Zeitung Heute : Kathedrale der Landwirtschaft

In Groß Behnitz betrieb die Berliner Industriellenfamilie Borsig ein Landgut Heute hat ein Investor große Pläne für das weitläufige Gelände

-

Auf dem Landgut der Borsigs traf sich der Kreisauer Kreis

Die Kulissen in dem Landgut unweit von Nauen sind unbedingt filmreif. Wenn man so durch die Ruinen wandelt, glaubt man fast noch die Dampfturbinen zu hören. Ganz einfach, sich vorzustellen, wie die so genannte Königswelle im Zentrum der alten Brennerei etliche Keilriemen antreibt, während dutzende Arbeiter schwer beladen über den Terrakotta-Fußboden und die knarzenden Holztreppen hasten.

Tatsächlich aber ist es still auf dem größten Teil des Landguts Groß Behnitz. Albert Borsig, der Sohn des Firmengründers August in Berlin, hatte die Ländereien 1866 in die A.-Borsig-Maschinenbauanstalt eingegliedert und bewirtschaftete sie mit Dampfpflügen und anderen Maschinen aus den Berliner Werken. Die Borsigs pflasterten die Dorfstraße, bauten eine Schule und einen Kindergarten und forsteten die Wälder auf. 1869 baute die Familie für ihr Gut sogar einen Bahnhof an der Strecke Berlin-Hannover. Später sollen auf dem Landgut auch Treffen des Kreisauer Kreises stattgefunden haben; Ernst von Borsig jr., ein Enkel von Albert, war Mitglied dieser Widerstandsgruppe gegen Hitler. Nachdem er 1945 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gestorben war, endete die Ära Borsig in Groß Behnitz. Das Gut wurde zur LPG.

Wo einst die Maschinen lärmten, liegt heute eine dicke Staubschicht auf dem Gemäuer. Spinnweben hängen – aber an anderer Stelle stapelt sich Baumaterial. Anderswo auf dem weitläufigen Gelände arbeiten schon Handwerker. Denkmal-Spezialisten restaurieren Gewölbedecken, sanieren Decken oder reinigen die alten Klinker. Herr über diese Mischung aus Idylle und Baustelle ist Michael Stober. Der Immobilienexperte hat das 12 000 Quadratmeter große Areal vor fünf Jahren ersteigert und sich an das Projekt seines Lebens gewagt. Für ihn ist das Gut eine „landwirtschaftliche Kathedrale, ein Ort der Magie mit einer eigenen Seele“, wie Stober schwärmt. Mit weit ausholenden Armbewegungen über das Gelände schlendernd, erklärt der Berliner, was er sich für die insgesamt sechs Backsteingebäude alles vorstellt: In dem fast fertigen Verwaltungsgebäude soll es gehobene Gastronomie und Hochzeiten geben. Ein Borsig-Museum mit Archiv habe in dem dreistöckigen Haus ebenso Platz. Schräg gegenüber, im so genannten Logierhaus, entstehen 25 Doppelzimmer für Übernachtungen. In dem ehemaligen Rinderstall will Stober eine Dampfbrauerei und ein weiteres Restaurant unterbringen. Darüber ein Festsaal, in dem bis zu 400 Leute Platz haben sollen. Folgt man den Visionen, so müsste wohl bald eine kleine pulsierende Stadt an der Landstraße stehen, die derzeit nur sehr wenige Fahrzeuge passieren. Denn auch für die Kornmühle, die Brennerei und die Stellmacherei hat Stober schon Pläne, etwa eine rustikale Weinstube im Gewölbekeller, eine Landbäckerei und ein Frischemarkt für regionale Erzeugnisse. Auf der Freifläche soll ein Wirtschaftshof mit Bühne und Biergarten entstehen.

Und auch mit dem See hat Stober etwas vor: Zwei venezianische Gondeln sollen Gäste übers Wasser schaukeln. „52 Events pro Jahr brauchen wir“, hat Stober kalkuliert. Er will Freiluftkonzerte, Oldtimer-Shows und Dampfspektakel etablieren. Schon im Herbst des kommenden Jahres soll das Gut neu eröffnet werden.

Bis dahin kann der Besucher, wenn alles so läuft, wie Michael Stober sich das vorstellt, eine Verwandlung erleben: Die eines vom Verfall bedrohten und gleichwohl ungemein reizvollen Areals zu einer einzigartigen Kulisse deutscher Industrie- und Landwirtschaftsgeschichte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar