Zeitung Heute : Kaufen und verschnaufen

Bereits zum zehnten Mal werden Tausende Besucher in der Sonnabendnacht rund um den Breitscheidplatz zum nächtlichen Shopping erwartet

Waltraud Hennig-Krebs

„Lange Nächte“ gibt es mittlerweile recht zahlreich. Doch die „Lange Nacht des Shoppings“ wird in dieser Größenordnung in Deutschland nur in Berlin geboten. Diese Mischung aus Einkaufen und Amüsieren bis Mitternacht in der City-West rund um das Europa-Center findet am kommenden Sonnabend nun bereits zum zehnten Mal statt. Das nächtliche Einkaufserlebnis, Teil eines mehrtägigen Straßenfestes, hat sich kontinuierlich zur Großveranstaltung gemausert. Auch in diesem Jahr erwarten der Organisator Tommy Erbe und sein Werbeteam erneut mehr als 500 000 Besucher. Viele der etwa 350 beteiligten Anlieger locken wieder mit hauseigenen Sonderprogrammen, wie beispielsweise das Europa-Center, das sich anlässlich seines 40-jährigen Bestehens etwas Besonderes hat einfallen lassen: Es verschenkt 10 000 Einkaufstüten mit Glücksnummern für ein Gewinnspiel. Dem Sieger oder der Siegerin winkt unter anderem eine Woche New York mit Besuch des Rockefeller Centers, das dem Erbauer vom Europa- Center, Karl Heinz Pepper, als Vorbild diente. Auch das Flaggschiff der Einkaufsmeile, das KaDeWe, öffnet den nächtlichen Bummlern seine Pforten und bietet Musik, Märchengestalten, Stelzenläufer und Zaubereien.

Als Tommy Erbe und sein Team im Oktober 2000 zur ersten langen Nacht einluden, gehörten sie zu den Pionieren. Inspiriert von der „Langen Nacht der Museen“, die Tausende von Besuchern anlockte und bereits ein Selbstläufer war, wählte er das ähnlich klingende Motto aus. Ihm war klar, dass auch er einen besonderen Anreiz bieten musste. So lautete seine Botschaft: Kunst und Kultur mit Shopping rund um die Uhr. Das ist ihm damals wie heute gelungen. Voraussetzung für eine Sondergenehmigung zu einer Shopping-Nacht ist ein Straßenfest oder Jahrmarkt. Was diesen Teil der Gesamtveranstaltung betrifft, so hat Tommy Erbe von Anfang an eine klare Linie vertreten: Das Begleitprogramm soll ein gewisses Niveau haben, Ramschbuden werden nicht zugelassen. Und so wird den Kaufwütigen der Nacht nicht nur das geboten, was man für Geld in Einkaufstüten nach Haus tragen kann, sondern auch Unterhaltung.

Begonnen hat alles – für heutige Verhältnisse – eher bescheiden. Etwa 100 Händler im und am Europa-Center beteiligten sich am ersten Einkaufserlebnis zur Geisterstunde. Ausgewählt für die außergewöhnliche Aktion, bei der die Händler ein Zeichen gegen das Ladenschlussgesetz setzen wollten, wurde die Nacht, in der die Uhren von der Sommer- auf die Winterzeit umgestellt wurden. Doch diese als Demonstration gedachte Veranstaltung stand weder damals noch heute bei den Flaneuren und Kunden im Mittelpunkt des nächtlichen Trubels. Sie wollen offensichtlich Einkaufen nicht als etwas Alltägliches erleben, sondern als ein Freizeitvergnügen.

Und so verwandelt sich zwei Mal im Jahr, am letzten Sonntag im März und im Oktober zur Zeitumstellung, die City West rund ums Europa-Center zur Shoppingmeile. Doch keine Regel ohne Ausnahme: In diesem Jahr sowie zur 9. Nacht im Herbst vergangenen Jahres wurde der Termin wegen Bauarbeiten verschoben. Unfreiwillig dagegen war die kurzfristige Verlegung des Shopping-Events als Teil eines Jahrmarktes im Schatten der Gedächtniskirche im Frühjahr 2002. Was war geschehen? An jenem Ostersonntag wurden – wie auch in diesem Jahr – die Uhren umgestellt, also hätte es analog der vergangenen langen Nächte wieder heißen sollen: Flanieren, einkaufen und feiern bis nach Mitternacht. Doch da machte die evangelische Kirche nicht mit. Es kam zu einem Eklat mit dem Organisator, bei dem Standpunkte aufeinander prallten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Denn betroffen war nicht nur Ostern, das Fest der Christen, sondern auch der Karfreitag, der höchste Feiertag der Protestanten. Kirche und Kommerz – das ließ sich nicht vereinen. Der Bezirk zog die Genehmigung für diesen Termin zurück. Doch das tat der Veranstaltung am darauf folgenden Wochenende keinen Abbruch. Der Andrang war so groß, dass die Passanten teilweise zum Laufen auf die Busspur auswichen. Auch der Einzelhandel war voll des Lobes über seine Umsatzsteigerungen. Und beim Unterhaltungsprogramm auf den Freiluftbühnen, wo unter anderem Musical-Stars aus dem Theater des Westens auftraten und zu einem Karaoke-Wettbewerb animierten, amüsierten sich Tausende von Besuchern.

Gar nicht amüsant dagegen war im Herbst desselben Jahres die Situation für das Warenhaus Wertheim, das sich das erste Mal an diesem Einkaufsevent beteiligte. Das Haus war voll, und die Kassen drohten leer zu bleiben. Denn für kurze Zeit streikte deren Elektronik, der möglicherweise die außerplanmäßige „Arbeitszeit“ nicht passte. Doch die Kauflustigen ließen sich von solch kleiner Panne nicht abschrecken. Man hatte ja Zeit. Der Höhepunkt war jedoch ein Feuerwerk, das um Mitternacht auf dem Dach des Europa Centers abgebrannt wurde. Das ließen sich trotz des regnerischen Wetters die vielen Besucher nicht entgehen.

Die bislang spektakulärste Darbietung war eine Modenschau im Frühjahr vor zwei Jahren: Nur mit einer speziellen Halterung um die Hüfte gesichert, liefen und tanzten zwölf Models beim „Vertical Catwalk“ die zwölf Meter hohe Wand der Esprit-Filiale hinunter: Pumps und Stilettos wurden gegen sportliches Schuhwerk getauscht und die neuen Sommermodelle in einer Dance-Choreografie auf dem vertikalen Laufsteg präsentiert. Es war sowohl für die Models als auch für die begeisterten Zuschauer eine ungewöhnliche Perspektive.

Eine besondere Kulisse bot auch alljährlich das Zoo-Aquarium, das mit seinen Veranstaltungen zwischen Fischen und Wasserpflanzen vom Besucheransturm in der City stets partizipieren konnte und sicher auch in diesem Jahr wieder viele Gäste anlocken wird, die sich dieses exklusive nächtliche Erlebnis nicht entgehen lassen werden.

Warum so viele Menschen es lieben, nachts die Dinge einzukaufen, die sie auch tagsüber erstehen können, lässt sich vermutlich nicht erschöpfend erklären. Eines scheint jedoch festzustehen: Die „Lange Nacht des Shoppings“ ist in ihrer Besonderheit nicht nur ein wichtiges Marketinginstrument für den Einzelhandel, sondern auch für die Stadt.

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