Zeitung Heute : Kein Blick über den Zaun Die Nachbarn und der Tod des kleinen Mehmet

Jens Eumann[Zwickau]

Kameraleute springen aus den Autos. Sie richten ihre Objektive aufs verwaiste beige-gelbe Reihenhaus im Zechenweg der Zwickauer Geinitzsiedlung. Im Vorgarten plätschert Wasser in einen Goldfischteich. Im Nachbarhaus sitzt Eva Schrader, 59, Krankenpflegerin, auf dem Sofa und blickt betreten auf ihre blütenweiße Wohnzimmerwand – jene Wand, durch die sie oft die Schreie hörte.

Da war das Gekeife, mit dem ihr Nachbar Matthias P., 45, ein arbeitsloser Dreher, und seine Freundin Katja K., 28, „sich gegenseitig belegt haben“. Und es gab die Schreie von Kindern, von Katja K.s zwei kleinen Söhnen. „So schreien Kinder normalerweise nicht“, sagt Eva Schrader. Dass sie gezüchtigt wurden, hätten alle Nachbarn vermutet. „Aber dass der so weit geht, hätte ich nie geglaubt.“ Am Freitagmittag verstummten die Schreie des vierjährigen Mehmet für immer.

Der Fall Kevin aus Bremen hat die Menschen sensibilisiert für Elterngrausamkeit und Behördenversagen, auch die Zwickauer. Im Montag stand Mehmets Tod in allen Zeitungen, am Dienstag wurden die ersten Rücktrittsforderungen laut an die Sozialbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) – da seien Parallelen zum Bremer Fall, wo die Sozialsenatorin zurücktreten musste, fanden einige. Und doch liegt dieser Fall anders. Muss hier die Frage nach der Verantwortung in wieder eine andere Richtung gehen.

Das Kind sei von der Treppe gestürzt und bewusstlos, hatte der Lebensgefährte von Mehmets Mutter dem Notarzt erzählt. Zwar konnte der das Kind reanimieren, doch im Klinikum erlag es zwei Stunden später schweren Hirnblutungen. Der Hinweis der Ärzte auf „atypische Verletzungen“ – die Blutergüsse waren über Mehmets ganzen Körper verteilt – rief die Kripo auf den Plan. Die Obduktion erhärtete den Verdacht der Misshandlung. Mehmets Mutter und ihr Freund wurden festgenommen. Die beiden anderen Kinder, Katja K.s sechsjähriger Sohn und die einjährige Tochter beider Verdächtigen, kamen ins Heim. Drei Stunden dauerte das Verhör, dann gab Matthias P. zu, Mehmet geschlagen zu haben, „als erzieherische Maßnahme“.

„Natürlich machen sich alle hier Vorwürfe, nichts gesagt zu haben“, sagt Eva Schrader. „Ich bin alleinstehend. Ich hatte echte Angst vor dem Mann“, ergänzt sie. „Dich erpoch’ ich noch“, habe er ihr mal im Streit gedroht. Warum sie nicht die Behörden eingeschaltet habe? Schweigen. Dann: „Da braucht man Beweise. Außerdem war der für die Behörden ja kein unbeschriebenes Blatt. Das Jugendamt hat da die Schuld.“

In der Tat befand sich Katja K. von Juli 2002 bis Mai 2005 in so genannter familienunterstützender Betreuung; auch weil sie wegen Drogendelikten vorbestraft war. Doch habe es vom Arbeitersamariterbund, der die Familie mehrmals pro Woche besuchte, keine Hinweise auf Verwahrlosung oder Misshandlung der Kinder gegeben, sagt Sozialbürgermeisterin Findeiß. „Und die Betreuer sind geschult, auf solche Dinge zu achten.“ Sie selbst habe vom Fall nicht einmal Kenntnis gehabt. Kurz nachdem Katja K. ihren neuen Lebensgefährten kennenlernte, habe man die Betreuung dann eingestellt. Den Einfluss des Mannes hätten die damaligen Betreuer sogar „positiv“ eingeschätzt.

„Seit die alle hier wohnen, kann da kein Betreuer mehr da gewesen sein“, meint Angela Weichhold, 44, die zwei Häuser neben dem Tatort wohnt. „Oder die haben zumindest das eine Kind nie zu Gesicht bekommen.“ Die Bretterfestung im Garten habe Matthias P. sogar mit dem Argument begründet: „Es muss nicht jeder unsere Kinder angucken.“ Aber die Ohrfeigen, die es auch hinter den Brettern im Garten zu hageln schien, die habe man hören können. „Da war das Gebrüll der Kinder. Dann klatschte es, und es war Ruhe“, sagt Weichold. „Ich wollte das anzeigen, aber dann hat mir jemand gesagt: Da brauchst du Beweise.“ Außerdem wohne ein Polizist doch auf der anderen Seite, gleich neben dem Tatort.

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