Zeitung Heute : „Kein Mann soll meinen Frieden stören“

Das glaubt kein Mensch: Désirée Nick hat katholische Theologie studiert! Sie führt einen Kreuzzug gegen alle, die sie peinlich und dumm findet.

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Interview: Harald Martenstein und Norbert Thomma
Désirée Nick, 45, tritt vom kommenden Dienstag an mit ihrer Show „Sturzgeburt einer Legende“ in der Bar jeder Vernunft auf. Am 22. 9. erscheint ihr Buch „Was unsere Mütter uns verschwiegen haben“. Ab 24. 9. spielt sie am Potsdamer HansOtto-Theater das Stück „Am Ziel“ von Thomas Bernhard.

Frau Nick, für die „Frankfurter Rundschau“ sind Sie „die Kampfschabracke vom Dienst“, Sie seien „zynisch und schamlos“ ...

Ja, ja. Da haben die mich kopiert, ich hab mich ja selbst mal „Kampfsoubrette“ und „jüngste aller Schabracken“ genannt.

... und die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb über Sie: „Trash-Diva“, auch „Divenschlampe der Nation“ ...

Ja, ja, ja.

... und „Königin der ordinären Kalauer“. Die „taz“ nennt Sie „Erfinderin des Damenwitzes“.

Die feine Feuilletonpresse steckt einen gerne in Schubladen. Denen fällt zur mir nichts anderes ein als „Dreckschleuder“ oder „Hodenfresserin“. Und was ist, wenn ich demnächst sogar als Thomas-Bernhard-Virtuosin reüssiere? Da spiele ich eine 72-jährige Witwe in ihrer ganzen Zerbrechlichkeit und Verzweiflung. Tja, dumm gelaufen, feines Feuilleton. Ich schreibe die Texte zur eigenen Show, ich bin ewige RTL-Dschungelkönigin, Bestsellerautorin und seriöse Schauspielerin, das hat Deutschland noch nicht gesehen – das überfordert die Leute ein bisschen.

Sie werben für eine Ihrer Shows mit dem Slogan „Noch geiler, noch platter, noch billiger“.

Es ist schwer, Leute mit dreckigen Witzen zu unterhalten. Das allein würde nicht reichen. Bei mir ist geiler, platter, billiger eben lustig, und das liegt an der Fallhöhe. Denn ich suche in diesem Leben das Wahre, das Gute, das Schöne und zeige nur auf, was ich als platt und billig empfinde. Da spricht eine, die tief enttäuscht ist. Das ist mein ganz persönlicher Humor, aus dem die Wahrheit schreit.

Ein Satz wie „Manche Frauen kriegen von neuen Schuhen Blasen, bei mir ist es umgekehrt“ – ist der hart erarbeitet oder fliegt der Ihnen zu?

Mal so, mal so.

Es steckt viel Lebenserfahrung in der Erkenntnis von Ihnen: „Frauen täuschen einen Orgasmus vor, Männer simulieren ganze Beziehungen.“

Na, da applaudiert mir doch die ganze Welt! Das wird jede Frau unterschreiben. Sagen sie mal mit so wenigen Worten eine so tiefe Wahrheit über die Menschheit. Da ist das Leben auf den Punkt gebracht. Jedes Opernlibretto speist sich daraus.

Ziel Ihres Spotts sind oft schlechte Schauspielerinnen oder solche auf dem absteigenden Ast. Über Uschi Glas sagten Sie: „Ich dachte, oh, die hat aber schicke Krokodillederschuhe an, dabei war sie barfuß.“ Und über Anouschka Renzi: „Bei der haben keine zwei Körperteile das gleiche Alter.“

Wie bitte? Das sagen Sie mal Frau Glas, dass sie auf dem absteigenden Ast ist. Sie sind ja noch schlimmer als ich! Es ist mein Talent, zu wissen, bei wem es zündet. Ich suche penibel nach den richtigen Opfern, die als Lachvorlage taugen. Wenn ich Witze über Celine Dion mache, lacht kein Mensch, weil die nun leider mal gut ist. Ich brauche Figuren, die zur Groteske ihrer eigenen Lebenslüge geworden sind. Außerdem beleidige ich auf künstlerisch sehr hohem Niveau, dann ist es eigentlich keine Beleidigung mehr, dann ist es Satire. Es ist der Kardinalsfehler der deutschen Promis und jener Promis, deren Namen wir noch nie gehört haben, dass sie nicht über einen Witz auf ihre eigenen Kosten lachen können. Als ich über die Renzi sagte, sie habe sich eine Katzenklappe in den Hintern operieren lassen, ging die vor Gericht und bewies mit dem Gutachten eines Sachverständigen, dass sich in ihrem Analbereich keine Katzenklappe befindet. Echt! Alles arme Schweine in meinen Augen.

Die Lebenserfahrung zeigt: Die größten Haudraufs sind die größten Mimosen.

Das ist doch völliger Blödsinn. Ich nehme mich in meinen Shows selbst auf die Schippe.

Andere dürfen das auch?

Harald Schmidt hat ein Foto von mir eingeblendet und gesagt: Die Vogelgrippe ist zurück, Desirée Nick ist da. Fand ich genial.

Von Schmidt veralbert zu werden, ist eine Ehre?

Das auch wieder nicht. Schmidt und Stefan Raab sind so etwas von stutenbissig, die boykottieren mich. Die würden mich nie in ihre Show einladen. Ich gehe so weit zu sagen: Die hassen mich.

Frau Nick! Warum sollten die Sie hassen?

Weil sie nicht damit fertig werden, dass eine Frau auf Augenhöhe Konkurrenz sein kann. Die geben nicht einen Zentimeter ihres Terrains ab.

Haben Sie früher Alice Schwarzer gelesen, Simone de Beauvoir?

Ich bin keine Emanze. Ich finde, der Feminismus hat den Frauen einen Doppelpack aufgeladen, der die Kapazität des menschlichen Daseins weit übersteigt. Das alte Programm ist doch geblieben, Einkauf machen, Rotz abwischen, Wäsche bügeln, Hausaufgaben …, und dazu müssen sie eine qualifizierte Ausbildung haben, Geld verdienen, permanent perfekt onduliert sein und lächeln, sonst heißt es: Zicke!

Sie hätten gerne einen Mann, der richtig mithilft.

Zu spät. Mein Sohn ist fast zehn. Außerdem haben wir uns in einer solchen Idylle eingeschaukelt, ich möchte nicht, dass ein Mann diesen Frieden stört. Keine verfärbte Unterhose soll einen Schatten auf dieses wunderbare Gemälde werfen. Mir tun die Frauen leid, die sich das Programm der Emanzipation aufgehalst haben.

Sie sollen katholische Theologie studiert haben, Frau Nick. Was haben Sie dabei gelernt?

Alles. Demut. Barmherzigkeit. Gnade. Die Oma mit Demenz nicht ins Heim abschieben, sondern zu Hause pflegen. Muss ich mehr sagen? Bescheidenheit, Integrität auf der Bühne.

In Ihren Texten sind Sie eher deftig: „Wenn ich deprimiert bin, schmiere ich mir Bienengift auf die Slipeinlage.“ Würde jemand in Ihrer Show auf Begriffe wie Bescheidenheit und Demut kommen?

Absolut. Ich weiß, was ich dem Publikum schuldig bin. Da wird keiner betrogen, alle gehen reich beschenkt nach Hause.

Sie waren Tänzerin beim Ballett, Religionslehrerin, nun sind Sie Entertainerin. Das sind keine sehr logischen Schritte einer Berufslaufbahn.

Logik! Logik gibt es nicht, nicht in meinem Leben, in keinem Leben, denn Menschen sind unlogisch. Logik ist, wenn ein kleines Spatzenhirn glaubt, eins und eins ergebe zwei, aber das ist Quatsch, Einstein hat es vorgerechnet. Wie viel mehr Möglichkeiten ergeben sich im zwischenmenschlichen Bereich, zwischen Menschen, die nicht messbar sind? Logik! Die einzige Logik meines Lebens ist, dass ich leider immer wahnsinnig viel arbeiten muss.

Sie beschreiben in Ihrem Buch 100 Schritte zum Happy End, unter anderem: „Harte Arbeit zahlt sich immer aus.“

Das ist mein naiver Glaube. Ich ärgere mich, wenn es andere über die Besetzungscouch schaffen oder den richtigen Produzenten heiraten. Ich tröste mich dann mit der Erkenntnis, die succeeden nur ein paar Jahre, und was ist das schon. Als Schauspielerin musst du 60 Jahre durchhalten.

Was hat eigentlich Ihre Karriere als Religionslehrerin beendet? Sie sind rausgeflogen, heißt es.

Ich entsprach schon optisch nicht dem Klischee: olle Schrulle mit orthopädischen Schuhen. Ich habe auch Unterricht im Café gemacht. Sollte ich den Schülern sagen: Habt keinen Sex vor der Ehe. Verhütet nicht. Der Papst ist unfehlbar ... Ich hab von den revolutionären Ideen Hans Küngs erzählt,von holländischen Pfarrern, die mit Nonnen Kinder haben. Ich war meiner Zeit nur voraus.

Glauben Sie?

Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Die Institution hat mit Gott gar nichts zu tun. Aber ich bin ein gläubiger Mensch, Moral ist wichtig.

Klaus Wowereit hat mal aus einem roten Schuh von Ihnen Champagner getrunken und einen Zungenkuss mit Ihnen getauscht. Der Regierende behauptet, privat seien Sie eher introvertiert, leise.

Richtig. Dann arbeite ich ja nicht. Wenn ich meinen Beruf ausübe, kann ich ja schlecht schweigen.

Sie sind in einer bürgerlichen Familie in Charlottenburg groß geworden ...

… in dem Kiez Mommsen, Niebuhr, Leibniz, ja. Der Stiefvater war Philosophieprofessor, Mutter Schauspielerin.

Was sollte aus Ihnen werden?

Ehefrau und Mutter. Eine Frau, die selber Geld verdienen muss, galt als bemitleidenswerte Kreatur.

Klingt streng.

Strafen gab es keine. Ich war in Mathe, Physik und Chemie ein hoffnungsloser Fall. Wenn ich eine Sechs nach Hause brachte, ist Mutter mit mir Eis essen gegangen, um mich zu trösten. Sie sprach von den bösen Lehrern und sagte: „Iss mal schön dein Eis und sei nicht traurig, die merken ja gar nicht, welcher Reichtum an Schönheit, Fantasie und Subtilität in dir schlummert, alles ungebildete Idioten, ein Kind, das so ein herrliches Pferd malt, zu solchen Zensuren zu verdonnern, das zeigt die ganze Engstirnigkeit von diesen Lehrern.“ Am Ende hat sie das ganze Schulwesen in Frage gestellt.

Der Vater Ihres Sohnes ist der Welfenprinz Heinrich Julius von Hannover, er hat Sie während der Schwangerschaft verlassen. In den Zeitungen war von kleinlichem Streit um Alimente zu lesen.

Ich möchte aus Rücksicht auf meinen fast 10-jährigen Sohn nicht darüber sprechen. Er kann eines Tages selbst erzählen, was er für einen Vater hatte.

Ein Kapitel Ihres Buches heißt: „Wie man sich vor Arschlöchern schützt.“ Erstaunlich, dass auch kluge Frauen auf Hallodris reinfallen.

Na, gerade.

Wie, gerade?

Weil Emotion nichts mit Intelligenz zu tun hat. Je mehr Gefühl, desto mehr stellt der Verstand die Aktivität ein. Bauch siegt über Hirn. Das kennen Sie doch als Männer.

Sie haben Oscar, neun Jahre alt. Sie können einen Mann erziehen, der Ihren Wünschen entspricht.

Jemanden zu formen und zu biegen, fände ich würdelos. Vorbild zu sein, genügt. Wenn ich jeden Morgen um sechs Uhr die Turnschuhe anziehe und renne, muss ich nicht erzählen, wie wichtig Fitness ist. Dass man arbeiten und fleißig sein muss, das sieht er auch.

Sie sind als vulgäre Charge abgestempelt. Auch über Verona Feldbusch wurde lange gelacht, bis es hieß: Hoppla, das ist ja eine kluge Geschäftsfrau.

Die ist nicht klug. Ich hab sie erlebt, sie ist wirklich dumm und ungebildet, sie kann wirklich nicht den Dativ vom Genitiv unterscheiden. Es war genial von ihrem Manager zu sagen: Jetzt erzähl mal, du machst das mit Absicht. Verona ist beliebt, weil sie perfekt ein gewisses Frauenbild abdeckt. Sie hat eine bombastische Figur, aber dafür muss sie dämlich sein. Klug und schön – das darf eine Frau nicht sein. Bundeskanzlerin, eine Frau? Gut, doch dann bitte unattraktiv.

Vor zwei Jahren sind Sie für RTL in den australischen Dschungel gegangen, dort musste man den Kopf in schleimiges Gewürm stecken. Warum?

Ich habe ein Kind durchzufüttern und müsste bescheuert sein, ein lukratives Angebot nicht anzunehmen. Ich habe dort 24 Stunden in der Hängematte gelegen und immer mal ein paar lästige Fliegen oder Menschen verscheucht – das war die leichteste Fingerübung meines Daseins. Ich kam mir vor wie in einer Wellness-Performance.

Wie, bitte, schmecken Hoden vom Känguru?

Wie Tintenfisch. Wie Soleier. Ein bisschen nach Austern. Das ist in Australien ein beliebter Snack. Und zum Schluss haben mich elf Millionen Zuschauer zur Königin gewählt.

Weiß Ihr Sohn, was Sie machen?

Nun hören Sie mal! Ein Schlachter geht morgens um vier Uhr Kälbchen töten. Ein Pathologe geht nach dem Frühstück Leichen aufschneiden. Zahnarztassistentinnen fahren mit dem Absauger in aufgemeißelten Kiefern herum. Das könnte ich nicht. Doch da kümmert sich kein Mensch drum.

Ihnen ist nichts peinlich.

Aber ja. Frau Ferres ist mir peinlich. Sie lehnt Rollen ab aus Angst vor einer Reise nach Vulgaria.

Veronika Ferres sollte die Hauptrolle in einer Grimmelshausen-Adaption spielen, die ihr der Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino auf den Leib geschrieben hat. Sie sagte ab.

Wo lebt diese Frau? In einem Escada-Shop? War die in den letzten Jahren im Theater? Sie könnte versuchen, einen vulgären Text so zu interpretieren, dass es nicht vulgär wirkt. Peinliche Person.

Haben Sie sich mal bei jemandem entschuldigt?

Nein. Wenn ich etwas bereue, dann nur, meist zu taktvoll zu sein. Man muss krass werden, um die Leute aus dem Wachkoma zu wecken.

Was sich durch all Ihre Arbeit zieht, ist das Alter. Welkes Fleisch, Impotenz … Haben Sie Angst?

Überhaupt nicht, ich freue mich aufs Alter. Die alten Diven, dich mich faszinieren, haben in der zweiten Hälfte ihres Lebens Spuren hinterlassen: Marlene Dietrich, Zarah Leander, Marika Röck, Grete Weiser, Inge Meysel. So gesehen bin ich ein Küken. Die Madonna der Geriatrie!

Hildegard Knef sagte, altern sei furchtbar.

Ja, zu ihrer Zeit haben die Ärzte noch geübt, gib mal Hammer und Meißel für die Nase, hol mal schnell den Tacker fürs Lifting. Bei mir stimmen von Natur aus die Proportionen, das ist Gold wert. Lange Beine, langer Hals, Augen, Mund, alles sitzt richtig. Den Rest macht bei mir Licht und Botox. Ich werde mit 80 noch aussehen wie heute, Sie dürfen nur nicht mit der Lupe gucken.

In dem Stück von Thomas Bernhard spielen Sie eine Frau von 72. Waren Sie beleidigt, als Ihnen das angeboten wurde?

Im Gegenteil. Ich fühle mich geschmeichelt, dass mir diese Verwandlungskunst zugetraut wird – und einen vierstündigen Monolog von Bernhard zu sprechen. Katharina Thalbach hat mich angerufen und gesagt, um das zu lernen, brauchst du ein Jahr. Ich habe drei Monate, aber ich werde reüssieren.

Marcel Reich-Ranicki nennt Bernhard einen „düsteren Amokläufer, Dichter des Todes“.

Ich hätte ihn gerne kennen gelernt. Am liebsten würde ich auf den Friedhof fahren und ihn ausgraben. Wir hätten uns verstanden.

Bernhard wollte sich als Kind aufhängen, erzählte er, aber der Strick sei gerissen.

Ich wollte mich als Kind auch umbringen, nach jeder Ballettstunde. Doch das mit dem Strick glaube ich ihm nicht. Er kokettiert damit. Das Scheitern war die Quelle seiner Inspiration.

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