Zeitung Heute : Kein Schlaf bis Spandau

„Ihr Anschlusszug konnte leider nicht warten“ – „Wegen eines Böschungsbrands verzögert sich die Weiterfahrt“: Unser Reporter hat während der WM mehr Zeit im Zug verbracht als im Stadion. Und was die Bahn und er miteinander erlebten, ist spannender als manches Halbfinale.

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Vier Wochen Fußball-WM. Der Reporter will mit der Bahn durch Deutschland reisen, im Bistro seine Texte schreiben und entspannt von Stadion zu Stadion reisen. Der Reporter fährt gern mit der Bahn.

Sein erstes Spiel ist das zwischen Polen und Ekuador in Gelsenkirchen. Vor Bochum bleibt der Zug stehen. „Wegen eines Böschungsbrandes im Bereich Dortmund-Hauptbahnhof verzögert sich die Abfahrt um eine halbe Stunde“, sagt die Stimme aus dem Lautsprecher. Die Fahrgäste könnten aber die S-Bahn am Gleis gegenüber nehmen. In der S-Bahn sitzen selige Fußballfans, vor zwei Stunden werden sie den ersten Kasten Bier vernichtet haben. Mit eineinhalb Stunden Verspätung ist Gelsenkirchen erreicht.

Zwei Tage später, im ICE nach Köln, zum Spiel Angola – Portugal. Wieder brennt die Böschung, diesmal vor Düsseldorf. Nach einer knappen Stunde sind die Flammen besiegt, es klappt noch mit dem Spiel. Die Rückfahrt verzögert sich um fünfzig Minuten. Defektes Triebfahrzeug, meldet der Lautsprecher. Der Anschlusszug in Duisburg wartet nicht. Morgens um halb vier Uhr erreicht der Reporter sein Schlafquartier.

An Fronleichnam spielen Spanien und die Ukraine in Leipzig. Nach dem Spiel ist der Bahnsteig überfüllt und der ICE nach Berlin halb so lang wie üblich. „Das ist an Feiertagen immer so“, sagt der Mann von der Bahn.

Zum Achtelfinale zwischen Portugal und Holland kommt der Reporter mit einstündiger Verspätung nach Nürnberg. Schuld sind heiß gelaufene Bremsen, der Lautsprecher tröstet: „Ohne diese Pause könnten wir unsere Fahrt gar nicht fortsetzen.“

Aus Nürnberg will der Reporter über Frankfurt weiter nach Kaiserslautern. Sein Zug geht von Gleis 6, auf Gleis 7 fährt ein anderer nach Berlin. Der Reporter gibt zu: Er ist ein Trottel, ein unaufmerksamer Trottel, er telefoniert mit der Frau daheim und fragt nach der Mathematikarbeit des Sohnes, dabei steigt er in den Zug, setzt sich ins Bistro und schreibt viele, viele Zeilen über das brutale Spiel zwischen Portugal und Holland. Er ist gerade fertig, da fährt der Zug in Jena ein. Sollte er etwa den falschen …? Egal, es könnte noch reichen für Italien – Australien, nur hat leider der Zug in Jena schon zwanzig Minuten Verspätung. Der Reporter hetzt im Taxi nach Eisenach. Dafür hat er eine Stunde Zeit, das ist kaum zu schaffen, aber der Reporter überredet den Taxifahrer zu mehreren Gesetzesbrüchen und hat Glück: Der Zug ist noch nicht weg. Er ist aber auch noch nicht da, zehn Minuten Verspätung meldet die Anzeige. Plötzlich erlischt sie. Eine Dame mit Bahnkäppi spaziert die Treppe hoch, ein älterer Herr fragt, was denn nun sei mit dem Zug, er müsse zu einer Krebsuntersuchung. „Na, da kann ja auch keiner was für“, sagt die Dame. Der Zug kommt eine halbe Stunde zu spät, aber er holt auf, der Anschluss in Frankfurt könnte gerade noch so erreicht werden, wenn er zwei Minuten wartet, winzige zwei Minuten, doch der Lautsprecher zerstört alle Hoffnungen: „Ihr Anschlusszug auf Gleis 6 konnte leider nicht warten.“

Über Hannover und Berlin geht es weiter nach Hamburg. Der ICE soll den Bahnhof Südkreuz um 10.10 Uhr verlassen, aber der Lautsprecher teilt mit, dass es heute erst am Hauptbahnhof losgeht.

Noch einmal in den Westen, ins italienische Trainingsquartier nach Duisburg. Die Fahrt zurück nach Berlin ist die letzte vor dem Finale, und die Bahn trumpft noch einmal groß auf. In Hamm / Westfalen kommen eine Störung des Triebfahrzeugs, die Verspätung eines Anschlusszuges und die gewöhnliche ICE-Verspätung zusammen. Macht ein Plus von 25 Minuten. Entspannt hört der Reporter über den Lautsprecher, diesen lieb gewonnen Gefährten, welche Anschlusszüge die naiven Mitreisenden nicht mehr erreichen werden. Noch drei Stunden bis Spandau, Haupt- oder Ostbahnhof, egal, Hauptsache Berlin. Sven Goldmann

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