Zeitung Heute : Keine Allianz fürs Leben

Heike Jahberg

Die Allianz will 7500 Stellen in Deutschland streichen. Warum baut der Konzern so viele Arbeitsplätze ab, obwohl er einen Milliardengewinn macht?


Der Betriebsrat reagierte geschockt, die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kündigte Protestaktionen und Warnstreiks an. „Wir bedauern es, dass sich die Allianz in die Konzerne einreiht, die trotz Milliardengewinnen Standorte schließen und Tausende von Arbeitsplätzen vernichten“, sagte der Vorsitzende des Allianz-Konzernbetriebsrats, Norbert Blix, am Donnerstag. Zuvor hatte das Unternehmen bekannt gegeben, dass er bis zum Jahr 2008 im Versicherungsbereich und bei der Tochter Dresdner Bank 7500 Arbeitsplätze abbauen will – und das obwohl der Konzern im Geld schwimmt. Erst wenige Monate ist es her, dass die Allianz einen Rekordgewinn von 4,5 Milliarden Euro für das vergangene Jahr verkündet hatte. In diesem Jahr sollen es noch zehn Prozent mehr werden. Das erinnert an die Deutsche Bank: Vor gut einem Jahr hatte Deutsche-BankChef Josef Ackermann in einem Atemzug einen Milliardengewinn und Stellenstreichungen angekündigt und damit eine Welle der Empörung los getreten.

Nun auch die Allianz? In den kommenden Jahren will Allianz-Chef Michael Diekmann jede sechste Vollzeitstelle streichen und jede zweite der 21 Verwaltungsstellen dichtmachen. Damit wolle man die Basis für zukünftiges profitables Wachstum in Deutschland sichern, verteidigt der Allianz-Chef sein Vorgehen, „heute können wir das aus einer Position der Stärke tun“. Wer zu lange warte, müsse später deutlich drastischere Maßnahmen ergreifen, argumentiert er.

Dass Handlungsbedarf besteht, räumen selbst Gewerkschafter ein. Der größte deutsche Versicherungskonzern verliert seit Jahren Marktanteile. Allein in den vergangenen drei Jahren sei die Zahl der Kunden um eine Million zurückgegangen, sagte der Chef der Allianz Deutschland AG, Gerhard Rupprecht. Mit den Preisen der kostengünstigen Direktversicherer kann das Traditionshaus, das seine Produkte vor allem über Vertreter anbietet, nicht mithalten. Aber auch andere Konkurrenten wie die Huk Coburg oder die Debeka, die ebenfalls mit Vertretern zusammenarbeiten, jagen der Allianz zunehmend Kunden ab.

Das liegt nicht zuletzt an der historisch gewachsenen Unternehmensstruktur. Während andere Versicherungsgesellschaften ihre Policen zentral aus einer Hand anbieten und das Geschäft straff bündeln können, ist der Münchner Konzern unübersichtlich und behäbig. Denn bei der Allianz treffen gleich zwei Probleme zusammen. Das Unternehmen hat nicht nur starke Niederlassungen in vielen Regionen, auch die verschiedenen Versicherungszweige Lebens-, Schaden- und Krankenversicherung waren traditionell in eigenen Gesellschaften organisiert. Konsequenz: Kunden, die bei der Allianz eine Lebensversicherung abgeschlossen hatten, dort auch ihr Auto versichert und sich auch noch privat krankenversichert hatten, hatten es mit drei verschiedenen Gesellschaften zu tun – die bei der Kundenbetreuung auch nicht miteinander kooperiert haben. Damit hat Konzernchef Diekmann jetzt Schluss gemacht. Die Sparten Lebens-, Kranken- und Sachversicherung werden zusammengelegt. Viele Verwaltungsstellen werden dadurch unnötig.

Was Gewerkschafter jedoch erbost, ist das Tempo, in dem Diekmann die Rationalisierungen durchziehen will. Bis 2008 soll der Umbau abgeschlossen sein. Zwar sind für das kommende Jahr betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen, aber dann? „Die Allianz hatte stets eine sozialpartnerschaftliche Struktur“, sagte Jörg Reinbrecht von Verdi. „Die Mitarbeiter waren stolz auf ihr Unternehmen“, erinnert sich der Sprecher des Fachbereichs Finanzdienstleistungen bei Verdi. Damit ist jetzt wohl erst einmal Schluss.

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