht in der Diskussion. Wir haben an dieser Stelle über ein "vergiftetes Eigenheim" berichtet. Die Käuferin hatte den Bauträger ausgewählt, weil dieser mit dem TÜV-Gütesiegel "Qualität am Bau" versprach. Vergeben Sie Ihren Siegel leichtfertig?

BÜCKER: Die Firma Variodomo hatte vor rund fünf Jahren einen Vertrag mit dem TÜV Rheinland abgeschlossen. Sie hatte sich verpflichtet, ihre Bauten einer ständigen Überwachung zu unterziehen. Beim Haus von Frau Riedel hat das nicht stattgefunden. Die Firma Variodomo befolgte in bösartiger Weise nicht das, wozu sie vertraglich verpflichtet ist. So kam es zu dieser Katastrophe. Die Frage bleibt aber offen, ob es ein Verschulden des TÜVs ist, wenn ein Bauunternehmen sich vertragswidrig nicht an Absprachen hält

Ist der Fall Riedel, den der Verband Privater Bauherren betreut hat, ein Einzelfall, Herr Queißer?

QUEIßER: Ich sehe ein generelles Problem in den Verträgen des TÜVs mit großen Firmen. Sie sind so gestaltet, dass die Unternehmen von sich aus an den TÜV herantreten müssen, um ihre Bauten überprüfen zu lassen. Die Unternehmen werben aber offensiv mit dem TÜV-Siegel, weil es bei Verbrauchern einen guten Ruf genießt. Diese glauben, dass ein TÜV zertifiziertes Haus, wie ihr Auto zum Beispiel, einer Prüfung unterzogen wurde. In Wirklichkeit aber kontrolliert der TÜV nicht jedes einzelne Haus oder aber Bauunternehmen kommen nicht bei allen Häusern ihren Verpflichtungen nach.

BÜCKER: Halt. Jedes Objekte muss einer Überprüfung zugeführt werden.

Das Beispiel Variodomo zeigt aber, dass es Möglichkeiten gibt, diese Verpflichtungen zu umgehen.

BÜCKER: Das können wir nicht ausschließen. Wenn wir einen Vertrag mit einem Unternehmen schließen, das 500 oder 600 Häuser jährlich baut, müssen wir uns darauf verlassen, dass die Unternehmen uns ihre Objekte melden und einer Überwachung zuführen. Die Erfahrungen zeigen, dass sich der überwiegende Teil der Firmen korrekt verhält. Dies gilt für etwa 185 Firmen, die mit uns einen Vertrag haben und jährlich 7000 TÜV-geprüfte Objekte bauen. In unseren Reihen überwachen rund 60 fest angestellte Ingenieure und Architekten die ordnungsgemäße Erstellung der Immobilien.

Was beinhaltet die vom TÜV vorgeschriebene Qualitätsprüfung denn im Einzelnen?

KUNZ: Ein Rahmenvertrag zur Nutzung des Gütezeichens "TÜV am Bau" beinhaltet zwei Faktoren. Einmal die Verpflichtung, jedes Objekt einer 5-Phasen Überwachung zu unterziehen. Da ist zunächst ein Check der Planung, dann gibt es vier Audits auf der Baustelle zu verschiedenen Zeitpunkten in der Bauphase. Schließlich gibt es eine Prüfung des Qualitätsmanagements bei dem Bauträger selbst.

Wenn dieses 5-Phasen Modell an jedem Objekt durchgeführt würde, gäbe es den Fall Riedel nicht. Was tun Sie, um solchen Pannen künftig stärker vorzubeugen?

BÜCKER: Wenn wir etwas Derartiges herausfinden, mahnen wir das Unternehmen ab, und im zweiten Schritt kündigen wir dem Unternehmen den Vertrag. Ich kann aber nicht garantieren, dass bei der großen Zahl der unter Vertrag stehenden Firmen jedes einzelne Objekt einer Bauüberwachung unterzogen wird. Zum Fall Riedel ist aber noch hinzuzufügen, dass Frau Riedel explizit im Vertrag mit Variodomo auf eine TÜV-Überwachung verzichtet hatte.

Wenn so etwas möglich ist, dann steht der Sinn des Siegels überhaupt zur Diskussion. Jede Firma könnte mit dem TÜV werben, sich dann aber den Kontrollen entziehen, weil der Kunde dafür nicht extra zahlt...

BÜCKER: Richtig, deshalb ist das auch unzulässig. Die Firma Variodomo forderte ein zusätzliches Entgeld für eine Bauüberwachung. Sie schlug die Prüfungskosten auf den Hauspreis drauf. Das ist nicht legitim. Variodomo wollte damit eine Gewinnmaximierung erzielen. Der Fehler von Frau Riedel lag darin, dass sie nicht bei uns nachgefragt hat, ob ihr eine TÜV-Überwachung nicht ohnedies kostenfrei zusteht.

Keine Firma mit TÜV-Siegel darf also zusätzlich für Ihre Prüfung kassieren?

BÜCKER: Nein. Die Firma Variodomo hat sich im Fall Riedel eindeutig rechtswidrig verhalten, und deshalb haben wir sie aus dem Vertrag entlassen.

THIELEMANN: Tatsächlich mißbrauchen einige Bauträger das TÜV-Siegel. Das ist das Risiko, und mit Fällen wie dem von Frau Riedel müssen Sie dann einen Imageverlust hinnehmen. Sie sollten daher in der Öffentlichkeit klar stellen, dass Sie sich in einer Zwitterposition befinden. Sie sammeln Ihre Klientel aus den Reihen der Bauwirtschaft, sind aber andererseits für den einzelnen Bauherren tätig, also für den Kunden der Bauträger. Da sind Interessenkonflikte programmiert. Andere Institutionen wie der Bauherrenschutzbund und der Verband Privater Bauherren sind ausschließlich für den Bauherren tätig. Der Vorteil für die Bauherren liegt darin, dass wir produktunabhängig, marktneutral und firmenunabhängig sind.

KUNZ: Herr Thielemann, wir müssen erst einmal grundsätzlich feststellen, dass derzeit die Bauüberwachung stark vernachlässigt wird. Dadurch kam doch die ganze Diskussion über mangelnde Qualität am Bau erst zustande. In Deutschland werden jährlich etwa 450.000 Wohneinheiten fertiggestellt. Davon werden 15.000 bis 20.000, also gerade mal fünf Prozent von auftragsfremden Dienstleistern überwacht. Wir sollten deshalb gemeinsam fordern, das Vier-Augen-Prinzip am Bau, also die Bauüberwachung durch Dritte, stärker durchzusetzen.

QUEIßER: Dennoch bleibt das Problem bestehen, dass bei uns vorstellige Erwerber, die Neutralität des TÜVs anzweifeln. Wenn der TÜV von großen Bauträgern oder Baufirmen beauftragt und bezahlt wird, entsteht beim Erwerber der Eindruck, dass die Prüfer nicht immer in seinem Interesse handeln. Bei großen Bauvorhaben konnten wir beobachten, dass Häuslebauer glaubten, die TÜV-Prüfer seien Firmenvertreter. Außerdem weigerten sich TÜV-geprüfte Firmen, den Enderwerbern Mängelberichte und TÜV-Protokolle einsehen zu lassen

BÜCKER: Sicherlich kann im Einzelfall dieser subjektive Eindruck entstehen, aber es wird immer ein subjektiver Eindruck bleiben. Wir arbeiten sowohl mit Bauträgern als auch mit Bauherren zusammen, wir leben von Neutralität und Seriosität, und wir wären schlecht beraten, diese für die Gunst großer Auftraggeber aufzugeben. Was die Mängelprotokolle betrifft, so gab es Mitte letzten Jahres einzelne Firmen, die die Protokolle ihren Kunden nicht vorlegen wollten. Wir haben aber entsprechend reagiert und alle Vertragspartnern nochmals aufgefordert, die Vertragsinhalte zu erfüllen. Sie müssen nun dem Bauherren Protokolle über Qualitätsabweichungen übergeben. Wir haben dabei aber ein juristisches Problem. Die Protokolle sind Bestandteil des Vertrages und damit Eigentum des Auftraggebers. Wenn der Auftraggeber aus bestimmten Gründen die Protokolle nicht vorlegen will, dann können wir nicht so ohne weiteres durchgreifen. In der letzten Zeit sind jedoch keine Fälle mehr aufgetreten, bei denen die Einsicht der Protokolle verweigert wurde.

QUEIßER: Der TÜV ist den Bauherren gegenüber zu mehr Transparenz verpflichtet. Dann ist auch das Mißtrauen weg.

BÜCKER: Wir arbeiten daran. Wir erwägen, jedem Erwerber die Möglichkeit zu geben, seine Prüfprotokolle via Internet einzusehen. Die Baufirmen müssen dem aber zustimmen. In den neuen Verträgen ist schon fest geschrieben, dass wir es uns vorbehalten, zu jedem Zeitpunkt die Protokolle Bauherren offen zu legen. Aber wir alle hier am Tisch sind dazu aufgefordert, Bauherren auf ihre Rechte aufmerksam zu machen, ganz egal welche Institution die Bauüberwachung übernimmt

THIELEMANN: Ganz Ihrer Meinung. Aber auch wenn allen bewusst ist, wie wichtig externe Fremdüberwachung ist, es wird immer einen großen Teil von Bauträgern geben, die auf die Maßnahme einer Qualitätsprüfung verzichtet. Eine Bauüberwachung brächte ihr Konzept der Gewinnmaximierung ins Wanken. Ich sage nur Stichwort Versubbung von Bauaufträgen.

Wie bitte?

BÜCKER: Gemeint sind die in Deutschland katastrophalen Verhältnisse der Auftragsvergabe an Generalunternehmer, die wiederum eine ganze Kette von Subunternehmern beschäftigen. Ursache dafür sind der Marktdruck, der Preisdruck und der Termindruck. Das geht besonders von großen Bauherren aus, die öffentliche Hand nicht ausgenommen. Dadurch ist es kaum noch möglich, mit qualifiziertem Baupersonal zu arbeiten, besonders dann nicht, wenn sie dem deutschen Lohngefüge unterliegen. Zu diesen Konditionen sind markt- und wettbewerbsgerechte Leistungen überhaupt nicht mehr zu erbringen

THIELEMANN: Nicht nur auf der Ausführungsebene, sondern auch schon in der Planung gibt es diese Probleme. Die HOAI (Anm. d. Red.: Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) gibt es doch nur noch auf dem Papier. Bauträger und Lieferanten von Bauleistungen lassen ihre Objekte bestenfalls von ausländischen Architekten planen. So brauchen sie sich erst gar nicht an die in der HOAI festgelegte Entlohnung zu halten. Deutsche Architekten unterschreiben dann nur die fertigen Pläne. Das Ergebnis ist, dass die Mehrzahl der Planungen zu Dumping-Preisen erstellt werden. Die Auswirkungen auf die Planungsqualität sind nicht abzusehen. Die HOAI ist das Paradebeispiel, wie ein nationales Gesetz durch die Globalisierung völlig konterkariert wird.

QUEIßER: Im Bereich schlüsselfertigen Bauens ist es bereits so weit, dass Planung und Beschaffung von Bauanträgen mit pauschal 1800 Mark berechnet werden. Für dieses Geld soll die Statik berechnet, Konstruktionspläne und haustechnische Planung erstellt, ein Wärmepass ausgegeben und alle möglichen qualitativ definierten Bauteile eingeplant sein. Das geht nicht, also wird nach Hundertsteln von Bauantragsplänen gebaut, die nicht mal vermaßt sind. Zum Einsatz kommen Kopien der Konstruktionspläne von ganz anderen Projekten. Die Planer übertragen einfach die Zeichnung von einem Grundstück auf das Nächste.

Und daran ist der Gesetzgeber schuld, weil er kleine Bauten von der Prüfung ausgenommen hat? Dann hätte die Deregulierung also nicht die Baukosten gesenkt, sondern ganze Bauprojekte versenkt?

THIELEMANN: Korrekt.

Wie verhält es sich mit großen Bauunternehmen, sind sie davon ausgenommen? Herr Bücker, Sie waren doch bei der Walter Bau in leitender Stellung angestellt?

BÜCKER: Große Firmen sind denselben Wettbewerbsbedingungen ausgesetzt wie mittlere und kleine Unternehmen. In der Regel haben jedoch große Firmen ein eigenes Qualitätsmanagement nach ISO 9000. Bei anspruchsvolleren Auftraggebern wie der Deutschen Bahn, kann sich kein Bauträger solche Ungenauigkeiten leisten.

THIELEMANN: Das Land Berlin macht eine Ausnahme. Das Land will öffentliche Gebäude möglichst preiswert bauen. Für Baukontrollen, die ein zusätzlicher Kostenfaktor sind, ist kein Geld da. Die für Planung und Bauleitung Zuständigen werden in ihren Preisen gedrückt und die Terminnot spielt auch immer eine Rolle. Es sind viele Faktoren, die den Bauablauf beeinflussen, und man kann froh sein, wenn der Bau halbwegs mängelfrei fertiggestellt wird. Das Gespräch führten Nicole Schneider und Ralf Schönball.

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