Kehraus : Krise? Welche Krise?

Helmut Schümann

Passend zum Aschermittwoch, an dem alles vorbei ist, ein paar Meldungen, dass alles vorbei ist: Die Anleger fliehen in Panik aus dem Dax, kein Vertrauen. Der Geschäftsklimaindex des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung ist wieder einmal auf dem historischen Tiefstand, dem tiefsten seit 26 Jahren, angekommen, miese Stimmung. Die Beschäftigten von Hertie fordern mehr Hilfe von der Politik, blanke Angst. Am kommenden Donnerstag demonstrieren die Opel-Mitarbeiter für eine Loslösung von Konzernmutter General Motors, resignativ, hoffnungslos? Gar nicht mehr zu reden von Schiesser, Märklin, Rosenthal und der weinenden Frau Schaeffler.

International sieht es auch nicht besser aus. Die Wirtschaftskrise erschwert die Gesundheitsreform in den USA, Barack Heilsbringer Obama kämpft ums Gelingen. Die Weltbörsen sind auf Talfahrt. Der schwache Rubel bedroht die russische Wirtschaft. Spaniens Haushaltsdefizit steigt 3,8 Prozent höher als erwartet. Südafrikas Wirtschaft schrumpft erstmals seit zehn Jahren. Spaniens linksliberale Zeitung „El Pais“ schreibt: „Im Kampf gegen die Finanzkrise versagen alle Mittel.“ Und jetzt gemeinsam: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei, die Schwüre von Treue, sie brechen entzwei … wie schön es auch sei, dann ist alles vorbei!“

Und? Geht jemand in Sack und Asche? „Krise?“, sagen die Leute an den Rosenmontagszügen und im Fasching, „isch han kinne Krise“. Krise ist vielleicht morgen oder auch erst übermorgen, ganz sicher in 40, 50 Jahren, wenn die Klimakatastrophe vollends über uns hereingebrochen ist. Heute gilt die Abwrackprämie auch für Wohnmobile. Vielleicht steckt heute Abend Jürgen Klinsmann in der Krise, aber das bekümmert das Gros der Leute so wenig, wie sie die abstrakten Milliarden der Hypo Real Estate begreifen. Rechnen wir bald in Billionen? Und wie viele Nullen sind das mehr als bei der Milliarde? Ist irgendwie egal, oder?

Woran das liegt, dass die Welt zusammenkracht wie ein Kartenhaus, aber das Entsetzen ausbleibt? Vielleicht daran, dass die Welt der Wirtschaft vor der Finanzkrise nicht unsere Welt war und sie es jetzt auch nicht ist und ohnehin nur virtuell erscheint. Und was, wenn auch dieser Staat wie Island mal pleitegeht mit all seinen Bürgschaften und Konjunkturprogrammen? „Gibt es nicht“, denken wir, „kann doch nicht sein, ist doch unmöglich.“ Schon kommt die schöne Meldung des Tages: Lacoste, das ist der Textilhersteller mit dem Krokodil als Logo, setzt sich für die Erhaltung der Krokodile ein. Oder, mit Karl Kraus: „Das Leben geht weiter. Als es erlaubt ist.“Helmut Schümann

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