Katholische Kirche : Wer ist Reinhard Marx?

Im Sozialen ist er verbindlich, im Glauben bleibt er hart. Er weiß, was ankommt in Rom. Vielleicht wird er jetzt neuer deutscher Chefbischof.

Martin Gehlen
Marx
Wer ist Reinhard Marx?Foto: ddp

Welche Vorstellung von Kirche hat der neue Münchener Erzbischof?



Sein Leben und das Leben der Kirche gehören für ihn untrennbar zusammen. „Man muss uns die Freude am Glauben wieder ansehen“, fordert der 54-Jährige, der gerne eine kräftige Zigarre raucht und ein gutes Glas Wein genießt. Der verbreitete innerkirchliche Griesgram geht ihm auf die Nerven. Er selbst strahlt Lebensfreude aus und versteht sich als „Muntermacher im Glauben“. Klerikale Attitüden sind ihm fremd, er lacht gerne und kann auf Leute zugehen. „Habt Mut, kommt aus euren katholischen Mauselöchern, macht euch auf die Socken“, rief Reinhard Marx nach der Ernennung zum Erzbischof von München via „Bild“-Zeitung seinen neuen Gläubigen zu. Man könne doch nicht andere für den Glauben begeistern mit dem Slogan „Kommt mit auf mein sinkendes Schiff“.

Marx lebt, was er sagt. Das prominente Vereinsmitglied von Borussia Dortmund bewegt sich auf Bankenkongressen genauso unverkrampft wie in einer Suppenküche der Caritas. Und er ist nie um eine griffige Antwort verlegen, wenn es darum geht, die Rolle der Kirche in Gesellschaft und Politik zu definieren. „Wer heute mit dem Zeitgeist verheiratet ist, der ist morgen Witwer“, gehört zu seinen Standardbonmots. Christen müssten das Salz in der Suppe der Gesellschaft sein, lautet sein Credo, sie sollen sich einmischen – und nicht verzagt unter ihresgleichen verharren.

Die Kirche muss ihre althergebrachten Strukturen reformieren und sich – wie er gerne neudeutsch sagt – neu aufstellen. Wie das in seinen Augen aussieht, hat Marx in Trier bereits vorgemacht. Dem Bistum hat er eine Radikalkur verordnet, um den extremer werdenden Priestermangel aufzufangen. Die Zahl der Pfarreien soll in den nächsten Jahren von 389 auf 173 verringert werden, eine Ziffer, die sich an der voraussichtlich bis 2020 einsetzbaren Zahl der Priester orientiert. Teilweise entstehen jetzt Supergemeinden mit bis zu 20 000 Katholiken. Laien beklagen aber, dass sich die Umkrempelung des Bistums vor allem an der Zahl der Priester orientiert und sie selbst in der Gemeindearbeit in den Hintergrund gedrängt werden. So wurden die Wortgottesdienste reduziert, um den „Wert der Eucharistiefeier“ zu stärken. Laientheologen sollen künftig weniger in der Gemeindeseelsorge arbeiten und dafür mehr in Krankenhäusern, Schulen, Gefängnissen und in der Jugendarbeit. Aus der Sicht von Marx dient das dazu, das Berufsprofil des Pastoralreferenten zu schärfen. Die Betroffenen hingegen sehen in den Reformen eher eine Klerikalisierung der Pfarrarbeit.

Was ist Marx wichtig?

Es fällt ihm schwer, „die Klappe zu halten“ – vor allem, wenn es um soziale und politische Themen geht: Die Erhöhung von Vorstandsgehältern in Zeiten von Entlassungen und Werksschließungen nannte er „dreist und maßlos“. Den Irakkrieg hielt er von Anfang an für „völkerrechtswidrig und nicht gerechtfertigt“. Und die Kollekte bei seiner Amtseinführung in München bestimmte er für die Seelsorge mit straffällig gewordenen Jugendlichen – ein demonstrativer Kontrapunkt zur aufgeheizten Debatte über Jugendkriminalität, die der hessische Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) vor der Landtagswahl losgetreten hatte.

Seine Leidenschaft gilt der christlichen Soziallehre und ihren Zentralbegriffen Solidarität und Subsidiarität: Die beiden großen kirchlichen Sozialschreiben der letzten zehn Jahre hat Marx mit verfasst – im Jahr 1997 „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“, das mit zum Sturz der christdemokratisch geführten Regierung von Helmut Kohl beitrug. Und 2003 das Bischofswort „Das Soziale neu denken“, einen Text, der die Verantwortung des Einzelnen stärker akzentuiert, was Marx den Titel „Neosozialer“ eingebracht hat. „Ich halte es nicht für unsittlich, wenn man von einem Sozialhilfeempfänger Leistungen erwartet und diese einfordert“, verteidigte er sich damals gegenüber seinen innerkirchlichen Kritikern.

Auch im Verhältnis zum Islam sieht Marx in den eigenen Reihen Korrekturbedarf. Den Beitritt der Türkei in die Europäische Union kann er sich durchaus vorstellen. „Ich habe keine Islam-Phobie“, sagt er, der in seiner Zeit als Professor öfters mit Studentengruppen in den Orient gereist ist. Gelegentlich, wie jüngst auf der Bischofsreise nach Israel und in die palästinensischen Gebiete, lässt sich der passionierte Raucher in einem arabischen Restaurant auch mal eine Wasserpfeife kommen. Man könne nicht sagen, dass ein islamisches Land prinzipiell keinen Platz in Europa hat, argumentiert er. „Wir haben Millionen Muslime in der Bundesrepublik, darunter eine wachsende Zahl von Staatsbürgern. Den Islam für uneuropäisch, für europaunfähig zu erklären – das hieße doch, diesen Menschen gewissermaßen ihr europäisches Bürgerrecht zu bestreiten. Das geht nicht an.“ Muslime haben in seinen Augen wie die Christen ein vom Grundgesetz verbrieftes Recht, ihre Religion zu leben, bekräftigt er, der – wie er erzählt – auf seinen Reisen auch schon zusammen mit Muslimen gebetet hat.

Entsprechend gelassen sieht er die erbitterten Kontroversen wie in Köln um Moscheeneubauten und die Höhe von Minaretten. Für ihn sind das keine Grundsatzthemen – für ihn ist das allein „eine Frage der Ästhetik und der Bauordnung“. Und den deutschen Kritikern bescheinigt er kühl, man könne Muslimen nicht einfach sagen, nun seid ihr hier, aber bleibt bitte im Schatten. „Wir können uns nicht einen Islam suchen oder backen, wie er uns gefällt, modern, liberal, emanzipiert.“

Wie ist sein Verhältnis zum Papst?

Reinhard Marx ist ehrgeizig und weiß, was ankommt. Als der heutige Papst 2003 in seiner Eigenschaft als Chef der Glaubenskongregation nach Trier kam und am Liturgischen Institut über die Wiedereinführung der Messe nach altem Ritus redete, spendierte Marx seinem Gast aus Rom anschließend einen original bayerischen Abend mit Weißwurst und Leberkäse. Der Papst aus Marktl am Inn soll davon noch lange Zeit in seinem vatikanischen Exil geschwärmt haben. Zum zweiten Mal sahen sich die beiden dann unter vier Augen Ende Januar – wenige Tage vor der Amtseinführung von Marx im Münchner Liebfrauendom, dessen Hausherr von 1977 bis 1982 auch Benedikt XVI. gewesen ist.

Marx ist kein Römling, hat nicht in der Ewigen Stadt studiert, was normalerweise Voraussetzung ist für hohe und höchste Karrierestufen. Trotzdem kommt er gut an im Vatikan. Denn so locker und gewinnend im Umgang, in Glaubensfragen mag er keine Schwammigkeit, sondern steht im Zweifel für die harte Linie – und das durchaus nach beiden Seiten. So stoppte er im Bistum Trier ultrakonservative Katholiken, die forderten, angebliche Marienerscheinungen im saarländischen Marpingen offiziell anzuerkennen. Der Tübinger Ethikprofessorin Regina Ammicht Quinn hingegen verweigerte er die bischöfliche Zustimmung für ihre Berufung auf den Lehrstuhl an die Universität des Saarlands in Saarbrücken. Die Theologin erfuhr davon aus der Zeitung, ihre Bitte um Akteneinsicht blieb unbeantwortet, Gespräche im Vorfeld der Entscheidung habe es nicht gegeben, sagt sie. Und als der Saarbrücker Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl am Rande des Ersten Ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin evangelische Christen zur Kommunion einlud, suspendierte Marx ihn von seinem Priesteramt. 2006 entzog er dem streitbaren Theologen dann auch noch die kirchliche Lehrerlaubnis.

Wie stehen seine Aussichten, neuer Vorsitzender der Bischofskonferenz zu werden - und wie würde er die Katholische Kirche prägen?

Ein geschliffener Theologe wie der scheidende Vorsitzende Kardinal Karl Lehmann ist Reinhard Marx nicht. Ihm liegt mehr das Konkrete, Fassbare, Lebensnahe. Von ihm sind keine differenzierenden, bisweilen quälend sorgfältigen Reflexionen zu spezifischen theologischen Fragen zu erwarten, wie Lehmann sie immer wieder zu nächtlicher Stunde erarbeitet hat. Er punktet mehr durch Bodenständigkeit und Volksnähe. Nach Lehmann ist der mediengewandte Marx der am häufigsten zitierte deutsche Oberhirte. In aktuellen gesellschaftlichen Debatten liebt er klare Aussagen, agiert aber gleichzeitig diskussionsfreudig, pragmatisch und nüchtern. Das kommt in allen politischen Lagern gut an, wo er als kompetenter Gesprächspartner geschätzt wird. Ob er nächsten Dienstag in Würzburg das Amt des Vorsitzenden anstrebt, ließ er bisher offen. Marx ist heute kaum älter, als es Karl Lehmann 1987 bei Amtsantritt war. Auch gehört das Münchner Erzbistum mit einem Jahresetat von 414 Millionen Euro und 15 000 Angestellten zu den katholischen Schwergewichten in Deutschland. Zwar muss Marx sich erst in sein neues Amt einleben und dort zurechtfinden, der Posten als Chefbischof käme darum ein wenig früh. Aber viele Insider denken, dass die Bischofskonferenz eine jüngere, durchsetzungsstarke und mediengewandte Persönlichkeit braucht, die den Generationswechsel nach innen und das Gesicht der katholischen Kirche nach außen überzeugend verkörpern kann. „Zu meinen Aufgaben gehört es, dass ich mich bemerkbar mache“, sagte Marx beim Abschied in Trier. „Ein Bischof, der schweigt, hat seinen Beruf verfehlt.“

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