Zeitung Heute : "Keeeeeeeeeeeeeeeeeeeekse!"

Tina Angerer

Der Dinosaurier des Kinderfernsehens hat Kultstatus erlangt - nicht nur bei KindernTina Angerer

"Wenn der Samson tanzt, sieht er lustig aus. Aber eigentlich kapiert er ja überhaupt nichts." Damit hat die siebenjährige Isis schon etwas Wesentliches der "Sesamstraße" auf den Punkt gebracht. Doch auch für sie wird Samson, groß, dick und ein bisschen dämlich, ein Teil ihrer Kindheit sein. Sein Schnuffeltuch ist zwar nicht mehr eierschalenweiß, sondern blau mit Punkten. Ansonsten lebt das Konzept der Sesamstraße von dem Kultstatus eines Evergreens. Das erste "Edutainment"-Format der Welt ist in fast hundert Länder exportiert und vom skandalösen Experiment zum Dinosaurier des Kinderfernsehens geworden. Vor genau dreißig Jahren lief die "Sesame Street" erstmals im amerikanischen Fernsehen.

Die neuen Pädagogen der Achtundsechziger entwarfen das Lernfernsehen mit den Puppen von Jim Henson. Der "Childrens Television Workshop" wollte auch unterprivilegierten Kindern den Eintritt in die Schule erleichtern. Slumkinder üben Zahlen und Buchstaben, schwarze und weiße Kinder teilen sich Kekse, es sei denn ein blaues Monster hat schon alle weggefressen. Das alles verpackt in Beiträge so kurz wie Werbespots, MTV für Einsteiger. Die Geschichte der "Sesame Street" ist dann auch eine Geschichte derer, die sich über sie aufregen. Ein unerschöpfliches Feld für alle Pädagogen, Aufpasser, Konservativen und Erneuerer. Wirkt ein pöbelndes Zotteltier, das in einer Mülltonne lebt, kompensatorisch oder emanzipatorisch? Und schadet problemorientiertes Kinderfernsehen, was soviel heißt wie Sex und Drogen für Vier-Jährige? Der Bayerische Rundfunk lehnte die Übernahme der Serie ins Deutsche Fernsehen ab, denn, so erklärte Fersehdirektor Oeller 1973, es gebe in Bayern keine unterprivilegierten Kinder. Außerdem sei die Sendung ein "Werbeprogramm, das weder einen gewichtigen Beitrag zur emanzipatorischen noch zur integrativen Erziehung zu leisten vermag." So wurde denn das Programm zunächst nur nördlich des Mains ausgestrahlt. Auch der Vorwurf, Ernie und Bert seien schwul, ist so alt wie die "Duu, Bert" - "Jaa, Ernie"-Dialoge selbst. Der amerikanische Radio-Pastor Joseph Chambers legte eine stichhaltige Beweiskette für das Ungeheuerliche vor: Sie teilen sich ein Schlafzimmer und sie haben weibliche Züge.

Trotzdem haben sich die Klassiker in der ganzen Welt durchgesetzt, immer landestypisch. In der chinesischen Sesamstraße steht eine Fahrradwerkstatt und ein blaues Schwein verehrt seine Vorfahren. In Israel ist die Sendung schon 18 Jahre erfolgreich, seit drei Jahren gibt es eine israelisch-palästinensische Koproduktion. Im Niemandsland zwischen den Fronten treffen sich palästinensische und israelische Puppen.

In Deutschland sehen die Hälfte der Drei- bis Sechs-Jährigen regelmäßig zu - und das trotz Disney-Club, Tabaluga-TV und Tigerenten-Fernsehen. Inzwischen stammen nur noch 30 Prozent aus der amerikanischen Produktion. Statt Rassenproblematik ist hierzulande die Familie aus Pakistan zu sehen, die in die Moschee zum Beten geht. Rumpel isst auch längst Schaum- und keine Negerküsse mehr. Zum Jahreswechsel soll die Kinderserie entstaubt werden, um für die nächste Generation fit zu sein. Tiffy, der altkluge rosafarbene Vogel ohne Humor, surft zwar schon im Internet, soll ausgeflippter werden. Auch das menschliche Pärchen, das in der Straße der Puppen lebt, wird wieder einmal ausgetauscht. Wo einst Lilo Pulver und Horst Janson in Schlaghosen nach Samsons Schnuffeltuch suchten, tummeln sich bald Soap-Stars. An Januar übernehmen Caroline Kiesewetter und Nils Julius aus der "Verbotenen Liebe." Damit will man die Geschwister bei der Stange halten, die Zahlen und Buchstaben schon behrrschen. Doch eigentlich hat die Sesamstraße dann erst richtig Spaß gemacht. Ernie steckte sich eine Banane ins Ohr und der Dialog nahm seinen Lauf : "Duu, Ernie, was machst du da?", "Ich stecke mit eine Banane ins Ohr", "Warum steckst du dir denn eine Banane ins Ohr", "Ich dachte mir, hey, jetzt stecke ich mir eine Banane ins Ohr." Ein Hauch von Dadaismus. Wir begannen, auf ganz andere Weise nach dem Sinn der Dinge zu fragen. Danach steckten wir uns eine Banane ins Ohr.

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