Zeitung Heute : Kein Zurücklehnen mehr - Die Konkurrenz hat gerade mal das Vordiplom und steht schon in den Startlöchern

Beate Henes-Karnahl

Alle Unternehmen, ob groß oder klein oder Mittelständler, wollen die Besten der Besten. Und deshalb lassen sich die Personaler immer neue Dinge einfallen, um hervorragende Mitarbeiter auf die Payroll zu bekommen. Das neueste Instrument ist die direkte Ansprache der Studenten, der Führungsnachwuchskräfte von morgen.

Erfolgsorientierte Berufstätige wissen, welche Unternehmen gute Karrierechancen bieten. Sie kennen sich selbst, wissen einiges über die Unternehmen und - vermeintlich - einiges über das Profil der Wettbewerber, mit denen sie sich bei Bewerbungen auseinanderzusetzen haben. Eine neue, bislang eher nie in Betracht gezogene Konkurrenz kommt plötzlich hinzu: Die Akademiker in spe, die Studenten von heute, die Universitäten und Fachhochschulen bevölkern. Zürücklehnen ist nicht mehr.

Immer mehr hochkarätige Unternehmen buhlen bereits rund um das Vordiplom herum um die Gunst der künftigen High-Potentials. Den Grund dafür kennt Ursula Meier, Vizedirektorin und Human Resources Manager bei ABB High Voltage Technologies in Zürich: "Das Potenzial, das von den Hochschulen kommt, wird immer kleiner."

Als eine der ersten in die Offensive gegangen ist jetzt die BMW Group: In München wurde für zukünftige Ingenieure, Wirtschaftsingenieure und Informatiker unter dem Motto "Train your Talent" vier Tage lang die Student Academy geboten.

90 Studenten, sechs aus Berlin waren auch dabei, hatten die Chance, den weiß-blauen Autobauer kennenzulernen. Beworben darauf hatten sich 621 hoffnungsfrohe Nachwuchskräfte. Doch es ging um viel mehr als um den Autobauer an sich: Die Youngster übten sich in Fallstudienrunden, im Projektmanagement und in der Teamarbeit und machten Bewerbertraining. Sie hatten eben die Chance, auch einmal die Praxis kennenzulernen - und das während des Studiums.

Dass das Unternehmen mit den schicken Autos darüber hinaus auch über die Möglichkeiten informiert hat, zusammen mit dem Hause Diplomarbeiten wie Dissertationen zu schreiben, versteht sich beinahe von selbst. Und jedem aus dieser 90-köpfigen Nachwuchsgruppe wurde unisono eine der äußerst heiß begehrten Praktikantenstellen, die ein paar Monate dauern, zugesichert.

Genau diese Information macht diese Veranstaltung so wichtig: Denn hier wächst eine Konkurrenz heran, mit der der Hochschulabsolvent oder der Berufstätige mit ein bis drei Jahren Praxis in Zukunft immer mehr rechnen muss. Je eher Unternehmen potentielle Führungsnachwuchskräfte an sich binden können, um so schwerer wird es für Jobsuchende in genau diesen Häusern als Quereinsteiger eine qualifizierte Chance zu bekommen.

Denn je frühzeitiger Konzerne wie BMW versuchen, hochqualifizierten Nachwuchs für sich zu finden, um so mehr wird sich dieser Personenkreis später, wenn er selbst eine Stelle sucht, genau an diese Adressen erinnern. Das ist Psychologie, die Auswirkungen hat auf den ganzen Arbeitsmarkt für Hochschulabsolventen und junge Berufstätige mit bis zu maximal fünf Jahren Berufserfahrung.

Deshalb gilt es heute mehr denn je, sich intensiv mit dem Unternehmen auseinanderzusetzen, für das man gerne arbeiten will. Und wie sagte Personalreferent Michael Ludäscher, Werk München, so richtig: "Prüfen Sie, bevor Sie eine Bewerbung auf den Weg bringen, was Sie dem Unternehmen zu bieten haben und nicht, was das Unternehmen für Sie tun kann". Die Intention dieser Empfehlung ist das Wissen um Bewerbungsschreiben, die selbst von scheinbar erfahrenen Hasen immer wieder falsch formuliert werden. Unternehmen, so Michael Ludäscher, wollen von einem Bewerber wissen, was er dem Unternehemen zu bieten hat. Es interessiert sie nicht, welche Chancen sich ein Bewerber von einem Arbeitsplatz bei ihnen verspricht. Und wenn in dem Anschreiben nicht formuliert ist, welchen Nutzen das Unternehmen aus einer möglichen Zusammenarbeit ziehen könnte, wandert die Bewerbung schon bei der ersten Bearbeitungstelle auf den Nein-Stapel.

Die wissenshungrigen Studenten hörten mit großen Ohren zu: Das sind wertvolle Tipps, die nicht mehr in Vergessenheit geraten werden bei ihnen. Aber diese Tipps werden den Berufsanfängern von heute das Arbeitsleben schwer machen, wenn sie sich nicht schnellstens darauf einstellen.

Deshalb gilt es unabdingbar, sich umfassend über die Unternehmen zu informieren, bei denen man sich bewerben will.

Auf den Homepages der Unternehmen sind - meist unter Stichworten wie Karriere oder Beruf - übrigens auch die Veranstaltungen zu finden, die für die jüngsten der Youngster geboten werden. Wer heute als Endsemester oder verhaltener Karriereplaner im Sinn hat, sich vielleicht in zwei Jahren bei BMW zu bewerben, muss damit rechnen, zu diesem Zeitpunkt mit geballtem Nachwuchs-Know-how zu konkurrieren.

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