Zeitung Heute : „Kehrt um, solange ihr noch könnt“

Rebellen verkleiden sich als Polizisten und greifen US-Soldaten an. Wie Mossul zur neuen Hochburg des Widerstandes wird

Erwin Decker[Mossul]

Wenn der Wind von Westen kommt, hört man das Geknatter der Maschinengewehre in der Stadt. Vier der fünf Brücken über den Tigris wurden gesperrt, weil sie vermint sind. Über der Stadt Mossul stehen schwarze Rauchwolken von den Bränden in den Polizeiwachen. Und von Weitem sieht man das amerikanische Heer neben den berühmten Ruinen von Ninive lagern. Fahrzeuge, Zelte, Lazarettcontainer und Tankwagen. Es ist die Kulisse des Krieges, obwohl er hier noch nicht wirklich angekommen ist, sondern noch in den Straßen des hunderte Kilometer entfernten Falludscha festsitzt.

Noch ist Falludscha nicht sicher. Es ist besetzt, aber in einigen Stadtvierteln laufen die Soldaten immer noch mit dem Rücken zu den Häuserwänden, aus Angst vor Heckenschützen. Und schon flammt der Widerstand der Rebellen im Norden auf, in Mossul, der drittgrößten Stadt des Irak. Kein Mensch ist auf den Straßen zu sehen, nur hie und da ein gepanzertes Fahrzeug der US-Armee. Sie will die Stadt wieder von den Aufständischen zurückerobern. Von der Straße im Süden kommt ein ganzer Konvoi von Armeelastwagen und Sattelschleppern mit Panzern angefahren. Es ist die Brigade, die in Falludscha abgezogen wurde.

Etwa 200 Anwohner konten noch aus der Stadt fliehen, bevor die Rebellen die Trigrisbrücken vermint haben. Die Menschen haben Angst, dass hier schon bald das Gleiche passieren wird wie in den letzten Tagen in Falludscha. Sie wollen nicht unter den Trümmern ihren Häuser begraben werden. Eine Frau mit zwei Kindern hat sich vor die Tore der Stadt gerettet. Sie weint. Ihr Mann ist noch in Mossul. Ein US-Soldat will sie trösten. Mit Hilfe eines Militärdolmetschers sagt er ihr, dass sie bald wieder zu Hause sein werde. Sobald die Minen auf den Brücken geräumt sind, wollen die Amerikaner eine Offensive im Stadtzentrum starten. Doch die Frau misstraut dem Fremden.

Auf der Straße von Mossul nach Erbil fahren Autos nur in eine Richtung: von Mossul weg. Die Fahrer stoppen die Fahrzeuge, zeigen auf die Rauchschwaden und sagen, dass es in Mossul bald Krieg geben wird. „Kehrt um, solange ihr noch könnt“, sagen sie zu denen, die nach Mossul hinein wollen. Alle drehen um und fahren nach Erbil zurück.

Wer in Mossul von einem Stadtviertel ins andere fahren will, wird von den Aufständischen kontrolliert, überall haben sie eigene Posten aufgestellt. Auch Regierungsgebäude und kurdische Parteibüros haben sie geplündert. Immer wieder hallt die Innenstadt von den heftigen Schießereien zwischen Rebellen auf der einen Seite und den irakischen Sicherheitskräften und Amerikanern auf der anderen Seite wider. Aufständische hatten zuvor elf der 33 Polizeistationen geplündert und in Brand gesteckt. 20 Beamte wurden bei den Überfällen getötet. Die Rebellen öffneten die Gefängnisse und ließen die Insassen frei. Viele der Polizisten sollen zu den Rebellen übergelaufen sein. Der Polizeichef von Mossul ist seines Postens enthoben.

Anschläge sind in Mossul nichts Neues, immer wieder gehen hier Autobomben hoch, immer wieder werden Polizisten, Regierungsvertreter und kurdische Parteifunktionäre gezielt ermordet. Die Baath-Partei des Saddam-Regimes hat sich hier in einem Maße reorganisiert wie in keiner anderen irakischen Stadt. Auch die beiden Söhne des Diktators, Udai und Kusai, hielten sich hier lange versteckt, bis sie in einer Schießerei getötet wurden.

Jetzt also hat die Baath-Partei Verstärkung aus Falludscha bekommen. Es seien, so erzählt ein kurdischer Peschmerga-Offizier, Männer des Jordaniers al Sarkawi, die vor dem Einmarsch der US-Truppen aus Falludscha geflohen sind. „Ich befürchte, dass wir in kurzer Zeit in Mossul Verhältnisse haben wie in der Provinz Anbar“, sagt der Offizier. In Anbar liegen Falludscha und Ramadi. Er erzählt, dass er mit seinen Soldaten in Mossul auch von Terroristen aus Falludscha angegriffen worden ist. „Wir mussten der Übermacht nachgeben und sind in Deckung gegangen.“ Die Peschmerga halten sich normalerweise aus den Kämpfen zwischen US-Truppen und Rebellen heraus.

Trotz der Straßensperren gelang es den Kämpfern, von Falludscha nach Mossul zu kommen. Denn die Wüste westlich der Hauptverbindungsstraße Nummer eins nach Norden lässt sich kaum überwachen. Es gibt zu viele kleine Wege bis zur syrischen Grenze, die schon zu Saddams Zeiten von Schmugglern benutzt worden sind. „Mit kleinen Transportern mit einer Plane über der Ladefläche, fällt so eine ,Verlegung’ auch bei guten Luftbildern der Amerikaner in der Wüste nicht auf“, sagt der Peschmerga-Offizier. „Und in der ganzen Gegend von Hadithah bis Tikrit gibt es unter den Sunniten viele Unterstützer der Terroristen.“

In Mossul leben mehrheitlich Araber, eine kurdische Minderheit und einige arabischsprechende, assyrische Christen und Turkmenen. Während der Ära Saddam hatten die Araber alle Führungspositionen in Mossul inne. Die Minderheiten hatten nichts zu sagen. Die Ölfelder östlich und nördlich der Stadt zählen zu den wichtigsten des Irak. Auch ist das Klima im Sommer viel angenehmer als in Bagdad. Man nennt Mossul im Irak daher auch die „Perle des Norden“.

Hier stehen die US-Truppen vor einem neuen, ganz besonderen Problem: Sie wissen nicht, wer Freund, wer Feind ist. Die Aufständischen erbeuteten bei den Überfällen auf die Polizeistationen Uniformen, Waffen, Funkgeräte und Polizeifahrzeuge. So, verkleidet als Polizisten, gehen sie jetzt durch die Stadt. Die US-Soldaten wurden beim ersten Versuch, in die Stadt einzudringen, von ihnen angegriffen. Deshalb hat das Oberkommando das irakische Innenministerium angewiesen, für zwei Tage alle „echten“ Polizisten aus der Ein-Millionen-Stadt abzuziehen, um nicht mehr Rücksicht auf vermeintliche Polizisten nehmen zu müssen.

Seit gestern sind die US-Soldaten wieder in einigen Teilen von Mossul präsent. „Der Widerstand ist gering“, sagt der Sprecher der Armee. Dennoch gilt ab sofort Ausgangssperre rund um die Uhr. Niemand darf auf die Straße. Der Ausnahmezustand ist in Kraft. Aber der ist im ganzen Irak seit langem unausgesprochen Wirklichkeit für die Menschen.

Insgesamt werden 5000 Soldaten aus Falludscha nach Mossul abgezogen. Das ist ein Drittel der dortigen Streitkräfte. Hinzu kommen 2000 irakische Soldaten. Diese enorme Truppenstärke zeigt, dass man sich der Gefahr bewusst ist, die von den erfahrenen Falludscha-Guerillas in Mossul ausgehen. Auch wenn die brennenden und geplünderten Polizeistationen schnell wieder zurückerobert werden, wird die Sicherheit in der Stadt lange nicht wieder hergestellt werden können. Wahrscheinlich bleiben auch die Widerständler in der Stadt. Die alten Baath-Parteimitglieder werden sie verstecken. Sie kennen sich in der Stadt bestens aus. Und an Waffen mangelt es nirgendwo im Irak. Nach dem Ende des Krieges wurden riesige Mengen aus ehemaligen Armee-Arsenalen geplündert.

Etwa hundert Kilometer von Mossul entfernt wurde eine wichtige Ölpipeline gesprengt, die von Kirkuk nach Baidschi führt, in eine der drei irakischen Raffinerien. Das Benzin wird dadurch im Land noch knapper, als es ohnehin schon ist. Und die Menschen werden noch unzufriedener. Der Zorn gegen die Übergangsregierung und die Besatzer wächst. Die schwarzen Rauchwolken sind seit Tagen in der weiten Ebene über 50 Kilometer weit zu sehen. Der Norden des Iraks beginnt zu brennen.

Nicht nur in der Stadt, im gesamten sunnitischen Dreieck, Bagdad – Ramadi – Mossul, nimmt der Widerstand seit dem Fall von Falludscha zu. In Bakuba, Samara und Ramadi gehen stündlich Bomben hoch und werden Sicherheitskräfte angegriffen. Der schreckliche Höhepunkt: Am Mittwoch wurden 63 irakische Polizisten westlich von Ramadi entführt, als sie auf dem Rückweg von einem Lehrgang aus Jordanien waren. Keiner weiß, wo sie festgehalten werden. Und ob man sie wieder lebend sieht.

Jetzt hat der kurdische Politiker Barham Salih, zugleich einer der Vizepräsidenten des Irak, etwas ausgesprochen, was bisher ein Tabu war: Man sollte über eine Verschiebung der Wahl am 27. Januar nachdenken. „Die aktuelle Sicherheitslage lässt keine faire Wahl zu“, sagt der Politiker. Doch Präsident Alawi will davon nichts wissen. Er weiß genau, dass die Schiiten im Süden des Landes nur noch still halten, weil sie auf die versprochenen Wahlen hoffen. Ihr Bevölkerungsanteil liegt bei über 60 Prozent. Sie können die Wahlen also nur gewinnen.

Die Frau mit ihren beiden Kindern ist zurückgekommen in die Nähe der Tigrisbrücken von Mossul. Das kleinste hat sie auf dem Arm, das andere an der Hand. Sie hat nur einen Wunsch: Sie will mit ihren Kindern wieder zurück in ihr Haus und zu ihrem Mann. Sie sagt, es ist ihr egal, wer ihr dabei hilft. Auch, wenn es die ungeliebten Amerikaner sind.

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