Zeitung Heute : Kaum ein Kunde fliegt auf Schönefeld

Der Tagesspiegel

Von Rainer W. During

Gegenwind für die Flughafengesellschaft: Die großen Reiseveranstalter sträuben sich gegen die neue Initiative des Airport-Chefs Götz Herberg, den Ferienflugverkehr komplett von Tegel nach Schönefeld zu verlagern. Obwohl Schönefeld viele Vorzüge bietet, liegt Tegel in der Gunst der Passagiere nach wie vor vorn, argumentieren die Touristik-Konzerne. Dennoch ist man bei der Flughafen-Holding optimistisch, den Umzug bis 2003 zu erreichen und Tegel so zu entlasten.

Versuche, den Flugtourismus in Schönefeld zu bündeln, waren in der Vergangenheit wiederholt gescheitert. 1998 plante das zuerst für den Bau des neuen Flughafens Berlin Brandenburg International (BBI) ausgewählte Hochtief-Konsortium hier sogar für einen dreistelligen Millionenbetrag den Bau eines „Fly and Fun“-Terminals.

Während sich Tegel mit rund zehn Millionen Jahrespassagieren der Kapazitätsgrenze nähert, ist Schönefeld mit knapp zwei Millionen Reisenden noch nicht einmal zur Hälfte ausgelastet. Auch kann in Schönefeld rund um die Uhr gestartet werden. Nachtflüge, so hat man bei der Konkurrenz in Leipzig festgestellt, erfreuen sich im Touristikbereich zunehmender Beliebtheit und ermöglichen Airlines eine höhere Nutzung ihrer Flugzeuge.

Die Entscheidung treffen die Veranstalter und die richten sich nach den Wünschen der Kunden, heißt es bei den Fluggesellschaften. Besonders die ehemaligen West-Berliner bevorzugen nach wie vor Tegel. „Die Wahl des Flughafens ist regional bedingt, da kann man einen Strich quer durch die Stadt ziehen“, sagt Wolfgang Nordwig, Geschäftsführer des Berliner Flug-Rings. „Wir richten uns nach den Kundenwünschen, bestimmte Ziele lassen sich ab Schönefeld nicht verkaufen“.

Ohnehin sind die Grenzen zwischen Charter- und Linienflugverkehr längst verwischt, fast alle Ferienfluggesellschaften bieten auch Einzelplatzverkauf an. Bei den Spanienflügen der Air Berlin beträgt dessen Anteil 50 Prozent, so Firmensprecher Peter Hauptvogel. „Das sind überwiegend Besitzer von Ferienhäusern oder -wohnungen, die im ehemaligen Westteil Berlins wohnen und von Tegel starten wollen“.

Preisgünstige Zielgebiete wie Tunesien und Bulgarien sind ab Schönefeld gefragt, hat Wolfgang Nordwig festgestellt. Destinationen wie Marokko ließen sich dort dagegen nicht verkaufen und auch das Angebot zu den Kanarischen Inseln hat man auf Tegel konzentriert. „Wir können uns überhaupt nicht vorstellen, alle Charterflüge künftig in Schönefeld starten zu lassen“, sagt auch Robin Zimmermann von TUI. „Wir würden gegen die Wünsche unserer Urlaubsgäste verstoßen, die Nachfrage geht klar nach Tegel“. Hier starten rund 70 Prozent aller Berliner TUI-Flüge, „mit steigender Tendenz“, wie Zimmermann betont.

„Wir möchten weiter die Option Tegel behalten, um auf die Nachfrage und die Wettbewerbssituation reagieren zu können“, erklärt Boris Ogursky von der Thomas Cook AG (Neckermann). Die konzerneigene Fluglinie Condor wickelt indessen bereits 80 Prozent ihrer Berlin-Flüge in Schönefeld ab. Hier hat ihre Kurzstrecken-Tochter die Heimatbasis, hier starten Langstreckenflüge in die Karibik und nach Thailand. Auch LTU düst ab Schönefeld in die Dominikanische Republik, African Safari nach Kenia und Air Transat im Sommer wieder nach Kanada.

Bei der Holding hat man reagiert und bietet Reisenden zu außereuropäischen Zielen eine kostenlose Kundenkarte für die Nutzung von Vielfliegerlounge und Besucherterrasse. Außerdem gibt es deutliche Nachlässe bei den Parkgebühren. „Für eine stärkere Akzeptanz von Schönefeld fehlt es bisher an Anreizen“, findet dennoch Wolfgang Nordwig. Und Peter Hauptvogel bemängelt die Entfernung zwischen Bahnhof und Terminal sowie die unzulängliche Straßenanbindung.

Zum Umzug zwingen kann man keine Airline, so Gerhard Lammers, stellvertretender Leiter der Landesluftfahrtbehörde. Nur wenn es gelingt, wirklich alle Ferienflieger zu einem Umzug zu bewegen, hat die Initiative der Holding eine Chance, betont Germania-Geschäftsführer Mustafa Muscati. Für die Airlines dürften dabei keine Kosten entstehen, so Asger Schubert von Aero Lloyd. Vorsorglich hat man der BBF einen Forderungskatalog übergeben. Die Bedingungen in Schönefeld müssen so attraktiv sein, dass man den Kunden den Flug ab hier „15 oder 25 Euro pro Person“ billiger anbieten kann, fordert Peter Hauptvogel.

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