Zeitung Heute : Keine Angst, Kind!

Christian Schröder

Als sie einander zum ersten Mal begegneten, war sie 22 und er 53. Sie hatte sich einen schneidigen Herrscher-Typen mit bellender Aussprache vorgestellt, so wie sie ihn aus der Wochenschau kannte. "Doch da kam ein gemütlicher älterer Mann daher, der freundlich lächelte, leise sprach und seinen berühmten Blick in unsere Augen senkte." Wie sie das erzählt, scheint sie noch einmal zu staunen: über ihr eigenes Erstaunen von damals. Kurz danach bat er sie zum Probediktat. Anfangs war sie so nervös, dass sie mit ihren zitternden Händen keine Taste auf der Schreibmaschine richtig traf. Aber er sagte begütigend zu ihr: "Kind, haben Sie keine Angst!" Das Probediktat klappte, sie bekam den Job. Traudl Junge wurde Adolf Hitlers Privatsekretärin. Die Szene in der "Wolfsschanze", dem masurischen "Führerhauptquartier", ereignete sich Ende 1942, aber die alte Frau schildert sie so detailgenau, als wäre sie erst gestern geschehen. Ein biedermeierliches Genrebild inmitten des Grauens.

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Die Dokumentation "Im toten Winkel. Hitlers Sekretärin" ist ein Film über die Banalität des Bösen. Das Wort "Jude" ist in den zweieinhalb Jahren, die Junge in der unmittelbaren Umgebung Hitlers zugebracht hat, kein einziges Mal gefallen. Stattdessen hat der Diktator beim Mittagessen, bei dem er sich mit seinen Sekretärinnen vom Kriegführen entspannen wollte, gerne von seiner Schäferhündin "Blondi" geplaudert, die auf Befehl jaulend "wie Zarah Leander" singen konnte. Das meiste, was die ehemalige Schreibkraft zu berichten hat, sind derlei Arabesken der Zeitgeschichte, Anekdoten ohne tieferen Erkenntnisgewinn. Nicht das, was hier erzählt wird, sondern wie es erzählt wird, macht den Film zum Ereignis. Traudl Junge, deren Erinnerungen jetzt auch als Buch im Claassen Verlag erschienen sind, ringt mit ihren Worten und mit sich selber, Selbstanklagen unterbrechen immer wieder ihren Redefluss. "Im toten Winkel" ist auch das Drama einer heute 82-jährigen Frau, die mit ihrem Leben nicht fertig wird.

André Heller und Othmar Schmiderer haben Frau Junge im letzten Jahr mit einer Digitalkamera in ihrer Münchner Einzimmerwohnung besucht. Zehn Stunden Material verdichteten sie zu einem 90-Minuten-Film, der ganz auf ihre Rede vertraut. Die letzte Sequenz, in der Junge über das Ende im Berliner Führerbunker berichtet, dauert ungeschnitten fast 25 Minuten, es ist ein Höllenritt durchs Inferno. Vom surrealen Nebeneinander verzweifelt ausgelassener Trinkgelage und dem Austeilen der Zynkali-Kapseln berichtet sie, und als sie vom Mord an den sechs Goebbels-Kindern erzählt, schlägt sie voller Schmerz die Hände vors Gesicht, das einzige Mal im ganzen Film. Eines wolle sie ihren ehemaligen Chef fragen, sagt Traudl Junge, wenn sie ihn demnächst in einer anderen Welt wiedertreffen werde: "Ob er sich auch selbst vergast hätte, wenn herausgekommen wäre, dass es in seinem Stammbaum jüdische Vorfahren gab."

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