Zeitung Heute : Kein Rat ohne Rezept

Adelheid Müller-Lissner

Die Stiftung Warentest kritisiert, dass jede zweite Internetapotheke mit „mangelhaft“ zu bewerten sei. Wie groß wäre die Gefahr, wenn Kunden falsche Auskünfte erhalten oder fehlerhaft beraten werden?

Wer sich Arzneimittel schicken lässt, statt für den Einkauf in eine Apotheke zu gehen, kann im Einzelfall viel Geld sparen. Versandapotheken bieten Preisersparnisse von bis zu 60 Prozent. Auch in Puncto Arzneimittelsicherheit scheint durchaus gewissenhaft gearbeitet zu werden: Ohne Vorlage des Rezepts gibt es keine Lieferung verordnungspflichtiger Mittel. Nur: Für viele Arzneimittel besteht eine solche Rezeptpflicht nicht.

Und in Deutschland gehen jedes Jahr 650 Millionen frei verkäufliche Medikamente über den Tresen. Bei Mitteln, die man ohne ärztliche Verordnung kaufen kann, haben Apotheken eine besondere Beratungsaufgabe. Deshalb hat die Stiftung Warentest jetzt 20 der über 1000 zugelassenen Versandapotheken, bei denen man telefonisch oder per Internet seine Bestellung aufgeben kann, einem Vergleichstest unterzogen. Mittlerweile werden 1,5 Prozent des Umsatzes auf diese Weise gemacht, Tendenz steigend.

Das Vergleichsergebnis: Tatsächlich sind viele von ihnen per Hotline rund um die Uhr erreichbar – doch an der Beratung selbst hapert es. Mit Folgen. Einige Versandapotheken werben damit, dass sie die Kombinierbarkeit der bestellten Präparate prüfen. Die Tester machten die Probe aufs Exempel und fragten etwa, ob man wegen einer depressiven Verstimmung das freiverkäufliche Phytopharmakon Johanniskraut einnehmen könne, wenn man gleichzeitig zur Empfängnisverhütung die Pille nehme. Viele Auskunftspersonen sahen hier kein Problem. Sie hätten dabei aber zumindest auf die Möglichkeit aufmerksam machen müssen, dass es zu Zwischenblutungen kommen kann. Zudem wird in der Fachwelt darüber diskutiert, ob Johanniskraut die Sicherheit der Pille herabsetzen kann. Auch auf die Frage nach anderen Kombinationen oder nach dem optimalen Einnahme-Zeitpunkt kamen von sieben der 20 Anbieter falsche oder gar keine Antworten – darunter vom Marktführer DocMorris.

Für Carl Friedrich Theill, Leiter des Journals Gesundheit der Zeitschrift „Test“, ist das Ergebnis nicht überraschend: „Eine Vielzahl der Versandanbieter sind ja ganz normale Apotheken.“ Und dass deren Beratung Mängel aufweist, hatte bereits ein Vergleichstest vor einem Jahr ergeben.

In Einzelfällen übernehmen sich die klassischen Apotheken offenbar auch mit dem für sie neuen Versandgeschäft: Eine Testlieferung dauerte 13 Tage, ein testweise eingesandtes Rezept wurde erst auf Nachfragen wieder aufgefunden. Die Einlösung von Rezepten chronisch Kranker für größere Medikamentenmengen ist ein wichtiges Standbein des Apotheken-Versandhandels. Durch Spezialisierung winken Preisvorteile für Krankenkassen und Patienten, die Beratung liegt in diesen Fällen in der Hand der Ärzte.

Der Mediziner Thomas Kerckhoff, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Versandapotheker, hat auch kein Patentrezept zur Behebung der aufgedeckten Mängel. Klar aber sei: „Wir müssen verstärkt intern über unsere Qualitätsstandards reden.“

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