Zeitung Heute : Kein Hitzefrei

Das muss geregelt werden, hieß es vor sechs Jahren auf der Klimakonferenz in Kyoto. Denn die Erderwärmung nimmt immer weiter zu. Bis heute ist das Protokoll nicht umgesetzt – dazu müsste auch Russland ratifizieren. Um der Umwelt trotzdem zu helfen, braucht es Tricks.

Dagmar Dehmer

Der Patient lebt. Diese Botschaft wünschten sich vor allem die Europäer von Mailand. Am Freitag endete dort die neunte Klimakonferenz der Vereinten Nationen nach zwei Wochen Verhandlungen. Und tatsächlich: Das Klimaabkommen lebt – noch. In Mailand sind die letzten noch offenen Fragen im Kyoto-Protokoll geklärt worden. Selbst für den jahrelang geführten Streit, ob und welche Aufforstungsprojekte in Entwicklungsländern die Industrieländer in ihren Klimabilanzen gutschreiben dürfen, ist ein Kompromiss gefunden. Fast auf den Tag genau sechs Jahre nach dem ersten Durchbruch bei den internationalen Klimaverhandlungen im japanischen Kyoto, fehlt nur noch, dass das Abkommen auch in Kraft tritt.

Das ist allerdings nicht absehbar – Russland fehlt. Das Abkommen kann erst umgesetzt werden, wenn es mindestens 55 Staaten, die für wenigstens 55 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen (CO2) des Jahres 1990 verantwortlich gewesen sind, ratifiziert haben. 120 Staaten haben das Kyoto-Protokoll gebilligt, aber die repräsentieren nur 44,2 Prozent der gesamten CO2-Emissionen von 1990. Nur wenn Russland ratifiziert, kann das Abkommen völkerrechtlich verbindlich werden. Denn die USA, die weltweit für den größten Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen verantwortlich sind, sind schon vor zwei Jahren aus der Vereinbarung ausgestiegen. Nur, aus Moskau kommen widersprüchliche Signale. Ein Berater des Präsidenten hat zu Beginn der Mailänder Konferenz gesagt, Russland werde nicht ratifizieren. Noch vor einem Jahr hatte Wladimir Putin aber beim UN-Weltgipfel in Johannesburg ganz anderes versprochen. Heute schweigt Putin.

Regine Günther, Klimaexpertin des World Wide Fund for Nature (WWF), hält die russische Hinhaltetaktik für Wahlkampf. Sie rechnet fest damit, dass Russland nach der Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr das Abkommen doch noch ratifizieren wird. Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) schätzt das ähnlich ein, weil Russland vom Kyoto-Protokoll gleich doppelt profitieren kann. Zum einen hat die Weltgemeinschaft Russland zugestanden, über etwa 30 Prozent mehr CO2-Emissionen zu verfügen, als es derzeit ausstößt. Durch den Zusammenbruch der klimaschädlichen Altindustrien nach 1990, hat sich Russland so ein „Emissions- Polster“ erworben, das es ganz ohne eigene Leistung an die europäischen Staaten verkaufen kann, die nicht in der Lage sind, ihre Kyoto-Ziele durch eigene Anstrengungen einzuhalten. Außerdem können die Kyoto-Staaten die russische Energieversorgung in gemeinsamen Projekten (Joint Implementation) modernisieren und so Gutschriften für ihre Klimabilanzen erwerben. Davon würden alle Partner profitieren, schließlich braucht Russland, das als Hochrisikoland für wirtschaftliches Engagement gilt, dringend Investitionen von außen.

Während „alles auf Russland wartet“, wie Regine Günther sagt, hat das Kyoto-Protokoll längst zu wirken begonnen. Selbst in den USA, deren Präsident George W. Bush die globale Klimaerwärmung hartnäckig leugnet, gibt es eine starke Gegenbewegung. Nicht nur, dass immer mehr Bundesstaaten eigene Klimagesetze erlassen, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu beschränken. Auch in der Wirtschaft ist das Thema angekommen. Inzwischen gelten CO2-Bilanzen bei den Börsen-Analysten als relevante Informationen, um die Entwicklung eines Unternehmens einschätzen zu können. Viele US-Bundesstaaten haben damit begonnen, die Pensionsfonds ihrer Bediensteten „klimarelevant“ anzulegen. Firmen, die Teil des Problems bleiben, und nicht erkennen lassen, dass sie den Klimawandel als ökonomisches Problem erkannt haben, gelten inzwischen als weniger kreditwürdig. Und spätestens, wenn die Europäische Union in zwei Jahren den Handel mit CO2-Rechten beginnt, können auch die Chefetagen der internationalen Konzerne das Thema nicht mehr ignorieren.

Zwar weisen auch die Europäer, die das Kyoto-Protokoll bisher zäh gegen die USA verteidigt haben, eine miese Klimabilanz auf. Aber Großbritannien beispielsweise hat sich bereits festgelegt. Bis 2050 soll das Land 60 Prozent weniger CO2 ausstoßen als 1990. Um dieses Ziel zu erreichen, hat das Büro des Premiers Tony Blair ein Konzept für den „Weg in eine kohlenstoffarme Zukunft“ erarbeitet, das eine umfassende Modernisierung der britischen Wirtschaft vorsieht. Deutschland ist dabei, sein Erneuerbare-Energien-Gesetz zu reformieren. Denn in einem sind sich die Europäer mit den Klimaforschern einig: Bis zum Ende des Jahrhunderts sollte die durchschnittliche Temperatur nicht um mehr als zwei Grad gestiegen sein. Sonst lassen sich die Folgen kaum noch beherrschen.

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