Zeitung Heute : Keilschrift macht Schule

Das Projekt „Edubba“ – ein Brückenschlag zwischen Schule und Wissenschaft

Eva Cancik-Kirschbaum

„Am Anfang der Schreibkunst steht der Keil!“, lernten vor 4000 Jahren die Kinder in Mesopotamien an ihrem ersten Schultag im „Edubba“, dem Tafelhaus. Nicht das Buchstaben-Alphabet, sondern die Wort- und Silbenzeichen der Keilschrift standen auf dem Lehrplan. Doch bevor es ans Schreiben ging, war das Schreibmaterial vorzubereiten: Feuchter Ton musste zu flachen Rund-Tafeln geformt, aus Schilfrohr ein Griffel geschnitten werden – und dann ging es los: die handtellergroße Tontafel flächig auf der linken Hand, die Rechte führt den Griffel; durch leichten Druck und geschickte Drehung der Tafel sollen senkrechte, waagrechte, schräge Keile im Ton entstehen – der Lehrer schreibt mit leichter Hand vor. Doch, da durchbohrt der Griffel den weichen Ton, dort zerdrückt eine unbeholfene Hand die Tafel, und so endet mancher Schreibversuch als zerknautschter Klumpen in der Recycling-Kiste.

Damals, vor 4000 Jahren und heute: Schülerinnen und Schüler der achten Klassen des Goethe-Gymnasiums lernen „Keile schreiben“ am Institut für Altorientalistik der Freien Universität Berlin. Wo normalerweise Geschichte, Sprachen und Kulturen des Alten Orients erforscht und gelehrt werden, begegnen sich im Projekt „Edubba“ Vergangenheit und Gegenwart. Wissenschaftler und Schüler beugen sich gemeinsam über merkwürdig unscheinbare Tafeln aus Ton, die in die versunkenen Zivilisationen an Euphrat und Tigris führen.

Nach allgemeinen Erläuterungen geht es los: Keilschrifttafeln werden verteilt – und sofort kommen Fragen: Wo ist denn oben? Wie lange braucht man für eine Tafel? Was passiert, wenn man einen Fehler macht? Gab es Tontafelbücher? Statt die Fragen zu beantworten, finden Schüler in der Auseinandersetzung mit dem Material Antworten. Ausgerüstet mit Ton, Griffel und Zeichentabelle machen sich die Keilschriftlehrlinge ans Werk und schreiben. Ihre Aufgabe: den eigenen Namen in Keilschrift schreiben. Material und Schreibtechnik sind ungewohnt, die Versuchung, die Zeichen als Umrisse zu ritzen ist groß. Meist genügen wenige Hinweise und die Schreibabläufe werden experimentell gefunden: flacher Griffel, spitzer Ansatzwinkel und weiche Ablösebewegung, nicht die Schreibhand drehen, sondern die Tafel – und es entstehen Keile, die tatsächlich aussehen wie auf den 4000 Jahre alten Vorbildern. Doch nicht nur das Schreiben selbst, auch der Transfer in das Silben-System der fremden Schrift ist eine Herausforderung: Eine ganze Reihe der uns geläufigen Laute haben keine Entsprechung in der sumero-akkadischen Keilschrift. Was tun mit „f“, „o“, „x“ oder „eu“? Auch Konsonantenhäufungen wie „-st“ oder „-rnd“ sind schwierig, wie soll man „Mark“ in einer Silbenschrift darstellen? Die Jungschreiber experimentieren und finden Lösungen, die selbst erfahrene Keilschriftforscher ins Schwitzen bringen!

Das konkrete Programm richtet sich nach der jeweiligen Klassenstufe (bisher erprobt sind drei Stufen: 3./4. Klasse, 5./6. Klasse, 8. Klasse). Steht bei den Jüngsten noch das Entdecken der fremden Schrift im Vordergrund, stellen Dritt- und Viertklässler mit Vergnügen fest, dass es in der Keilschrift weder Groß- und Kleinschreibung noch Satzzeichen gibt. Die Vor- und Nachteile der verschiedenen Schrifttypen werden diskutiert und damit tritt das kritische Potenzial einer Schrift in den Blick: die reproduzierbare Umsetzung von Sprache. In höheren Klassen verbinden sich damit kultursoziologische Fragen, werden Bedingungen und Folgen komplexer Schriftsysteme thematisiert: Wer konnte schreiben und lesen, wer durfte die Schule besuchen? Wer konnte sich das leisten? Welche Berufe erforderten Schriftkenntnis? Ganz nebenbei werden so in zwei Stunden mehrere Jahrhunderte Kulturgeschichte nachvollzogen. Die Erfindung und Entwicklung der Schrift erweist sich in der Rückschau, in der Auseinandersetzung mit erfolgreichen und verworfenen Lösungen, der Problematisierung des heute scheinbar Selbstverständlichen, als fruchtbare Begegnung zwischen Schule und Wissenschaft.

In den Lehrplänen der Schulen spielen die Zivilisationen des Zweistromlands allenfalls eine Nebenrolle. Das Projekt „Edubba“ will den Zugang zu diesen lange untergegangenen Kulturen nach dem Prinzip „Wissen durch Praxis“ eröffnen. Besonderer Wert wird dabei auf die aktive Verbindung von konkretem Materialbefund und Gedankenexperiment, von Praxis und Hypothesenbildung gelegt.

„Edubba“ ist nach Art eines Baukastens organisiert. Das Basismodul „Keilschrift schreiben“ kann mit anderen Themenfeldern kombiniert werden. Zum Beispiel erfinden die Schüler im Mathe-Modul „1 x 6 ohne Null“ die keilschriftliche Zahlnotation: das merkwürdige Hexagesimal-System erweist sich als ungeheuer praktisch, endlich versteht man, weshalb der Tag 24 Stunden hat, die Null ist eine tolle Idee, aber man kann auch ohne…! „Von Bildern und Buchstaben“ thematisiert die Evolution der Schrift von den Bilderschriften zum Alphabet.

Und die Frage „Wo findet man denn die Tontafeln?“ führt in eine echte Ausgrabung: Archäologen des Grabungs-Teams von Tell Schech-Hamad (Syrien) zeigen eine verbrannte Bibliothek, ein 6000-qm-Haus und den Alltag der Vergangenheit in einer mesopotamischen Stadt vor drei Jahrtausenden. Zu weiteren Exkursionen in die Welt des Alten Orients locken die Sammlungen des Vorderasiatischen Museums, die Funde aus so bedeutenden Orten wie Assur, Babylon oder Uruk ausstellen.

Die Autorin ist Professorin für Altorientalistik.

Kontakt: Institut für Altorientalistik, Hüttenweg 7, 14195 Berlin Telefon: 838-53347, E-Mail: altorsek@zedat.fu-berlin.de; Besucherdienst der Staatlichen Museen Berlin.

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