Zeitung Heute : Kein Land in Sicht

Fünf Berliner Kolonien stehen vor der Schließung – der Senat will die Schutzfristen nicht verlängern

Jelena Pflocksch
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„Wir sind zu alt, um noch einmal neu anzufangen.“ Pächterin Dorothea Pahl-Rugenberg (82) fürchtet, dass die Kleingartenkolonie...

Der Kirschbaum in Dorothea Pahl-Rugensteins Kleingarten neigt sich unter der Last der schweren Äste und der vielen roten Kirschen. 61 Jahre ist es her, dass die Familie den Baum gepflanzt hat. Noch viel älter ist das kleine windschiefe Häuschen im hinteren Teil des Gartens, das der Großvater der 82-Jährigen 1918 baute. Pahl-Rugenstein, die jede freie Minute im Kleingarten „Durlach“ in Berlin-Wilmersdorf verbrachte, muss ihr grünes Kleinod möglicherweise bald verlassen. Nicht nur „Durlach“, sondern noch vier weiteren Berliner Kleingartenkolonien droht im nächsten Jahr das Aus, weil der Senat die 2010 auslaufenden Schutzfristen nicht verlängern will. Die Parzellen sollen durch Wohnungsbau- und Gewerbeprojekte sowie Gelände für die Rütli-Schule in Neukölln ersetzt werden.

Die attraktive Lage direkt am Volkspark Wilmersdorf, die Nähe zu Schulen und die gute Anbindung zur Autobahn mache das Grundstück zum begehrten Objekt für Stadtplaner, erklären die Laubenpieper, die sich an diesem Morgen im Nachbarschaftszelt im Herzen des Kleingartens „Durlach“ versammelt haben. Sie alle machen sich Sorgen um die 1915 gegründete Kolonie. „Unser ,Durlach’ ist sehr gefährdet“, klagt Pahl-Rugenstein. „Wir stehen ganz vorne auf der Abschussliste.“ Langfristig sei der Bau von Luxuswohnungen geplant.

„Wir fordern die Sicherung aller Kleingartenanlagen“, sagt Peter Ehrenberg, Präsident des Berliner Landesverbands der Gartenfreunde, der Kleingarten-Dachorganisation. „Wir müssen weg von den Schutzfristen, die immer nur für ein paar Jahre gelten.“ Die Laubenpieper lebten in permanenter Angst, ihren Garten aufgeben zu müssen. „Hier spielt sich das soziale Leben der Menschen ab“, betont Ehrenberg. Unter dem alten Walnussbaum spielen die Männer im Sommer Schach, im Zelt wird Kaffee und Kuchen für alle gereicht, und auch junge Familien zieht es immer öfter in die grünen Oasen der Stadt. „Die Kleingärtner haben schon genug geblutet“, findet Ehrenberg. In den vergangenen Jahren sei ihre Zahl in Berlin bereits um 5000 auf derzeit 70 000 geschrumpft. Die Wilmersdorfer Kleingärtner wollen für den Erhalt ihrer Parzellen kämpfen. Innerhalb von zwei Wochen sammelten sie knapp 6000 Unterschriften zur Rettung der bedrohten Kolonien, die sie in der vergangenen Woche im Abgeordnetenhaus einreichten. Die rot-rote Koalition blieb davon jedoch unbeeindruckt. Die SPD-Fraktion sprach zwar von einem „großen Erfolg“, dass mit verlängerten Schutzfristen eine „langfristige Sicherheit für die allermeisten Kleingärtner“ geschaffen wurde. Bei der Kolonie „Durlach“ handle es sich jedoch um ein „attraktives Grundstück“, das sich von der Größenordnung her für die Vergabe an Wohnungsbaugesellschaften eignen würde, sagte eine Sprecherin der Stadtentwicklungsverwaltung.

Kritik an den Plänen kam von der Opposition. Eine Schließung von Anlagen widerspreche den Klimaschutzzielen der Stadt, argumentierte Grünen-Naturschutzexperte Stefan Ziller. Eine Wohnbebauung könne es auch anderswo geben. Dem stimmen die „Durlach“-Kleingärtner zu. „Wir benutzen keinen Strom und kein Gift zur Schädlingsbekämpfung“, sagt Laubenpieperin Pahl-Rugenstein. Stattdessen existierten in „Durlach“ seltene Insektenarten, Füchse und Zaunkönige. Direkt nebenan befinde sich zudem eine Brache – auch eine ehemalige Kleingarten-Anlage. „Warum bauen die denn nicht da?“, fragt die Seniorin.

Eine endgültige Senatsentscheidung steht noch aus. „Wir gehen davon aus, bis Anfang August 50 000 Unterschriften gesammelt zu haben, die wir dann erneut im Abgeordnetenhaus vorlegen wollen“, sagt Ehrenberg. Sollte dies wieder erfolglos sein, müssten die Laubenpieper ihre Gärten bis Ende 2010 räumen. Ausgleichsangebote gibt es dem Gartenfreunde-Präsidenten zufolge nicht.

In eine andere Kolonie würden die „Durlach“-Gärtner sowieso nicht ziehen wollen. „Wir sind zu alt, um noch einmal neu anzufangen“, sagt einer der Kleingärtner. Außerdem lägen die meisten Anlagen zu weit draußen. „Wir hängen mit unserem Herzblut an den Gärten“, pflichtet die 82-jährige Pahl-Rugenstein ihm bei. „Ich habe hier meine ersten Schritte gemacht, jetzt kommen meine Enkel und hoffentlich bald meine Urenkel hierher.“ Sollte die Anlage geschlossen werden, bedeute dies für sie „eine Wunde, die sich nie wieder schließt“. (ddp)

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