Kaukasus-Experte : "Städte wie Moskau sind weiche Ziele"

Herr Schröder, zwei Selbstmordattentate im Abstand von 40 Minuten in voll besetzten Moskauer Metro-Zügen. Kehrt der Terror nach Europa zurück?

Die Anschläge von Moskau gehen vermutlich auf das Konto nordkaukasischer Separatisten. Bei dem Konflikt in dieser Region, der mit Russlands Krieg in Tschetschenien 1994 begonnen hat und inzwischen auf die Nachbarrepubliken übergeschwappt ist, geht es aber nicht um Islamismus, zumindest nicht ausschließlich. Das ist eine ganz schwierige Gemengelage aus Separatismus, Klan-Kämpfen und Kriminalität.

Es war der erste schwere Anschlag in Moskau seit 2004. Wird der Konflikt nun wieder schärfer?

Im Nordkaukasus gibt es nahezu täglich Anschläge und Gefechte. Dort herrscht eine instabile Situation, die an Krieg grenzt, ein unterschwelliger Krieg. Aber das wird bei uns nicht wahrgenommen. Seit 2004 haben sich die Anschläge auf die Region beschränkt. Es kann sein, dass diese Attentate nun einen Strategiewechsel ankündigen und der Krieg nach Moskau zurückschlägt. Ob es wirklich nordkaukasische Separatisten waren, ist aber noch nicht klar.

Drohungen gab es ja immer wieder, den Konflikt auf ganz Russland auszudehnen und das Land mit Anschlägen zu überziehen. Sind die Separatisten dazu in der Lage?

Theoretisch sind sie das. Den Sprengstoff und die Leute, die sie dafür bräuchten, haben sie. Und Städte wie Moskau sind weiche Ziele, die den Attentätern auch eine viel größere Öffentlichkeit garantieren.

Besteht die Gefahr, dass der Konflikt auch über Russland hinausgetragen wird, um noch höhere Aufmerksamkeit zu erreichen?

Nein. Es gibt keinen internationalen Terrorismus in diesem Bereich. Meiner Ansicht nach gibt es generell keinen internationalen Terrorismus, sondern nur einen regionalen, der ausstrahlt und sich zugegebenermaßen international vernetzt.

Offenbar wurden die Selbstmordanschläge in Moskau von zwei Frauen verübt. Was sagt uns das?

Das ist nicht ganz neu. Bei früheren Anschlägen waren ebenfalls bereits Frauen beteiligt, auch Selbstmordattentäterinnen gab es schon. So waren bei den Geiselnahmen im Moskauer Dubrowka-Theater auch Frauen unter den Angreifern. 15 Jahre Krieg in Tschetschenien hinterlassen ihre Spuren. Vor allem, wenn dieser so massiv geführt wird wie im Nordkaukasus, mit Folter, Entführungen und Vergewaltigungen auf beiden Seiten. Da haben offenbar gerade auch Frauen ein starkes Motiv, sich zu rächen. Vor fünf Jahren gab es eine Untersuchung zu diesen „schwarzen Witwen“. Darin wurde auch aufgezeigt, wie diese im tschetschenischen Untergrund geschult werden.

Foto: promo
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-Hans-Henning Schröder ist Kaukasusexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Die Fragen stellte Juliane Schäuble.

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