Zeitung Heute : Kaum zu glauben

Manchem erscheint die Mutter Gottes, andere begegnen Toten. Ein Wunder? Oder Einbildung? Wie sich übernatürliche Phänome erklären lassen.

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Von Christiane Bertelsmann Das Wundersamste an der Geburt Jesu war vielleicht der Stern. Ein hell leuchtender Stern, der den Heiligen Drei Königen den Weg wies. Bis heute sind sich die Wissenschaftler nicht ganz einig, was es mit dieser Erscheinung wirklich auf sich gehabt hat. War’s eine Supernova? Oder hatte Johannes Kepler Recht? 1606 vertrat der Sternenkundler zum ersten Mal die These, dass Bethlehems Stern eine Planetenkonjunktion von Mars, Jupiter und Saturn war – mehrere Himmelskörper hintereinander, die den Betrachtern vorgaukelten, ein einzelner hell strahlender Stern zu sein. Es gibt aber noch mehr Erklärungsversuche: Chinesische Sternforscher sichteten im Jahre 5 vor Christus im Sternbild Steinbock einen Kometen – war dies vielleicht der Geburtsstern?

Wir wissen bis heute nicht, welche Erklärung die richtige ist. Und genau das ist es, was die Faszination von Wundern und übernatürlichen Phänomenen ausmacht. „Für manche gibt es Erklärungsmodelle, für andere wiederum nicht“, sagt Walter von Lucadou. Er ist promovierter Psychologe und Physiker – und Leiter der parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg, der einzigen in Deutschland. Bei der mit Landesmitteln unterstützten Beratungsstelle können Menschen anrufen, die Erfahrungen mit übernatürlichen Phänomenen gemacht haben und Rat brauchen. Und das sind viele: rund 3000 pro Jahr.

Manches von dem, was seine „Kunden“ vermelden, lässt sich ganz einfach erklären – vorausgesetzt, man hat im Physikunterricht aufgepasst. Zum Beispiel die Sache mit den Stimmen im Teekessel. Die konnte ein Mann immer dann hören, wenn er den Teekessel auf die Herdplatte setzte. Leise, fast flüsternde Stimmen. Manchmal auch Musik. Dem Mann wurde die Sache unheimlich, er rief Lucadou an. Gemeinsam fanden sie heraus, dass in der Nähe seiner Wohnung ein starker Mittelwellensender stand. Sobald der Mann seinen Teekessel auf die Herdplatte setzte, wurde sein Kochgerät quasi zum Radio: Durch den Kontakt des Kessels mit der Herdplatte liegen zwei Metallplatten aufeinander. Bei einem Mittelwellensender kann diese Kombination schon wie ein einfacher Empfänger wirken. Der Mann war erleichtert. Also kein Spuk – und er kein Fall für die Psychiatrie. „Viele Anrufer haben Angst davor, für verrückt gehalten zu werden. Sie schämen sich, weil sie fürchten, dass man sie auslacht oder gleich zum Psychiater schickt“, sagt Walter von Lucadou.

Und das kann schnell gehen. Sein jüngster Fall habe sich so abgespielt, erzählt Lucadou: Nachts um drei erhielt er einen Anruf von der Polizei. Sie hatten eine weinende Frau bei sich. Die Dame war vor wenigen Wochen Witwe geworden. Als sie an diesem Abend nach Hause kam, sah sie ihren verstorbenen Mann im Sessel sitzen. Klar und deutlich, in seiner Hausstrickjacke und mit den Pantoffeln an den Füßen. Voller Schreck lief die Frau zur Polizei. Die wollte die Witwe gleich in die Psychiatrie einweisen lassen. Doch ein Beamter kam auf die Idee, sich vorher noch bei der Beratungsstelle kundig zu machen. Lucadou konnte die verzweifelte Dame beruhigen und ihr sagen, dass sie nicht die Einzige sei, die Begegnungen mit Verstorbenen habe. „Wahrnehmung wird im Hirn moduliert. Das Gehirn der Frau ist es gewohnt, dass der Mann an dieser Stelle im Wohnzimmer sitzt. Es vervollständigt dann das Bild – auch, wenn der Mann nicht mehr da ist. Natürlich passiert das nicht immer. Es war spät, die Frau war müde, vielleicht hing auch noch seine Joppe über dem Sessel, so hat das Gehirn den Rest des Bildes ergänzt“, sagt Lucadou.

Das menschliche Gehirn ist darauf spezialisiert, Gesichter zu erkennen. Diese Fähigkeit war zu Zeiten der Jäger und Sammler ein klarer Evolutionsvorteil: Wer in der Wildnis das Gesicht eines potenziellen Angreifers erkennen konnte, sicherte sein Überleben. Auch heute noch sind wir so angelegt, dass wir lieber mal ein Gesicht zu viel sehen als eins zu wenig. Durch einen Test lässt sich die Existenz dieser Fähigkeit ganz einfach nachweisen: Wenn man nur lang genug auf eine Raufasertapete schaut, wird man mit ziemlicher Sicherheit dort ein Gesicht erkennen können.

So lässt sich auch das Phänomen der Marienerscheinungen erklären. Gemeint sind Madonnengesichter, wie sie sich beispielsweise in einer Pfütze vor einer U-Bahn Station in Mexico City spiegelten und Tausende von Menschen in ihren Bann zog – bis zum nächsten Regen. Oder die Madonna auf dem Käse–Sandwich, das vor kurzem bei Ebay versteigert wurde (siehe Kasten). Noch häufiger sind Marienerscheinungen, bei denen die Mutter Gottes dem Gläubigen als lichtumflutete Gestalt gegenübertritt. Die Autoren Gottfried Hierzenberger und Otto Nedomansky haben für ihr Buch „Erscheinungen und Botschaften der Gottesmutter Maria“ bis zum Jahr 1992 918 Erscheinungen gezählt. Und es werden immer mehr: Wurden im 19. Jahrhundert noch 106 Erscheinungen dokumentiert, waren es im 20. Jahrhundert (bis 1992) schon 427.

Göttliche Erscheinungen gibt es genauso lange, wie es gläubige Menschen gibt – schließlich will man etwas Handfestes haben, um die Inhalte des Glaubens beleben zu können. Auch Engel-Erscheinungen gehören zu den gern beobachteten Phänomenen. Besonders Menschen in Krisensituationen scheinen Engel zu sehen. Walter von Lucadou berichtet aus seiner Beratungspraxis von einer jungen Frau, die scheinbar unheilbar krank im Bett lag und plötzlich eine Lichtgestalt neben sich sah. Das Zimmer war von einem hellen Licht erfüllt, und eine durchscheinend helle Gestalt stand neben ihrem Bett. Ein Engel, glaubte die Patientin. Die Frau fühlte sich durch den Besuch der Lichtgestalt getröstet – und gesundete überraschend doch noch.

Gibt es das wirklich? Leuchtende Marien und wundertätige Engel? Oder ist das alles nur Aberglaube und Einbildung?

Diese Fragen beschäftigten auch den kanadischen Neurophysiologen Michael Persinger. Er sammelte Berichte von Leuchtphänomenen – vom Engel über UFOs bis zur Maria – und trug sie akribisch auf einer Karte ein. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass die Phänomene hauptsächlich an Stellen beobachtet wurden, wo sich in der Erdkruste unter bestimmten Gesteinsdruckverhältnissen hohe statische Spannungen entladen konnten. Dieser so genannte Piezoeffekt funktioniert so: Durch den auf sie wirkenden Druck werden die Gesteine (bevorzugt Quarze) elektrisch aufgeladen. Und das kann, wenn die Umstände (Wetter und Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, etc.) günstig sind, zu einem Lichteffekt führen – der dann von den Betrachtern entsprechend mit Inhalten gefüllt wird. Ein gläubiger Christ wird in der Lichterscheinung vielleicht eine Madonna oder einen Engel sehen, Science-Fiction-Anhänger eher ein UFO oder einen Alien.

Wäre es also nicht sinnvoller, all die Marien- und Engelgläubigen über den wahren Ursprung aufzuklären? Walter von Lucadou hält nichts von Aufklärung um jeden Preis. „Wir wollen den Leuten nicht vorschreiben, was sie glauben sollen“, sagt er. „Wenn sie das für sich interpretieren wollen und gut damit leben können, ist das in Ordnung.“

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