Zeitung Heute : Kein Bericht, der im Regal verstauben sollte

Sybille Volkholz

Die SPD ist jetzt auch für eine Schulzeitverkürzung zum Abitur auf zwölf Jahre. Unter diesem Motto wurde der Bericht der Kommission "Berliner Bildungsdialog - Schule in Berlin" öffentlich vom Vorsitzenden der SPD-Fraktion, Klaus Böger, und Walter Momper verkauft. Mit einer solchen Verkürzung auf Schlagzeilen wird sinnvolle und vor allem offene Diskussion um diesen Bericht wieder auf das verminte Gelände der Schützengräben gezogen. Der Bericht hat eine bessere Behandlung verdient.

Die Kommission hat in vielen Fragen intelligente und zugleich pragmatische Lösungen vorgeschlagen, wo bisher die Positionen verfestigt waren. Die Schule zum Lern- und Lebensort machen, in der sowohl die kognitiven Kompetenzen als auch soziale Orientierungen und individuelle Motivationen besser gefördert werden können, sind Ziele einer Schulreform, die über die Parteigrenzen hinaus Akzeptanz finden könnten.

Zum Beispiel wird für die Grundschule empfohlen, an sechs Jahren festzuhalten, allerdings die fachliche Qualität des Unterrichts, insbesondere in den Fächern Englisch und Mathematik in den Klassen fünf und sechs zu verbessern. Hierzu kann auch eine stärkere Differenzierung beitragen. Vor allem soll mehr Transparenz über Leistungsstandards auch in der Grundschule hergestellt werden.

Für die Schulzeit bis zum Abitur wird vorgeschlagen, bis zur Klasse zehn generell das einheitliche Curriculum für alle Schulformen beizubehalten. Damit wird dem Expresszug mit zwölf Jahren zum Abitur nur für die Begabtesten eine Absage erteilt. Stattdessen soll für die gymnasiale Oberstufe parallel eine zwei- und eine dreijährige Form angeboten werden. Wer zwölf oder 13 Jahre bis zum Abitur benötigt, wird nach den Fähigkeiten der Schüler und nach dem Profil der Schule entschieden. Dieser Vorschlag ist intelligenter als der einer Verkürzung für alle. Allerdings bedarf es hierfür auch einer Zustimmung durch die Kultusministerkonferenz.

Die bessere Förderung für Kinder nichtdeutscher Herkunft, die Einführung einer Vorschulpflicht wie eine Einbeziehung insbesondere von Müttern in das Sprachenlernen sind Vorschläge der Kommission, die schnell umgesetzt werden sollten. Dasselbe gilt für die Förderung von Zweisprachigkeit auch bei Migrantenkindern. Den Fluchtbewegungen weg von Schulen mit zu vielen Ausländern muss durch Konzepte zur Integration der Nachbarschaft begegnet werden.

Die Schulen sollen neben den professionellen Lehrkräften auch Kompetente von draußen hereinholen. Künstler, Handwerker oder Sportler könnten für den Unterricht und andere Aktivitäten gewonnen werden.

Die in Berlin seit Jahren geforderte stärkere Autonomie für die einzelne Schule wird von der Kommission unterstützt. Schulen sollen hinsichtlich der Gestaltung der Schulprogramme, der Verwendung ihrer Finanzen und der Personalauswahl eine möglichst große Entscheidungsbefugnis erhalten. Das setzt klare Verantwortlichkeiten innerhalb der Schulen voraus, aber auch eine andere Struktur und Arbeitsweise der Schulaufsicht. Diese Vorschläge sind nicht neu, Berlin hinkt aber um Jahre hinter Entwicklungen in anderen Ländern hinterher.

Der Wahlkampf mag dazu verführt haben, Reformvorschläge auf das Niveau von Platitüden zu reduzieren und nur noch in Schlagwörtern zu reden. Dieser Bericht hat das nicht verdient. Es wäre wünschenswert, wenn sich ein parteiübergreifender Konsens finden ließe, der seinen Überlegungen eine Chance gibt. Dazu bedarf es entsprechender rechtlicher Rahmenbedingungen. Das heißt, in dieser Legislaturperiode wird möglichst schnell unter Beteiligung der Schulen ein neues Schulgesetz zu formulieren sein. Der Kommissionsbericht sollte nicht im Regal verstauben.Die Autorin war Schulsenatorin im rot/grünen Senat und arbeitet für die Böll-Stiftung.

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