Zeitung Heute : Kaum Mieter im von Aldo Rossi entworfenen Gebäudekomplex in der Schützenstraße in Mitte

Harald Olkus

Eine tiefrote Häuserfassade leuchtet im Licht der schräg einfallenden Sonnenstrahlen. Direkt daneben knallt dem Betrachter ein schreiend grünes Haus ins Auge, dazu gelb abgesetze Dachgeschosse und mit Zinkblechen verkleidete Dachgaubenreihen, die mehr an Paris als an Berlin erinnern. Zwischen alldem fällt ein Gebäude in fast unschuldigem Hellblau beinahe aus dem bunten Rahmen. Auch in den Innenhöfen hat die Farbspielerei noch längst kein Ende. In einem findet sich der Betrachter plötzlich von einem satten Eidotter-Gelb umgeben. Der Architekt hat sich nicht nur reichlich von der Farbenpalette bedient, sondern auch aus dem Fundus verschiedener Baustile geschöpft. Denn unter das postmoderne Nebeneinander hat sich auch ein italienischer Renaissancepalazzo gemischt.

Von zurückhaltender, unterkühlter oder gar langweiliger Architektur kann beim Quartier Schützenstraße nicht die Rede sein. Vom verstorbenen italienischen Architekten Aldo Rossi entworfen, bringt der Gebäudekomplex Farbe und Abwechslung in die eher nüchterne Stahl- und Glas- oder Steintapeten-Architektur des "neuen" Berlin. Die einzelnen Gebäude sind individuell gestaltet, die Friedrichstraße liegt gleich um die Ecke, und dennoch hat der kleinteilig angelegte Gebäudekomplex zwischen Schützen-, Markgrafen-, Zimmer- und Charlottenstraße nicht in dem Maße Mieter gefunden, wie es Architektur, Lage und Ausstattung auf den ersten Blick erwarten ließen.

Vor mehr als zwei Jahren wurde der Gebäudekomplex größtenteils fertiggestellt, doch bis heute stehen weite Teile des Quartiers leer. Dennoch hängen nur an einigen der insgesamt zwölf Häuser Plakate mit den Telefonnummern von Maklern oder Vertriebsgesellschaften, die anzeigen, dass hier Flächen zu vermieten sind. Engagiert sucht die "DG Immobilien-Gesellschaft" nach Mietern, denn vier der zwölf Häuser gehören zu ihrem Fondsobjekt "DG Immobilien-Anlage Nr. 35". Von den insgesamt 15 000 Quadratmetern in den vier Häusern der Gesellschaft sind rund 50 Prozent vermietet.

"Es ist nun mal keine Lauflage", erklärt Katharina Riemann von DG Immobilien die schleppende Vermietung. Darüber hinaus beeinträchtigten die umliegenden Baustellen die Attraktivität des Quartiers. Vor allem für die Läden im Erdgeschoss sei die Nachfrage noch gering. Die Büroflächen gehen etwas besser: "Wir verhandeln derzeit mit Interessenten für drei weitere Mietbereiche." Zu den gegenwärtigen Mietern gehören Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte sowie Firmen aus der Informationstechnologie-Branche. "Außerdem interessieren sich Werbeagenturen und Projektentwickler für die Räume." Unterscheidbarkeit und Individualität seien Eigenschaften des Komplexes, die vor allem junge, kreative Unternehmen ansprechen. Von Vorteil sei, dass die DG Immobilien in ihren vier Häusern noch jedem Mieterwunsch entsprechen könne. In Bezug auf Grundrisse und Bürogrößen sei man "sehr flexibel". Das Raumangebot liegt zwischen 130 und 1500 Quadratmetern auf einer Etage. "Und da zwei unserer Häuser auf der Ecke liegen, können wir sehr interessante Grundrisslösungen anbieten." Die Miethöhe sei je nach Größe und Mietdauer verhandelbar, die Anfangsmiete liege bei etwas über 30 Mark pro Quadratmeter.

Die DG Immobilien hat vier der zwölf Häuser vom Investor und Generalübernehmer Kottmair GbR übernommen. Auch der Rest des Komplexes ist mittlerweile in andere Hände übergegangen. Die Münchner Immobilien Verwaltungs GmbH, die Noris Immobilienfonds-Verwaltungsgesellschaft und die Berliner Dr. Lauritzen Consulting GmbH sind Eigentümer der anderen acht Häuser. "Das Ehepaar Kottmair hat sich da leider etwas überhoben", meint ein Marktbeobachter, der namentlich nicht genannt werden möchte. Das sei bedauerlich, denn der Standort sei "nicht schlecht". Mit der Wahl des Architekten habe der Investor Mut bewiesen. Er habe ein hochwertiges Gebäudeensemble geschaffen und auch die kleinteilige Struktur sei genau das gewesen, was der Markt gefordert habe. Der Investor sei allerdings in einer "schwierigen Markphase" gestartet, als die gesamte Gegend ringsum noch sehr öde war. Erst jetzt werden die Neubauten in Zimmer-, Markgrafen- und Charlottenstraße allmählich fertiggestellt. Und teilweise mit mehr Erfolg. Von der Fassade des noch im Bau befindlichen "Charlotten Carrés" gegenüber verkündet ein Plakat, dass bereits 80 Prozent der Flächen vermietet sind. Das Quartier Schützenstrasse ist ein typisches Beispiel für den Bau von Büroflächen in der "Euphoriephase" nach der Wende. Heute sind die Investoren vorsichtiger geworden. Sie erstellen kaum noch "Vorratsbauten", sondern beginnen erst mit dem Bau, wenn die Mietverträge für einen Großteil der Flächen unterschrieben sind. "Es war schon etwas mutig, ohne Nutzer in diesem Bereich zu bauen", sagt der Marktbeobachter. Außerdem habe der Eigentümer anfangs "beachtliche Mietpreise" von mehr als 40 Mark pro Quadratmeter gefordert.

Wenn die Baustellen in der umliegenden Gegend abgeschlossen und die Büros bezogen sind, wird wahrscheinlich etwas mehr Leben in die Gegend kommen. Davon könnte auch das Quartier Schützenstraße profitieren. Denn architektonisch ist das Ensemble sicherlich interessanter als manches andere zwischen Springer Hochhaus und Checkpoint Charlie.

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