Zeitung Heute : Katzen im Scheinwerferlicht

Claus-Dieter Steyer

Im Videoclip machen beide eine gute Figur: Sabrina Setlur und der schwarze Panther. Doch die Raubkatze stammt nicht etwa aus Afrika oder Asien, wie die Bilder mit der Pop-Sängerin vermuten lassen, sondern aus dem ganz und gar nicht exotischen Brandenburg. In Sieversdorf bei Neustadt/Dosse teilt der faszinierende Leopard sein Zuhause mit 155 Tieren unterschiedlichster Arten. Selten sind jedoch alle Tiger, Katzen, Hunde, Pumas, Papageien, Schweine oder Reptilien gemeinsam anwesend. Sie befinden sich entweder auf Drehterminen irgendwo in Europa oder beim Auftritt im Filmpark Babelsberg. Hier kann jeder die Talente und einstudierten Kunststücke der Vierbeiner und des Federviehs aus nächster Nähe bewundern. Die Filmtierschule Harsch gehört zu den beliebtesten "Sehenswürdigkeiten" im Babelsberger Filmpark.

Der Chef Gerhard Harsch begrüßt den Gast mit einem jungen Wolfshund auf dem Arm. "Er stammt aus einer Züchtung und ist gerade zehn Wochen alt", erzählt der Fachmann. "Zu Ostern wird er seinen ersten Auftritt vor Publikum haben und sicher sofort zum Liebling aller Zuschauer werden." Die erkennen vielleicht einige aus Fernseh- und Kinofilmen bekannte Tiere. Populäre Serien wie "Forsthaus Falkenau" oder "Unser Charlie" nutzen das Tierschul-Angebot ebenso wie viele Werbespotproduzenten oder Fotografen.

Während der Schau in Babelsberg erfährt der Besucher neben manch einer Anekdote überraschende Tricks und Geheimnisse. Der Drehbuchschreiber eines Krimis stellte sich beispielsweise für eine Szene eine hartnäckig um die Beine des Einbrechers schleichende Katze vor. "In fremder Umgebung und im Trubel des Filmteams klappt das mitunter nicht sofort", erzählt Gerhard Harsch. "Da fungiere ich eben als Double, zumindest mit meinen Beinen." Auch so genannte Todesszenen, in denen sich das Tier nicht bewegen soll, sind im Scheinwerferlicht nicht ganz leicht zu bewerkstelligen. "Auch da sind entweder meine Frau Astrid oder ich beim Dreh dabei."

Die im Filmpark zu erlebenden Tiere stammen meist aus Zoos. Dort galten sie als "überzählige" Exemplare. Besonders freut sich der Chef über Tierbabys, die aus irgendeinem Grund nicht von der Mutter angenommen werden. Sie wachsen dann oft mit der Flasche auf und gewöhnen sich daher leicht an den Pflegevater oder die Pflegemutter. Ein so gezähmtes Tier höre auch im größten Gedränge auf ihn und schaffe die unmöglichsten Aufgaben, erzählt Harsch stolz. Seine Mischlingshündin kehrte gerade von einem Dreh mit Martin Semmelrogge zurück. Sie spielt die Hauptrolle in einem Kinderfilm.

Nach so einer Show im Filmpark kommen Tierbesitzer nicht selten auf die Idee, die Kunststücke mit ihren Lieblingen selbst auszuprobieren. Wer sich danach traut, sie in einem öffentlichen Casting vorzuführen, sollte sich den 4. Mai merken. Gemeinsam mit der Filmtieragentur Walter Simbeck sucht Gerhard Harsch an diesem Tag neue tierische Talente. Jeder Gast kann seinen Vierbeiner oder sein Federvieh vor Publikum vorstellen. Gefragt sind ungewöhnliche Begabungen, eine schnelle Reaktion auf Kommandos und eine ausgeprägte Lernfähigkeit. Als Lohn winkt der Eintrag in den Katalog der Tieragentur, die zuletzt an Produktionen wie "Asterix und Obelix", "Forsthaus Falkenau", "Tierarzt Dr. Engel", "Die Wache" oder der Tatort-Reihe beteiligt war. Anmeldungen für das Tiercasting sind bis zum 4. April möglich.

Im Unterschied zu den Tiernummern wollen die anderen Programme auf dem 90-jährigen Studiogelände in erster Linie Illusionen verkaufen. So kann der Besucher in diesem Jahr durchs legendäre Bernsteinzimmer laufen. Eine Trickkamera macht es möglich. "Ab Pfingsten stellen wir ein Modell mit ausgetüftelter Spezialtechnik auf", erklärt der 78-jährige Kameramann Erich Günther. "Sie werden sich im Glanz der Edelsteine spiegeln können", verspricht er. Anders seien viele monumentale Ufa-Filme auch nicht entstanden. Die Original- Kulissen des Streifens "Metropolis" beweisen es.

Die Akteure der Mantel- und Degenschau sind echt. Sie duellieren sich nach allen Regeln der Kunst und stürzen sich schon mal halsbrecherisch von Dächern. Im Juli und August müssen die Helden des Mittelalters ihre Bühne mit Berliner Schauspielern teilen. An zehn Sommerabenden spielen sie den ersten Teil von Goethes Faust - in zwei Stunden freilich stark verkürzt.

An Kontrastprogramm mangelt es nicht. Täglich knallt und blitzt es in der Stuntshow im künstlichen Vulkan, geht das U-Boot "Boomer" auf simulierten Tauchgang oder starten die Boote durch Janoschs Traumland. Junge Gäste drücken sich derweil an den Scheiben des Trickfilmstudios vom Sandmann die Nasen platt. Das könnte ab Mai auch in der "Ton West", einer der vier schallsicheren Aufnahmehallen, passieren. "90 Jahre Film in Babelsberg", heißt das Motto der Show. 1912 entstand in den Studios der erste Film "Der Totentanz" mit Asta Nielsen. Erstmals öffnen sich die Tore zum "Tonkreuz", in dem 1929 die Ära der Stummfilme endete.

Nicht mehr Action um jeden Preis, sondern Konzentration auf die Leinwand-Illusionen könnte das Motto in diesem Jahr heißen. Das geschah nicht ganz freiwillig, wie Geschäftsführer René van der Putten einräumt. "Wir können mit unserer sieben Hektar großen Fläche nicht mit Warner Brothers in Bottrop konkurrieren", sagt er. Klein, aber fein, wolle Babelsberg sein. Das kleiner gewordene Budget reicht immerhin noch für eine "lange Filmnacht" am 20. Juli und ein Stuntshow-Spektakel mit waghalsigen Szenen aus Film und Fernsehen.

Auch Schauspieler geben ab und zu ein Gastspiel. Die Fan-Gemeinde der Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" trifft einige ihrer Stars jeden Montag zwischen 13 und 15 Uhr in "Daniels Bar" zur Autogrammstunde. Wer weniger auf Liebe, Schmerz, Intrigen und Leidenschaft steht, lenkt seine Schritte zum Showscan-Actionkino. Vier Streifen stehen hier inzwischen zur Auswahl, bei denen die Zuschauer in ihren Sitzen kräftig durchgerüttelt werden.

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