Zeitung Heute : Kein Alkohol ist auch keine Lösung!

Von Esther Kogelboom

-

Kürzlich diskutierte ich hier ergebnislos die Frage, ob es Freundschaft geben könne zwischen Frau und Mann. Heute möchte ich mich in aller Kürze über die Männerfreundschaft auslassen, also die Freundschaft zwischen (Mann + Mann) + Alkohol.

Der Anlass ist, dass ich aus nächster Nähe die Implosion einer uralten Männerfreundschaft beobachten musste. Der eine wollte nichts mehr mit dem anderen zu tun haben. Der Grund dafür war eine merkwürdige Frau, die von der Natur weder mit Schönheit noch Geist ausgestattet worden ist.

Nach der Implosion zogen sich beide Seiten gekränkt voneinander zurück. Der Zufall wollte es jedoch, dass sie sich bereits wenige Tage später am Tresen irgendeiner Kneipe trafen. Sie betranken sich heftig, so schlimm, dass der eine seine Brille verlor und sich – folglich erblindet – entlang der Karosserien parkender Autos nach Hause hangeln musste, wo er sich auf der Fußmatte im Hausflur zusammenrollte, weil sein Wohnungsschlüssel ebenfalls unauffindbar war.

Der andere kann sich an nichts mehr erinnern.

Woher ich das alles so genau weiß, war ich doch schließlich nicht selbst vor Ort? An jenem Abend hatte ich das Telefon ausgestellt, um endlich mal meine Ruhe zu haben, jawoll. Als ich es am nächsten Morgen wieder einschaltete, fand sich auf der Mailbox ein bunter Strauß von Nachrichten, anhand derer sich auch ohne großes kriminalistisches Gespür die Abläufe der vorhergehenden Nacht rekonstruieren ließen. Die letzte Nachricht bestand nur noch aus dem trockenen Knistern und Rascheln von Fußmattenborsten.

Ich frage mich, warum Männer immer so viel trinken müssen. Ich hatte einen Freund in Afrika, der sagte jedes Mal, wenn wir an einer Bar saßen: „Woraus besteht eigentlich dieses türkisfarbene Zeugs oben rechts? Bitte einen Doppelten, und zum Knabbern ein Schälchen getrocknetes Gnu-Hirn dazu.“

Ich schätze, wer trinkt, möchte den Verstand schlafen legen. Leute, die zu schlau sind, generell zu viel denken und zu viel Fantasie haben, müssen sich ab und zu systematisch ruhig stellen. Sonst werden sie ja verrückt. Die einen machen Yoga, die anderen Grappa. Für beides gilt naturgemäß: Man darf es nicht zu oft tun. Das rächt sich sonst mit gnadenlosem Schluckauf.

Im männlichen Teil meiner Familie ist der kalkulierte Vollrausch ein ebensolches genetisches Merkmal wie die unförmige Nase. Ein entfernter Verwandter zum Beispiel verbringt die Nacht von Rosenmontag auf Veilchendienstag traditionell als Obdachloser verkleidet auf dem heimischen Komposthaufen. Mein Großonkel erträgt den Gottesdienst am Sonntag nicht ohne ein paar Gläschen selbst angesetzte „Rote Liebe“ als Aperitif. Er ist inzwischen 90 oder 100 Jahre alt, genau weiß das keiner. Es gab außerdem mal eine Kindergärtnerin, die einem anderen Onkel das Jugendamt auf den Hals hetzte, weil meine kleine Cousine ihr freimütig erzählt hatte: „Der Papa trinkt jeden Morgen zwei Flaschen Bier zum Frühstück.“

Meiner Erfahrung nach sagen manche Männer, sind sie nur betrunken genug, gerne mal, wie es um sie steht. Oder stellen mit Nachdruck Fragen, die sie wirklich interessieren. Wenn man als Frau die Nerven hat, bei Apfelschorle zu bleiben, beschert einem der Vollrausch eines Mannes oftmals lustige Einblicke in dessen psychische Realität. Man darf nur nicht den Fehler machen, Mitleid zu entwickeln.

Nüchtern betrachtet stimmt es: Kein Alkohol ist auch keine Lösung.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge. Hier überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben