Zeitung Heute : Kein Markt für Eitelkeiten

Seine Rolex hat er vorsichtshalber abgelegt, man zeigt sich bescheiden. Thomas Haffa gibt vor dem Landgericht München den soliden Unternehmer. Der Gründer von EM.TV und sein Bruder Florian sind wegen Betrugs angeklagt. Aber verhandelt wird auch die Ungerechtigkeit der New Economy.

Barbara Nolte[München]

Eine erste Strafe haben die Brüder Haffa bereits bekommen. Am Montagmorgen um fünf vor Zehn haben drei Männer in Uniform die beiden in den Saal 101 des Münchner Landgerichtes geführt. Schon werfen ein Dutzend Tonmänner über ihnen die Mikrofon-Angeln aus, Fotografen klettern auf die Stühle und Tische der Anklagebank. Binnen Sekunden haben die Journalisten sie umringt: „Herr Haffa, was erwarten Sie für ein Urteil?“, fragt einer. Ihr Anwalt antwortet: „Wir sagen nichts.“ „Setzen Sie sich doch mal!“, fordert ein Fotograf die Brüder auf. Doch die bleiben stehen. Würden sie sich fürs Foto hinsetzen, wäre die Bildunterzeile schon so gut wie geschrieben: „Auf der Anklagebank: Florian und Thomas Haffa.“ So wollen sie keinesfalls in die Zeitungen. Deshalb harren Thomas und Florian Haffa stumm im Blitzlichtgewitter aus, ganze zehn Minuten lang. Sie schauen sehr ernst. Würde ein Fotograf auch nur ein kleines Schmunzeln auf ein Bild bannen, könnte das überheblich wirken und vielleicht den ganzen Prozess beeinflussen. Erst als die Justizbeamten die Fotografen und Kameraleute aus dem Saal schicken, entspannen sich die Gesichtszüge der Haffa-Brüder.

Symbol des Booms

An diesem Montag ist es für sie wichtig, ein gutes Bild abzugeben. Eigentlich war das in ihrer Karriere nie viel anders. Thomas, der Ältere, galt lange als Meister der Inszenierung. Haffas frühere Firma EM-TV besaß die Rechte an Kinderfilmen und der Formel1. Also posierte Haffa neben der Biene Maja oder neben einem Formel- 1-Boliden. Vielleicht gründet sich ein Teil seines Börsen-Erfolges auf die Kraft dieser Fotos: Die Leute konnten sich vorstellen, wo sie investierten. Und Kinderfilme, das war doch nett. Dass er selbst ein erfolgreicher, kraftstrotzender Firmenchef war – auch dafür lieferte er die passenden Motive: Thomas Haffa auf seiner Yacht, im Porsche, auf der Harley-Davidson. So wurde der EM.TV-Chef mit seinem immer braun gebrannten Gesicht und dem weißen Lachen zum Symbol des deutschen New-Economy-Booms. Der Prozess, der gestern vor dem Münchner Landgericht gegen ihn begann, wird nun zum Symbol der Bewältigung des Niedergangs der New Economy.

Der Vorwurf gegen Haffa: Kursbetrug. Die Höchststrafe beträgt drei Jahre. Doch das Delikt ist in Deutschland noch nie geahndet worden. Sein Bruder Florian, damals Finanzchef bei EM.TV, ist mitangeklagt. Es geht um den Herbst des Jahres 2000. EM.TV war auf der Höhe seiner Macht. In dem Jahr hatte das Unternehmen gerade die Jim Henson Company gekauft, die die Rechte der Muppets Show besaß, sowie 50 Prozent an der Formel1. EM.TV erreichte einen Börsenwert von über 15 Millionen Euro. Mehr als die Lufthansa. Dabei hatte die Lufthansa mehr Flugzeuge als EM.TV Angestellte. Doch plötzlich begann der Kurs zu bröckeln, Thomas und Florian Haffa verbreiteten weiter Optimismus. Sie beteuerten gegenüber Journalisten wie Anlegern, dass EM.TV, wie geplant, am Jahresende 300 Millionen Euro Gewinn machen werde. Am Ende machte EM.TV im Jahr 2000 einen Verlust von 1,4 Milliarden Euro. Der Staatsanwalt meint, die Haffas hätten gewusst, dass der Gewinn nicht zu halten gewesen sei. Sie hätten ihre Anleger bewusst getäuscht.

Auf der Zuschauertribüne sehen es die meisten genauso. Da sitzt Thomas Troll, Immobilienmakler aus München. Einen Tag, bevor EM.TV im Dezember schließlich doch eine Gewinnwarnung herausgab, hat er Aktien im Wert von 2000 Euro gekauft. Heute kann er von seinem gesamten EM.TV-Depot gerade noch einmal gut essen gehen. „Das sind Betrüger. Die gehören eingesperrt, und zwar in Einzelzellen bei Wasser und Brot“, sagt er. Daneben sitzt einer, den es noch härter getroffen hat: Robert Kaufmann, Werber von Beruf. 150000 Euro hat er in EM.TV investiert. Was davon übrig ist? Er winkt ab. Er zeigt auf seinen Anwalt, den er mitgebracht hat, Klaus Rotter. „Die Rechnung zahlt meine Rechtsschutzversicherung“, sagt Kaufmann. Rotter soll Schadenersatz für ihn einklagen, falls es für die Haffas einen Schuldspruch gibt. Kaufmann selbst könnte keinen Anwalt mehr bezahlen, denn er ist zurzeit arbeitslos. Und das ist der eigentliche Sprengstoff, der im Haffa-Verfahren steckt: Eigentlich wird hierbei auch die Ungerechtigkeit des Neuen- Markt-Zusammenbruchs verhandelt. Viele Kleinanleger sind verarmt, die Geldvernichter dagegen sind reich geblieben. „Die Haffas“, mischt sich Anwalt Rotter jetzt ein, „besitzen nämlich noch immer 200 bis 300 Millionen Euro.“

Deswegen ist das Bild auch so wichtig, das die Haffas heute abgeben: bodenständig, auf keinen Fall abgehoben. Wochenlang soll Thomas Haffas Anwalt Rainer Hamm seinen Auftritt mit ihm einstudiert haben. Dabei kommt es sogar auf die Manschettenknöpfe an – er trägt keine. Und die Rolex, die sonst immer an seinem Handgelenk zu sehen war, ist nicht zu entdecken. Auch ist er nicht so braun gebrannt, wie man ihn von Illustrierten-Fotos in Erinnerung hat. Er will sein monatelages Schweigen brechen.

Thomas Haffa streift also die Haare aus dem Gesicht, stützt seine Unterarme auf die abgewetzte Tischplatte und fängt zu reden an. Von seinem Vater spricht er, der Hauptgeschäftsführer eines Landmaschinenherstellers war. Und von Michaela und Petra, den Schwestern, die beide heute drei Kinder haben, und von seiner ersten Begegnung mit Leo Kirch. „Damals war ich 27. Kirch war ein Vater und Freund für mich.“ Thomas Haffa spricht nicht frei, vor ihm liegt ein weißer Block, von dem liest er ab. Er liest mit ruhiger Stimme: „Und dann habe ich für Leo Kirch den erfolgreichsten Video-Programmanbieter Europas aufgebaut.“ Haffa wirkt gar nicht zerknirscht, wie man es erwarten würde, eher sachlich, souverän. Einmal spricht er sogar von „Glück“: Ein großes Glück sei es gewesen, dass es ihm später bei EM.TV gelungen sei, die Rechte an der Comic-Figur Kwax zu kaufen. Er will sich hier vor dem Landgericht als einer darstellen, der ein solides Leben geführt und eine solide Karriere gemacht hat. Mit EM.TV hätte er auch ein solides Unternehmen aufgebaut, wären nicht plötzlich Dax und Nemax eingebrochen und hätten die Aktie von EM.TV nicht mit in den Keller gerissen. „Es ist für mich bis heute unverständlich“, sagt er, „warum EM.TV so drastisch an Wert verloren hat.“

Gefallene Helden

Sein Bruder Florian, der anschließend spricht, versucht alles, um das Bild des verkrachten BWL-Studium-Abbrechers zu revidieren, das die Presse von ihm zeichnet. Das macht er souverän. Punkt für Punkt versucht er darzustellen, dass sie sich selbst Ende November 2000 noch begründete Hoffnung auf einen hohen Gewinn machen konnten. Er berichtet von Verhandlungen mit Telekom-Chef Ron Sommer, auch mit der Allianz habe er geredet. Die Staatsanwaltschaft muss ihm erst das Gegenteil beweisen.

Die Vorsitzende Richterin Huberta Knöringer fragt dann doch, was auf der Zuschauertribüne alle hören wollen: „Wie sehen denn die Vermögensverhältnissen der Haffas aus?“ Knöringer hat übrigens gerade den Becker-Prozess beendet, sie ist sozusagen Spezialistin für Deutschlands gefallene Helden. Auf die Frage antwortet wieder nur Thomas Haffas Anwalt. „Die Verhältnisse sind geordnet, gut.“

Die Haffas selbst üben sich in neuer Bescheidenheit. Als die Richterin die Verhandlung zur Mittagspause überbrach, fragte Thomas Haffa: „Wo ist denn die Kantine hier?“ Findet man die neuen Haffas etwa bei Linseneintopf und Spezi in einer 70er-Jahre-Landgericht-Kantine im Tiefparterre?

Die einzige der Prozessbeteiligten, die dann wirklich in der Kantine sitzt, ist die Richterin. Vor ihrem Plastiktablett mit Suppe.

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