Zeitung Heute : Kaufen und Ausgehen

Am Winterfeldtplatz gibt es nicht nur den Wochenmarkt, sondern auch Szenelokale und Läden

Oliver Marquart

„Der Reiz des Winterfeldtplatzes liegt in seiner Widersprüchlichkeit“, findet Heiner Klinger. 1979 übernahm er zusammen mit seiner Wohngemeinschaft eine Kneipe und machte daraus das „Slumberland“. In dem Schöneberger Kiez „gab es sonst nichts, die Kneipenszene war vor allem in Kreuzberg“, sagt Klinger. Zwar hatte der Platz in den 20er Jahren in das von der Kunst- und Bohèmeszene geprägte Gebiet um den Nollendorfplatz gehört, aber nach dem Krieg blieb davon wenig übrig.

Als Anfang der 80er Jahre einige Häuser besetzt wurden, zog dies ein buntes, allerdings nicht immer pflegeleichtes Publikum an. Es kam oft zu Straßenschlachten mit der Polizei. „Manche gingen mit meinen Stühlen auf die Beamten los, mit denen ich dann Ärger bekam“, sagt Klinger.

Damals zog auch Sabine Schmidt vom „Café M“ hierher. Auf dem Platz habe sie zum ersten Mal Tränengas abbekommen, erzählt die Wirtin. „Damals war das nur ein Schlammplatz. Erst mit den Hausbesetzern kamen Flair und eine Kneipenkultur.“ Auch das Café M entstand aus diesem Milieu heraus.

Doch die wilden Zeiten sind vorbei. Nach der Wende wanderte ein Großteil des alternativen Milieus in östliche Bezirke ab. Das Ambiente wurde schicker, die Mieten stiegen. Heute locken die Cafés auch Touristen an.

Die Geschäftsstrukturen haben sich geändert. Schon seit 17 Jahren betreibt Elisabeth Breitenmoser ihr Second-Hand-Geschäft „Razzo“. Früher habe es viele Trödelläden gegeben, sagt sie, diese seien aber fast alle verschwunden. Nur die Antiquariate in der Winterfeldtstraße haben überdauert und dominieren seit Mitte der 70er Jahre das Bild der Straße. Die meisten Kunden seien „über 30 und eher unauffällig, also mehr Sein als Schein“, sagt Marianne Ernd, die im 1983 eröffneten Antiquariat von Rolf und Monika Ihrling arbeitet.

Geblieben sind auch die Szenecafés der Schwulen. Schon seit den 60er Jahren prägen sie den Kiez mit – vor allem das Nachtleben. Einen anderen Beitrag zur kulturellen Vielfalt bieten die vielen indischen Restaurants.

1890 war der Winterfeldtplatz als Markt-Standort entstanden; benannt ist er nach einem preußischen Oberst. Auf dem Wochenmarkt neben der St.-Matthias-Kirche drängen sich die Besucher mittwochs (8 bis 14 Uhr) und vor allem sonnabends (bis 16 Uhr) zwischen den Ständen.

Von den dort angebotenen Lebensmitteln stammen viele aus dem Umland. So verkauft der Biobauer Christian Lindner vor allem Waren aus seinem Hof in Lietzow: Wurst, Käse und eingelegtes Gemüse. Lindners Stammkundin Alexandra Döbler findet den Markt sonnabends „total überfüllt“, vor allem Touristen würden diesen „überrennen“. Trotzdem sei es der schönste Berliner Markt. „Das ist nicht nur Einkaufen, sondern Sehen und Gesehen-Werden.“

Slumberland-Wirt Klinger fühlt sich mitunter wie im Dorf: „Manchmal kommen die Leute im Schlafanzug zum Bäcker. Hier mischt sich einfach vieles.“ Sabine Schmidt vom Café M blickt optimistisch in die Zukunft: „Viele, die weggezogen waren, kommen jetzt wieder zurück.“

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