Zeitung Heute : Kein automatisches Wachstum

Der Weg an die Weltspitze führt über China. Spätestens 2018 will Volkswagen ganz oben stehen und Toyota als größten Autohersteller ablösen. Das Vorhaben ist realistisch, denn die Wolfsburger sind seit Jahrzehnten stark in China vertreten. Und sie werden noch stärker: In den ersten elf Monaten dieses Jahres setzte der VW-Konzern, zu dem unter anderem auch Audi, Skoda und Bentley gehören, mehr als 1,8 Millionen Autos (plus 38 Prozent) in China ab. Das waren gut 100 000 mehr Autos, als VW im gleichen Zeitraum in Westeuropa (ohne Deutschland) verkaufte. China ist zum Schlüsselmarkt für den größten europäischen Autohersteller geworden.

Das war am Montag auch an der Börse zu sehen. Berichte über eine restriktive Handhabung von Autozulassungen in Peking schickten den VW-Aktienkurs in den Keller. Ebenso Daimler und BMW. Bei allen drei Autotiteln zusammen belief sich der Verlust an Börsenkapitalisierung auf einen zweistelligen Milliardenbetrag. Ein bemerkenswerter Zusammenhang: Die Stadtregierung von Peking will weniger Autos zulassen, und die deutschen Autokonzerne verlieren dadurch ein paar Milliarden Euro an Wert.

Kein Grund zur Panik, meint der Verband der Autoindustrie. China werde für die deutschen Hersteller ein Wachstumsmarkt bleiben, und die Maßnahmen der Pekinger Politiker „dürften nicht überbewertet werden“. Überhaupt sei es eher gesund, wenn sich das Wachstumstempo etwas abschwäche. In diesem Jahr legt der chinesische Automarkt vermutlich um rund 30 Prozent zu, für 2011 veranschlagt der deutsche Verband „nur“ noch elf Prozent.

Die Angst vor einer Überhitzung der Konjunktur inklusive der berüchtigten Blasenbildung treibt zunehmend die chinesischen Planer und Wirtschaftslenker um. In diesem Jahr wächst die Wirtschaft wieder einmal um sagenhafte zehn Prozent – dummerweise steigen gleichzeitig die Preise vieler Nahrungsmittel in ähnlicher Größenordnung. Deshalb beschloss die chinesische Notenbank gerade eben eine Zinserhöhung. Weitere werden im kommenden Jahr erwartet. Die Wachstumsrate dürfe sich auch deshalb 2011 nach einer Prognose der Weltbank unter neun Prozent bewegen. Das reicht immer noch – auch für die PS-Industrie.

Der Duisburger Automarktbeobachter Ferdinand Dudenhöffer rechnet wegen der jüngsten Entwicklung in Peking nur noch mit einem Zuwachs bei den Autozulassungen um fünf Prozent. Allein in China wären das 600 000 Autos weniger als ursprünglich gedacht. Trotzdem soll der Weltmarkt 2011 mit 62 Millionen verkauften Neuwagen einen Weltrekord erreichen. Und der wäre ohne den riesigen Bedarf in China nicht möglich. Die Nachfrage steigt rasant. In diesem „neuen Zentrum der weltweiten Autoindustrie“ (Dudenhöffer), könnten 2025 rund 30 Millionen Neuwagen verkauft werden. Ein Zehntel davon beträgt das jährlich Marktvolumen in Deutschland, die US-Amerikaner kommen auf die Hälfte.

Die zunehmende individuelle Mobilität in China sollte nach Auffassung des deutschen Autoverbandes „begleitet werden von einem entsprechenden Ausbau der Infrastruktur und moderner Verkehrsleittechnik“. Vergessen hat der Verband einen Hinweis für die eigene Klientel: Wenn sie nicht im Großstadtsmog ersticken und das Klima noch gravierender schädigen wollen, brauchen die Massenmärkte der Zukunft viel sparsamere Verbrennungsmotoren als heute und dazu Elektroautos. Die deutschen Hersteller arbeiten daran, doch ihr Tempo und die Schwerpunkte der Investitionen hängen ab von politischen Vorgaben. Volkswagen, seit langem vertraut mit den Sitten vor Ort, investiert in den kommenden fünf Jahren gut zehn Milliarden Euro in China, baut dabei drei neue Werke und will die Zahl der Händler verdoppeln. 2015 hat VW in China ebenso viele Fabriken wie in Deutschland.

Auch die VW-Tochter Audi und deren Wettbewerber im Premiumbereich, BMW und Mercedes, setzen auf China und investieren entsprechend. Immer mehr Wohlhabende wollen sich in dem kommunistischen Land in einem Prestigeauto aus Deutschland zeigen – das in Wirklichkeit in China zusammengebaut wurde. Für Audi soll China bereits 2011 der wichtigste Markt überhaupt werden. Aktuell liegt der Marktanteil der deutschen Automarken insgesamt in China bei rund 18 Prozent. Tendenz steigend. Die aktuelle Entwicklung in Peking wird den Trend kaum stoppen. Und VW darf weiter vom Spitzenplatz träumen.

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