Zeitung Heute : Kein Spaß mehr für den Kanzler

Der Tagesspiegel

Lieber P.,

wie ich Dich kenne und Deinen Hang zum Paulaner, warst Du mit Sicherheit zum Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Ich beneide Dich nicht, weil Du Stoiber so nah warst; ich beneide Dich um die Münchner Weißwürschte. In Berlin sind sie nicht zu essen, weil die hier kein Kalbfleisch rein tun und nicht die richtigen Gewürze. Das wäre nach dem 22. September jedenfalls zu ändern.

Auf dem Weg dorthin sieht es für Gerhard Schröder zappenduster aus, während Stoibers Haupthaar bald wie ein Heiligenschein leuchtet. Ich sah den Kanzlerkandidaten neulich auf dem Bertelsmann-Forum in Gütersloh reden zu dem innovativen Thema „Laptop und Lederhose“. Abgesehen davon, dass er seinen Rede- fluss nach wie vor nicht unter Kontrolle hat und jedem, der ihm zuhört – sei es der Stammtisch oder der Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff –, die Statik des Weltgebäudes von Grund auf erklären muss: Der Kanzler sollte diesen Mann nicht unterschätzen. Er sagt, was Unternehmer und Wirtschaftsleute denken; sie würden es so nur nie ausdrücken. Ich gebe Dir ein Beispiel: „Deutschland braucht einen mentalen und psychologischen Aufbruch, wie zum Beispiel in den Vereinigten Staaten in den 50er Jahren nach dem Sputnik-Schock.“

Weißt Du noch, wie wir, jung an Jah- ren, in den 50ern angstvoll beisammen saßen, als das erste Piep-Piep aus dem Weltraum kam, der fortan Kosmos hieß? Heute ist es wieder so weit. Das Piep-Piep kommt von ganz vorne in Europa, von den volkswirtschaftlichen Spitzenreitern Spanien, Italien, Finnland, Schweden; wir hören es kaum noch, weil wir so weit hinten liegen. Und nicht nur der konservative spanische Regierungschef Aznar fragt sei- nen Freund Stoiber: Was ist denn eigentlich mit euch Deutschen los? Auch der Freund von der österreichischen Volkspartei, der Dr. Schüssel, fragt so.

Schröder hätte, ob Du es glaubst oder nicht, am nächsten Sonntag keine Chance auf den Wahlsieg. 41 Prozent würden CDU/CSU wählen, acht Prozent FDP. Das wäre die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag. Offenbar baut sich ein Wechselklima auf, was einen gar nicht wundern darf angesichts der politischen „performance“ dieser Bundesregierung, die ich Dir hiermit in Erinnerung rufe: katastrophale Informationspolitik über Afghanistan, 4,3 Millionen Arbeitslose, blockiertes Zuwanderungsgesetz, Aufstand des Mittelstandes gegen die Bevorzugung der Großindustrie, Wahlschlappe der SPD in Bayern, verkorkstes NPD-Verbotsverfahren, Rentenurteil des Verfassungsgerichts, gesetzliche Krankenversicherung weiter im Defizit, Holzmann in Schwierigkeiten (Du erinnerst Dich an die Schlagzeile 1999: „Kanzler rettet Holzmann“). Und das Schlimmste ist in die jüngsten Umfragen noch gar nicht eingeflossen: der Parteispendenskandal und die Korruptionsaffäre in Köln.

Natürlich weiß ich auch, dass Schröder nicht für alles verantwortlich ist. Aber ich sage Dir, und hier spreche ich aus Erfahrung: Es kommt in der Politik eher selten darauf an, was jemand tut. Entscheidend ist, was die Leute glauben, dass er täte.

Aliquid semper haeret – das wirst Du auf Anhieb verstehen, nicht nur weil Du als Bayer ausweislich der Pisa-Studie gebildeter bist als wir hier im Norden, sondern auch, weil das eine typisch bayerische Lebenserfahrung ist, jedenfalls seit den Zeiten von Franz Josef Strauß. Das bringt mich wieder auf Köln: Kannst Du Dir vorstellen, dass dort Millionen Schmiergelder geflossen sind, und nur bei der SPD wäre etwas hängen geblieben? Du kannst es Dir vielleicht vorstellen, weil es in Bayern seit Menschengedenken nur eine Partei gibt, auf die es ankommt. Aber in Köln waren an der Macht immer alle beteiligt, sogar die, die nicht im Rat der Stadt saßen. Man nennt das den Kölschen Klüngel, welcher eine Spezialität des rheinischen Klüngels ist. Ich werde Dir das gelegentlich näher erläutern.

Du wirst verstehen, dass aus den ge- nannten Gründen im Regierungslager in Berlin eine miserable Stimmung herrscht.

Auch weil der Kanzler sich über den seriösen Stoiber nicht mehr lustig machen darf. Das ist das eigentlich Merkwürdige an diesem Wahlkampf: Der Spaßgesellschaft scheint irgendwie die Luft ausgegangen zu sein. Alles geht so ernst zu. Ich muss mal wieder zur Dir ins lustige Bayernland kommen, vielleicht über Ostern.

Dein M.

Martin E. Süskind erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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